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Störbrücke in Itzehoe : Horror-Unfall: Gericht spricht 19-Jährigen schuldig

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Drei Menschen starben bei einem schweren Unfall auf der Störbrücke in Itzehoe. Ein 19-jähriger Husumer saß am Steuer - und musste sich vor Gericht verantworten. Der Richter verhängte jedoch keine Strafe.

shz.de von
erstellt am 30.Apr.2014 | 13:11 Uhr

Husum / Itzehoe | Im Prozess um den sogenannten Horror-Unfall auf der Störbrücke bei Itzehoe mit drei Toten hat das Amtsgericht Itzehoe den Angeklagten am Mittwoch wegen fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen. Der Jugendrichter verhängte gegen den 19-Jährigen jedoch keine Strafe. Der Angeklagte sei durch die Folgen des Unfalls bereits genug bestraft, sagte der Richter in der Urteilsbegründung. Er hatte bei dem Unfall neben seiner Großmutter auch seine Mutter und einen jüngeren Bruder verloren.

Das Unglück am 2. September 2013 hatte bundesweit für Entsetzen gesorgt, weil die totgeglaubte Großmutter des 19-Jährigen in einem Sarg im Leichenwagen vom Unfallort abtransportiert worden war. Der Bestatter merkte erst später, dass die 72-Jährige noch atmete. Die Frau starb zwei Tage nach dem Unfall.

Nach Einschätzung eines Sachverständigen hatten damals zwei Notärzte vor Ort Fehler gemacht. Die Frau hätte jedoch auch bei optimaler Versorgung durch den Rettungsdienst nicht überlebt, lautete sein Fazit. Der angeklagte damals 18 Jahre alte Fahranfänger war als einziger angeschnallt, als er den mit drei Erwachsenen und vier Kindern besetzten Kombi in einem Baustellenbereich auf der A23 auf die Gegenfahrbahn lenkte und frontal mit einem anderen Auto zusammenstieß. Ein weiteres Fahrzeug raste in die Unfallstelle. Wegen eines Brückenneubaus war die Autobahn dort auf eine Fahrbahn je Richtung verengt, und der Verkehr lief ohne Abgrenzung eng aneinander vorbei. Bei dem Unfall waren drei Menschen gestorben und fünf zum Teil schwer verletzt worden. Der Angeklagte ist wegen der Folgen bis heute in psychischer Behandlung.

Ob der junge Autofahrer wegen eines Sekundenschlafs die Kontrolle über den Wagen verlor oder nur für einige Sekunden abgelenkt war, ließ sich nicht feststellen. Alkohol oder Drogen waren jedoch nicht im Spiel. Auf Weisung des Gerichts muss der 19-Jährige an einer Verkehrserziehungsmaßnahme teilnehmen. Der Staatsanwalt hatte neben dem Schuldspruch eine Verwarnung des Angeklagten beantragt. Der Verteidiger hatte für seinen Mandanten Freispruch gefordert. Unfallursache hätte auch ein technischer Defekt der Lenkung im Auto sein können, begründete er seinen Antrag.

Worum dreht sich der Prozess?

Ein heute 19-Jähriger aus Husum muss sich in Itzehoe vor Gericht wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Der Angeklagte schwieg bisher zu den Vorwürfen. Der Jugendliche saß am Steuer, als er im Herbst mit einem vollbesetzten Audi A4 auf der Störbrücke bei Itzehoe in den Gegenverkehr krachte. Seine Mutter, Großmutter und sein kleiner Bruder kamen ums Leben. Bundesweit geriet der Unfall in die Schlagzeilen, weil die Großmutter zunächst für „klinisch tot“ erklärt und im Leichenwagen abtransportiert worden war. Erst später bemerkte der Bestatter, dass die 72-Jährige noch atmete, und sie kam auf eine Intensivstation. Dort starb die Frau zwei Tage nach dem Unfall. Gegenstand der Verhandlung ist, ob der junge Mann zum Zeitpunkt des Unfalls fahrtüchtig war.

Was genau geschah beim Horror-Unfall?

Es war ein Unfall, der selbst erfahrene Rettungskräfte schockierte. Der voll besetzte Audi A4 Kombi geriet am Morgen des 2. September 2013, gegen 7.20 Uhr, auf der Störbrücke bei Itzehoe in den Gegenverkehr und stieß frontal mit einem anderen Auto zusammen. Der Unfall zerstörte eine ganze Familie: Drei Menschen starben, vier wurden schwer verletzt. Es sei unklar, warum der junge Mann auf die Gegenfahrbahn geraten sei, so Staatsanwalt Uwe Dreeßen. Auf dem Beifahrersitz saß die 72-jährige Großmutter des Fahrers, hinten seine Mutter (36) und seine Brüder (6 bis 12). Die 36-jährige Frau und der jüngste Sohn sterben am Unfallort, die Großmutter wird ebenfalls für tot erklärt, erst später sollte sich herausstellen, dass dies ein schwerer Fehler war.

Wie war die Verkehrssituation?

Das Unfallgeschehen schilderten bisher mehrere Zeugen vor Gericht. Ihre Aussagen zeigten, wie verwirrend die Verkehrssituation auf der Störbrücke, wo wegen der Baustelle nur ein Fahrstreifen pro Richtung zur Verfügung steht, im Nachhinein wirkt. Es waren sich jedoch alle einig: Die durchgezogenen gelben Linien sowie ein Hinweisschild zeigten den Fahrbahnverlauf mit seinen Verschwenkungen deutlich an. Unstrittig auch: Der Audi, der Richtung Heide unterwegs war, und ein entgegenkommender VW Passat stießen frontal zusammen. „Es war wie im Fernsehen bei ‚Alarm für Cobra 11‘“, sagte ein 56-Jähriger.

Das Gutachten des Dekra-Sachverständigen geht davon aus, dass sich der VW „vollständig auf der Spur Richtung Hamburg“ befunden habe, es gebe „keinerlei Hinweise auf einen Überholvorgang“. Auch für technische Defekte am Audi fanden sich „keine Anhaltspunkte“. Fotos von der Unfallstelle zeigen, dass die Fahrbahn nass war.

War der Todesfahrer nicht fahrtüchtig?

Der Jugendliche selbst macht keine Angaben dazu. Die Rekonstruktion habe ergeben, dass beim Angeklagten ein fünf- bis achtsekündiges Reaktionsdefizit vorgelegen habe, so dass er der Fahrbahn nicht mehr aktiv folgte. „Das kann durch Ablenkung passiert sein oder durch Einschlafen.“ Alkohol- oder Drogenkonsum wurde ausgeschlossen. Durch die lang gezogene Rechtskurve sei der mit sechs Personen besetzte Audi dann automatisch auf die Gegenfahrbahn geraten und dort mindestens 50 Meter gefahren. Zwei Autos konnten ausweichen, der folgende Passat-Fahrer habe keine Chance gehabt.

Doch wie kam es zum Reaktionsdefizit? Das konnte bisher nicht geklärt werden. Der Angeklagte schweigt dazu, wo die Familie herkam und wie lange er am Lenkrad saß. Unmittelbar nach dem Unfall hieß es, dass die armenische Familie aus Husum auf dem Rückweg von einer Hochzeitsfeier war. Setzte er sich nach der Feier noch ans Steuer – und fuhr bis zum Morgengrauen? Weitere Befragungen sollen das klären.  Das könnte Folgen für das Urteil haben: „Ein bisschen Aufhellung könne bei der Frage helfen, wie erzieherisch reagiert werden muss“, meinte der Staatsanwalt. Doch auch für zwei weitere Punkte könnte es relevant sein: Die verkehrsrechtliche Einordnung – Einschlafen gilt als gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, was den Führerscheinentzug nach sich zieht – und den Familienfrieden.

Wie geht es dem 19-Jährigen heute?

An den Folgen des Unfalls leiden nicht nur die übrigen Beteiligten bis heute, wie die Zeugenaussagen zeigten. Nicht zuletzt der Angeklagte selbst, der bei dem Crash lebensgefährlich wurde, hat schwer daran zu tragen. Der junge Mann verlor seine Mutter, Großmutter und einen Bruder. Schon unmittelbar nach dem Unfall war er im Klinikum Itzehoe als selbstmordgefährdet eingeschätzt worden. Er gehe zwar wieder zur Schule und bereite sich auf das Abitur vor, doch er benötige Beruhigungs- und Schlafmittel und leide unter Alpträumen. Zu einer von den Ärzten angeratenen stationären Therapie habe er sich noch nicht durchringen können, weil er seinen Vater nicht im Stich lassen will. All das erklärte Sigurd Fabig, der Anwalt des Husumers. Der 19-Jährige selbst, der in sich bislang vor Gericht zusammengesunken mit den Händen vor dem Gesicht auf seinem Stuhl saß, machte keine Angaben.

 

Warum wurde die Großmutter irrtümlich für tot erklärt?

Der Unfall auf der Störbrücke geriet bundesweit in die Schlagzeilen. Grund ist die falsche Einschätzung einer Notärztin: Sie konnte am Unfallort keine Vitalfunktionen bei der Beifahrerin feststellen und erklärte die Schwerstverletzte fälschlich für „klinisch tot“. Doch dann geschieht, womit keiner gerechnet hatte: Im Fahrstuhl auf dem Weg in die Pathologie in Itzehoe bemerkte der Bestatter, dass die 72-Jährige noch lebte. Martin Krause, Inhaber des Itzehoer Bestattungsinstituts Alpen: „Als wir im Fahrstuhl in den Keller fuhren, bewegte sich das Tuch, mit dem die Dame zugedeckt war. Das war ein Schock.“ Sofort hätten er, sein Kollege sowie der Pathologie-Pfleger die Frau aufgedeckt. „Da haben wir gesehen, dass sie sich bewegte und atmete.“ Der Pfleger habe sofort einen Notarzt geholt, während die beiden Bestatter die Großmutter in die stabile Seitenlage gedreht hätten. Man habe sehen können, dass die Frau vom Notarzt behandelt worden war. „Es war ein EKG-Pflaster zu sehen, und sie war intubiert. So etwas habe ich in 25 Jahren als Bestatter noch nicht erlebt.“

Die Großmutter wurde von Itzehoe nach Heide gebracht und vier Stunden lang operiert. Dazu öffneten die Ärzte ihren Schädel, um Blutungen abzusaugen und den Druck der Schwellungen zu mindern. Am Tag darauf sei entschieden worden, auf eine weitere Operation zu verzichten, sagte Dr. Urs Nissen, Chefarzt der Neurochirurgie am Westküstenklinikum in Heide. Dies sei mit den Angehörigen abgestimmt worden. „Es gab keine Hoffnung mehr.“ Die Patientin starb gegen 23 Uhr.

Ärzte und Gutachter stellten sich nach dem Tod der 72-Jährigen die Frage, ob die Frau hätte gerettet werden können, wenn sie sofort in ein Krankenhaus gekommen wäre. Die verzögerte Behandlung sieht der Chefarzt aber nicht als Ursache für den Tod: „Die Stoßwelle des Unfalls hat zu tiefgreifenden Hirnschäden mit Quetschungen und Blutungen geführt, die nicht behandelbar und nicht überlebbar waren.“

Wie kam es zu dem fatalen Irrtum?

Dr. Marko Fiege (45), ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes und Chefarzt der Anästhesiologie am Klinikum Itzehoe, betonte, dass die Ärzte keinen Fehler gemacht hätten. „In so einer Situation, wenn es viele Verletzte gibt, muss man abwägen, wer wie behandelt wird“, sagte er. Die Seniorin sei mehrfach begutachtet worden. „Neben den am Unfallort nicht messbaren Vitalfunktionen war auch ihr Verletzungsbild so gravierend, dass eine Reanimation gar nicht erst versucht worden ist.“ Für die Diagnose „klinisch tot“ erfolge eine umfassende klinische Einschätzung, wobei neben dem EKG auch Blutdruck, Puls, Atmung und die jeweiligen Verletzungen einflössen, betont Arzt Marko Fiege. „Die Frau muss noch Eigenatmung gehabt haben, nur wurde sie offenbar am Unfallort nicht wahrgenommen.“

Somit sei die Entscheidung der Notärzte richtig gewesen: „Es wurden die anderen Schwerverletzten und die Kinder versorgt.“  An der Unglücksstelle herrschte große Hektik, Personen waren eingeklemmt, Kinder weinten und schrien. „Der Auftrag lautete: Rette, was zu retten ist“, erklärt Fiege. „Für alle war es ein gruseliger Tag. Darüber wird vergessen, dass die Versorgung der übrigen Patienten extrem gut geklappt hat.“

„Bundesweit ist der tragische Fall  meines Wissens der erste dieser Art“, sagt Christian Mandel, Sprecher der Rettungsdienstes Kooperation in Schleswig-Holstein und 20 Jahre lang selber im Rettungsdienst tätig. Er verwies auf das Dilemma, in das die ersten Helfer bei unerwartet großen Unfällen kommen können: „Dann gibt es mehr Verletzte als Hände, die behandeln können.“ Die Helfer fordern Verstärkung an und kümmern sich um die Unfallopfer.

Warum geriet auch die Trauerfeier in die Schlagzeilen?

Die Trauerfeier für die Toten sorgte abermals für Aufsehen, als bei einem Streit ein 35-Jähriger aus Schleswig lebensgefährlich verletzt wurde. Der Streit soll allerdings nichts mit dem Unfall oder der Beerdigung zu tun gehabt haben. „Einige Husumer stachen mehrfach mit einem Messer auf den Schleswiger ein“, erklärte Matthias Glamann, Pressesprecher der Polizeidirektion Flensburg.  Der Verletzte wurde mit dem Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus  geflogen.  Zur Beerdigung  waren  rund  600 Trauergäste aus ganz Deutschland und anderen europäischen Ländern angereist. Die für zwei Tage angesetzte Trauerfeier ging friedlich weiter. Das Gelände rund um den Sportplatz in Rantrum und die Halle war abgesperrt.

 

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