Einkaufsparadies : Höhere Steuern treiben Dänen in Grenzmärkte

Die deutschen Grenzmärkte in den Orten direkt an der dänischen Grenze finden wachsenden Zuspruch bei den Dänen. Foto: Christian Charisius dpa
Die deutschen Grenzmärkte in den Orten direkt an der dänischen Grenze finden wachsenden Zuspruch bei den Dänen. Foto: Christian Charisius dpa

Sie sind schon lange ein gewohntes Bild im Norden: Grenzmärkte, die Dänen zu günstigen Preisen bieten, was in deren Heimat deutlich teurer ist.

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28. August 2012, 06:19 Uhr

Hellerup/Flensburg | Im Juni stürmten sie sogar nackt einen Grenzmarkt in Nordfriesland: Hunderte Dänen, die am Eröffnungstag gratis einkaufen durften, wenn sie hüllenlos shoppen. Nötig hat der Grenzhandel solche Angebote eigentlich nicht. Die nördlichen Nachbarn sehen das deutsche Grenzgebiet zunehmend als Einkaufsparadies.
Deutsche Grenzmärkte finden wachsenden Zuspruch bei den Dänen. Das ergab eine Umfrage des dänischen Handelsverbands De Samvirkende Købmænd (DSK). Demnach haben 2011 fast 60 Prozent der dänischen Haushalte Bier oder Limonade in Grenzmärkten gekauft. Dies sei die höchste Zahl, die seit 2008 in den Umfragen für das Land mit gut 5,5 Millionen Einwohnern gemessen worden sei.
Flensburg ist für Süddänemark mittlerweile ein Oberzentrum
Die Eindrücke auf deutscher Seite weichen aber etwas ab: Es gebe eher eine Verlagerung auf mehr Anbieter und weitere Sortimentsbereiche, beobachtet Lothar Raasch von der IHK Flensburg.
Die Umsätze im Grenzhandel seien "relativ stabil auf relativ hohem Niveau". Auch Artikel etwa aus dem Bekleidungsbereich, die früher nicht so gefragt gewesen seien, fänden nun Abnehmer. "Flensburg ist in Dänemark schon als Einkaufsstadt bekannt, und die Innenstadt wird immer interessanter für die Dänen." Etwa 800 Millionen Euro werden laut Raasch pro Jahr im Grenzhandel umgesetzt. In Flensburg selbst würden Käufe im Wert von etwa 60 Millionen Euro vorwiegend von Dänen getätigt. In Einkaufsparks machen Käufe von Skandinaviern demnach bis zu 25 Prozent des Umsatzes aus. Flensburg ist für Süddänemark mittlerweile ein Oberzentrum.
Die Dänen sind generell beim Thema Steuern gebeutelt
Raasch führt den gestiegenen Verbrauch wie auch der Handelsverband DSK etwa auf die Fettsteuer in Dänemark zurück. Diese wurde im Oktober 2011 eingeführt und betrifft Produkte wie Butter, Milch, Käse, Pizza und Öl, wenn sie mehr als 2,3 Prozent gesättigte Fettsäuren enthalten. Auch die Mehrwertsteuer plagt die Dänen mehr als die Deutschen: Sie liegt bei 25 Prozent. Bier wird mit umgerechnet knapp sieben Euro pro Liter reinen Alkohols besteuert, Schokolade mit 2,50 Euro pro Kilogramm. Das Steuerministerium gibt im Internet an, die Waren würden aus gesundheitlichen Erwägungen besteuert.
Die Dänen sind generell beim Thema Steuern gebeutelt: Die Belastung durch direkte und indirekte Steuern sei weltweit die höchste, berichtet jedenfalls das deutsche Auswärtige Amt über die Situation beim nördlichen Nachbarn. Der Spitzensteuersatz liegt demnach bei etwa 60 Prozent, der Durchschnittssatz bei etwa 45 Prozent. Auch die europäische Statistikbehörde Eurostat bescheinigt Dänemark, das teuerste Pflaster der EU zu sein: Das Preisniveau habe 2011 um 42,2 Prozent über dem Durchschnitt aller 27 Mitgliedsstaaten gelegen. In Deutschland waren es demnach nur 3,4 Prozent.
"Wir haben keinen Grund zu jammern"
Mit etwas Vorsicht hingegen betrachtet Erik Holm Jensen von der IGG Interessengemeinschaft der Grenzhändler auf der deutschen Seite die Zahlen des dänischen Verbandes DSK. Der Verband decke nur einen kleinen Teil des Lebensmittelhandels in Dänemark ab. Für eine genaue Bewertung der Umfrage müsse man auch genauere Zahlen kennen. Die IGG habe etwa in den vergangenen gut zwei Jahren nach einer vorsichtigen Schätzung fünf bis zehn Prozent Steigerung bei den Umsätzen im Gesamtsortiment registriert.
Auch etwa Kleider und Brillen würden gekauft oder Zahnarzt-Behandlungen wahrgenommen. So koste eine Kronenbehandlung in Dänemark umgerechnet etwa 600 Euro, bei einem dänischsprachigen Arzt in Flensburg aber nur etwa 335 Euro. Auch Alkohol sei günstiger zu bekommen. Das dänische Steuerministerium beobachte ganz genau, wie sich der Grenzhandel entwickele und im welchen Umfang dementsprechend Steuererhöhungen vertretbar seien.
Die Grenzmärkte selbst zeigen sich zufrieden mit der Situation: "Wir haben keinen Grund zu jammern", sagt ein Mitarbeiter des Grenzmarktes Poetzsch in Harrislee bei Flensburg. Es sei weniger die Zahl der Kunden gestiegen als die Menge, die jeder Kunde kaufe, meint ein Mitarbeiter eines anderen Marktes. Die Händler der Grenzmärkte würden auch stark im nördlichen Nachbarland werben, in Kronen auszeichnen und das Sortiment nach den Dänen ausrichten. So unterscheidet sich jeder Grenzmarkt von einem normalen Supermarkt zum Beispiel durch das sehr breite Angebot an Getränken - etwa Alkohol und Softdrinks - sowie Süßwaren oder auch Tiernahrung.

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