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Studien zu Operationen : Hohe Operationsrate in Flensburg – medizinisch notwendig?

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Medizinisch sind laut Studien regionale Unterschiede bei Operationen nicht zu erklären. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz klagt an: „Offensichtlich folgen die Therapien nicht den Bedürfnissen der Kranken.“

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erstellt am 12.Sep.2014 | 08:19 Uhr

Kiel/Gütersloh | Mandeln werden nach Angaben der Bertelsmann Stiftung in manchen Regionen Schleswig-Holsteins dreimal häufiger operiert als anderswo. Zu diesem Ergebnis kommen zwei Studien der Stiftung und der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die am Freitag veröffentlicht wurden. Rein medizinisch seien solche Unterschiede nicht zu erklären.

Die Bertelsmann Stiftung beobachtet nach eigenen Angaben seit 2007 die Häufigkeit von Operationen in allen 402 deutschen Kreisen und Städten. Die Stiftung und die OECD empfehlen Ärztekammern und Fachgesellschaften sowie den zuständigen Aufsichtsbehörden dringend, die Auffälligkeiten zu untersuchen. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte die Politik zum Handeln auf. „Offensichtlich folgen die Therapien nicht den Bedürfnissen der Kranken, sondern die Patienten den medizinischen Angeboten“, erklärte Vorstand Eugen Brysch auf Anfrage in Dortmund.

Nach den Erkenntnissen der Bertelsmann Stiftung bleibt das Ausmaß der regionalen Unterschiede innerhalb Deutschlands über die Jahre hinweg bei den einzelnen medizinischen Eingriffen nahezu gleich. In einigen kreisfreien Städten und Landkreisen wie Bad Kreuznach, Bremerhaven oder Delmenhorst würden seit Jahren acht Mal so vielen Kindern die Mandeln herausgenommen wie anderswo, so die Studie. Auch beim Einsatz von künstlichen Kniegelenken, bei Kaiserschnitten oder Gebärmutterentfernungen unterscheide sich die Operationshäufigkeit zwischen den Regionen um das Zwei- bis Dreifache.

„Große regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung sind ein klares Zeichen für Qualitäts-, Effizienz- und Gerechtigkeitsprobleme“, sagte OECD-Direktor Mark Pearson. In Flensburg werden nach Angaben der Stiftung seit Jahren bei fast dreimal so vielen Kindern die Gaumenmandeln herausgenommen wie im Kreis Steinburg. „Offensichtlich spielen hier andere Faktoren eine Rolle als nur die medizinische Notwendigkeit“, sagte Stiftungsvorstand Brigitte Mohn. Die Operationsrate in Flensburg sei auch in der Vergangenheit die höchste in Schleswig-Holstein gewesen und zähle zu den höchsten in Deutschland.

Verantwortlich für die großen regionalen Unterschiede sind laut Experten keineswegs nur wenige Ausreißer. Bei den Mandelentfernungen etwa weichen 137 der 402 deutschen Städte und Gemeinden um mehr als 30 Prozent vom Bundesdurchschnitt ab. Das legt die Vermutung nahe, dass betroffene Kinder in jeder dritten Stadt und jedem dritten Kreis entweder über- oder unterversorgt werden. Auffällig sei zudem, dass einige kreisfreie Städte und Kreise gleich bei mehreren Eingriffen die deutschlandweit höchsten Operationsraten aufweisen. OECD und Bertelsmann Stiftung empfehlen den Ärztekammern und Fachgesellschaften, aber auch den zuständigen Aufsichtsbehörden, diese auffälligen Regionen einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen. „Die großen regionalen Unterschiede bestehen seit längerem.“ Hinter den Zahlen könnten sich in einigen Regionen echte Fehlentwicklungen zulasten der Patienten verbergen, sagte Mohn.

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