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Lübecker Johannis-Loge : Hinter den Mauern der Freimaurer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zwischen Weltverschwörung und Weltverbesserung – um kaum einen Bund ranken sich so viele Mythen wie um die Freimaurer. Für Schleswig-Holstein am Sonntag hat sich die Lübecker Loge geöffnet.

Blutopfer, Ritualmorde, Satanskult und vor allem Weltverschwörung: Gruselgeschichten über die Freimaurerei gibt es zuhauf und in der Stadtbibliothek sind sie zwischen Sekten und Scientology zu finden. Kein Wunder. Die Herren halten sich bedeckt in ihren Logen. Zutritt ist streng reglementiert, über Rituale wird geschwiegen. Weitgehend jedenfalls. Die 1772 gegründete Lübecker Johannis-Loge „Zum Füllhorn“ hat für uns einige ihrer Türen geöffnet.

Schwarze Anzüge, weiße Binder, schwarze Zylinder, weiße Handschuhe – die Herren erscheinen wie zur feierlichen Aufnahme eines Lehrlings. Fast jedenfalls. Es fehlen der Schurz und Accessoires der jeweiligen Funktionen. Tempelarbeit oder einfach Arbeit wird ein Ritual genannt, und während solch einer Arbeit trüge Jens Störtebecker als Vorsitzender Logenmeister ein Winkelmaß auf der Brust. Den Hammer, mit dem er die Arbeiten begleitet, zeigt er her, auch Winkel, Zirkel und Vereinigungsschale, das Schwert und die alte Bibel dürfen wir betrachten. Üblicherweise wäre sie aufgeschlagen, sagt der Meister, weil dies aber keine Arbeit ist, bleibt die Bibel an diesem Platz geschlossen. Man könne aber gerne vor die Tür gehen, und in ihr blättern, bietet Störtebecker an.

Hintergrund: Die Freimaurerei wurzelt in den mittelalterlichen Dombauhütten, in denen sich umherziehende, also „freie“, weil keiner ortsansässigen Zunft angehörenden Bauleute organisierten und – unter Maßgabe der Geheimhaltung – Wissen und Fähigkeiten überlieferten. Im Wandel der Zeit und schließlich inspiriert von den Ideen der Aufklärung, wurde die reale Arbeit am „rauen Stein“ zum Symbol für die Arbeit jedes Einzelnen an sich selbst. Die erste Großloge wurde 1717 in London gegründet. Aufgrund enger Handelsbeziehungen entstand schon 1737 die Freimaurerloge „Absalom zu den drei Nesseln“ in Hamburg. Heute sind in Deutschland fünf Großlogen – Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (A.F.u.A.M.), Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland (GLLFvD), Große National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ (3WK), The Grand Lodge of British Freemasons in Germany, American Canadian Grand Lodge – unter dem Dachverband Vereinigte Großlogen von Deutschland (VGL) zusammengeschlossen. In Schleswig-Holstein arbeiten 21 Logen.

 

Die Bibel und die anderen Utensilien sind zusammen mit drei Leuchtern auf einem blaubetuchten Tisch drapiert. Blau gepolstert sind in diesem Raum auch die Sitzmöbel, blau ist die Kuppel, die sich in der Raummitte wölbt und den Sternenhimmel über Schleswig-Holstein am Johannistag zeigt. Darunter große Leuchter, ebenfalls drei an der Zahl. In diesem Raum geht es um Symbole, eben auch um Zahlensymbole. Und auf dem blauen Tuch vor dem altarähnlichen Tisch ist das allsehende Auge in einem gleichwinkligen Dreieck zu sehen, das man von den US-amerikanischen Dollarnoten kennt und die Geschichten von den Logenbrüdern und ihrer Weltverschwörung immer wieder anheizt.

Siegel der „Loge zum Füllhorn“.
Siegel der „Loge zum Füllhorn“.

Weltverschwörung? Natürlich kennt Geert W. Stark, Sekretär der Johannis-Loge „Zum Füllhorn“, diese Geschichten, die die Logen mal mit Kommunisten, mal mit Faschisten, mit Satanisten, Illuminaten, Wirrköpfen jedweder Art in Verbindung bringt. „In Deutschland ist das ganz besonders hartnäckig“, sagt Stark und verweist auf General Erich Ludendorff und dessen Frau Mathilde, die nach dem Ersten Weltkrieg ihre Theorien von „überstaatlichen Mächten“ und einem „internationalen Netzwerk“ aus Juden, Jesuiten und Freimaurern verbreiteten – Verschwörungstheorien, an denen sich dann auch die Nazis gütlich taten. Arbeit im Verborgenen – das war suspekt und wurde gleich 1933 Beamten und städtischen Angestellten verboten. Und vor allem lieferten mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität die fünf Grundideale der Freimaurerei den Nationalsozialisten und – mit Ausnahme Kubas – allen Diktaturen dieser Welt Gründe genug, die Bewegung zu verbieten.

Feste Rituale: Mitglieder der Johannisloge „Loge zum Füllhorn“ in ihrem Saal.
Feste Rituale: Mitglieder der Johannisloge „Loge zum Füllhorn“ in ihrem Saal. Foto: Oalf Malzahn

Warum aber auch die Geheimniskrämerei um die Logenarbeit, warum die seltsamen Rituale? Stark führt durch das Logenhaus an der St. Annenstraße, zeigt eine Tür, hinter der sich ein dunkler Gang windet, auf dem Brüder auf dem Weg zu einem höheren Erkenntnisgrad mit Knochen, Sarg und Grabstein Symbolen für ihre Vergänglichkeit begegnen, erzählt von der Logenarbeit, bei der der Meister und zwei Aufseher ein rituelles Wechselgespräch führen und sonst nur derjenige Rederecht hat, der einen Vortrag hält, der im wahrsten Wortsinn zur Erbauung beitragen soll: Es geht um die Arbeit an sich selbst, deren Beginn ein rauer Stein symbolisiert und deren Ende ein behauener Kubus wäre, wenn es denn ein Ende gäbe, denn dass Menschenwerk nicht perfekt sein kann, zeigt schon das – absichtlich – unfertige Deckenkonstrukt im Westen dem Vorsitzenden Meister gegenüber. Der sitzt hier und überall auf der Welt sonst im Osten, ungefähr jedenfalls, je nachdem wie weit die vorgegebene Architektur das zulässt.

Lehrling, Geselle, Meister. Der Weg durch die Freimaurerei führt durch insgesamt zehn Erkenntnisstufen. „Die Lehrart erzieht die Mitglieder zu innerlich freien Menschen“, heißt es in einer Broschüre der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland, zu der die Johannisloge „Zum Füllhorn“ gehört.

Auf dem „Altar“ der Lübecker „Loge zum Füllhorn': Die Heilige Schrift und ein Schwert.
Auf dem „Altar“ der Lübecker „Loge zum Füllhorn": Die Heilige Schrift und ein Schwert. Foto: Oalf Malzahn

„Die Rituale sind mit symbolischen Darstellungen durchsetzt. Christus wird als unsichtbarer Obermeister angesehen, der die gesamte Ritterbruderschaft in ihrer ,Gotteskindschaft’ vereinigt.“ Dogmatisch im Glauben ist man nicht. Die an christlicher Lehre orientierte Johannis-Loge „Zum Füllhorn“ steht jedem offen, für den die Goldene Regel das Maß der Dinge ist und der an einen Schöpfer, den „großen Baumeister“, glaubt. Willkommen sind da auch Menschen anderer Religionen. Man spricht sich mit „Bruder“ an, begrüßt und verabschiedet sich mit brüderlicher Umarmung. Und wer stirbt, wird bei seiner Beisetzung aus der Bruderkette entlassen. So hat es Geert W. Stark bei der Beisetzung eines väterlichen Freundes erlebt. Das hat ihn neugierig und schließlich selbst zum Bruder gemacht. 2005 trat er ein, heute ist der 74-Jährige im achten Grad.

Man müsse schon bereit sein, Zeit zu investieren, sagt der Logen-Sekretär. Deshalb werden Frauen angehender Lehrlinge über das informiert, was ihren Männern begegnet (und dann um Stillschweigen gebeten). Die Teilnahme an den Arbeiten wird erwartet. Mehrere Jahre lang nicht zu erscheinen, ist ebenso ein Ausschlussgrund, wie zwei Jahre seinen Beitrag nicht zu bezahlen oder Unfrieden in der Loge zu stiften. Vorgekommen ist alles schon. Es gehe eben nicht darum, einen Zirkel aus perfekten Menschen zu bilden, sagt der Vorsitzende Logenmeister Jens Störtebecker. „Take a good man and make him better“, ist der Plan in Großbritannien formuliert. Als Gesellschaft in der Gesellschaft habe sich keine Loge verstanden.

Ein Grahl auf dem Altar.
Ein Gral auf dem Altar. Foto: Olaf Malzahn

Die Johannis-Loge „Zum Füllhorn“ finanziert unter anderem das Spielmobil und unterstützt das autonome Frauenhaus. Schon 1789 fanden sich unter den Gründern der Lübecker Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit, kurz „Gemeinnützige“, sieben Freimaurer, darunter Ludwig Suhl, Meister vom Stuhl der Loge „Zur Weltkugel“ und Christian Adolph Overbeck, dessen Gedicht „Komm, lieber Mai und mache“ der Freimaurer Wolfgang Amadeus Mozart vertonte.

 

Berühmte Logenbrüder:

Charlie Chaplin war Freimaurer und Winston Churchill (beide hat Michael Köhlmeier in seinem Roman „Zwei Herren am Strand“ in fiktiver Freundschaft verbunden).  Die Freimaurer Wolfgang Amadeus Mozart und sein Librettist Emanuel Schikaneder verarbeiten in der Oper „Die Zauberflöte“ zentrale Ideen der Freimaurerei, Mozart komponierte zudem spezielle Musiken wie die „Kleine Freimaurerkantate. Weitere berühmte Freimaurer: Gotthold Ephraim Lessing, dessen Dramatisches Gedicht „Nathan der Weise“ Paradebeispiel für die Ideen der Aufklärung wurde, der Zoologe und Reiseschriftsteller Alfred Brehm, Filmproduzent Walt Disney, die Schriftsteller Arthur Conan Doyle, Casanova, Mark Twain, Oscar Wilde, Joseph Rudyard Kipling und Kurt Tucholsky, Friedrich der Große und die Politiker George Washington, Giuseppe Garibaldi, Gustav Stresemann, Kemal Atatürk, Franklin D. Roosevelt, der Philosoph Johann Gottlieb Fichte, die Komponisten Joseph Haydn und Franz Liszt, Deutschlands Dichterfürst Goethe und sein holsteinischer Kollege Matthias Claudius, die Jazzmusiker Louis Armstrong, Count Basie, Lionel Hampton, der Verleger Axel Springer.

 

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