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Nordstrand : Hier entsteht Schleswig-Holsteins höchster Deich

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sicher auch bei Sturmflut: Auf Nordstrand versuchen sich die Küstenschützer erstmals aneinem Bauwerk, das den jüngsten Prognosen zum Klimawandel Rechnung trägt.

In der sonst so flachen Landschaft wirken sie fast wie ein Gebirge; erst recht, da die Planierraupen noch nicht die gipfelartigen Unebenheiten auf der Krone geglättet haben: die Erdmassen, die schwere Maschinen auf eine Höhe von bis zu 8,70 Meter zusammenschieben. Auf dem westlichsten Abschnitt ist schon die abschließende Kleischicht aufgebracht, auf dem größeren Teil der Baustelle jedoch entsteht erst – eine Etage tiefer – die voluminösere Schicht aus Sand. Ganz unten kippen Laster unter Getöse Kies-Geröll und steinähnliche Blöcke aus Kupferschlacke ab. So sieht es aus, wenn an der Nordwestecke Nordstrands auf einer Länge von 300 Metern Schleswig-Holsteins Antwort auf den Klimawandel entsteht: der erste Deich neuen Typs, der auf den steigenden Meeresspiegel gemäß den Prognosen des Weltklimarats ausgerichtet ist.

„Auf den Laien mag es noch wirken wie ein Messestand beim Aufbau einen Tag vor Eröffnung – da glaubt man nie, das alles rechtzeitig fertig wird“, kokettiert Johannes Oelerich, der Leiter des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz in Husum. Die 20 Bauarbeiter hier draußen zwischen Strucklahnungshörn und Norderhafen stehen unter Zeitdruck: Bis zum 15. Oktober muss die Baustelle beendet sein. Dann beginnt langsam, aber sicher die Sturmflutsaison.

Also wird die verbleibenden zwei Wochenenden durchgearbeitet, das galt auch für den 3. Oktober. „Aber keine Sorge – es wird alles klappen wie geplant“, beruhigt Oelerich. Sofern der Blanke Hans in diesem Jahr nicht außergewöhnlich früh seinen Einstand gibt und auch nicht allzu schnell Frost kommt, vertraut der Behördenchef sogar darauf, dass noch die Grasnarbe sprießt. Und wenn nicht? „Der Kleiboden ist dicht.“ Zwar gäbe es ohne Gras bei Sturmflut eine gewisse Erosion, doch die wäre ungefährlich und ließe sich im Frühjahr ausgleichen.

Sechs Wochen haben die Deichbauer im Frühjahr verloren. Der Boden entpuppte sich als schwieriger als gedacht. Wenn es da an Festigkeit fehlt, „droht der Deich abzusacken und unten nach vorne rausgedrückt zu werden“, erklärt Oelerich. Neue geologische Erkundungen und umfangreiche Berechnungen mussten her. Sie hatten zum Ergebnis, dass der Baugrund jetzt horizontal stabilisiert wird statt vertikal wie ursprünglich geplant. Ganz unten liegt jetzt auf einem Vlies ein zellenartiges Kunststoffgewebe, das wiederum mit Schotter aufgefüllt worden ist. Dann folgt als weitaus größte Masse der Füllsand – wegen der besseren Dichte eingeebnet in Schichten von nur je 30 Zentimetern – schließlich obendrauf der extrem lehmhaltige Kleiboden. Der wird zuvor binnendeichs in Sichtweite ausgebaggert. Der Füllsand hingegen stammt aus dem Watt. 400 Meter vor der Küste in Richtung Pellworm wird er von Saugbaggern herausgeholt und dann von Schuten an einen eigens errichteten Bauanleger verfrachtet.

In Gang gesetzt haben den riesigen Aufwand Rechenspiele im Licht der aktuellen Klimaforschung. Als Faustformel gilt im Küstenschutz: Soll ein Deich halten, darf der so genannte Wellenüberlauf bei Sturmflut maximal zwei Liter Wasser pro Meter und Sekunde betragen. Das nordwestliche Nordstrand lag jedoch im Worst Case bei Weitem schlechter: bei der alten Deichhöhe aus dem Jahr 1965 lässt sich nun ein Überlauf von 14 Litern pro Meter und Sekunde nicht ausschließen.

Deshalb wächst das Bollwerk nun um 70 Zentimeter nach oben. Doch das ist nicht alles. Zugleich – und das ist das eigentlich Neue – steigt der neue Deich von der Seeseite aus sanfter an als der alte: im Verhältnis 1:10 statt bisher etwa 1:6. Dadurch können Wellen sanfter auslaufen.

Vor allem erhält das Bauwerk eine mit fünf Metern doppelt so breite Krone. „Das ermöglicht späteren Generationen, noch etwas obendraufzupacken, wenn es notwendig sein sollte“, erläutert Oelerich. „Klimadeich mit Baureserve“ heißt der Deich neuen Typs deshalb im Generalplan Küstenschutz des Landes.

Zwar verursacht die jetzige Bauweise 20 Prozent mehr Kosten. „Dafür fallen bei einer weiteren Erhöhung der breiten Krone aber wiederum nur 20 Prozent der Kosten an, die nötig wären, wenn unsere Kindeskinder ganz neu bauen müssten“, erklärt der Chef des Landesbetriebs. Zwischen 26 und 82 Zentimetern hält der Weltklimarat in der Nordsee einen Meeresspiegelanstieg in den nächsten 100 Jahren für möglich. Mit dem aktuellen Zuschlag hat sich Schleswig-Holstein angesichts der Unklarheit Pi mal Daumen für die Mitte entschieden. „Die Investitionen von heute müssen wir heute begründen und nicht mit dem, was – nur vielleicht – in einem Jahrhundert sein wird“, argumentiert Oelerich.

Im nächsten April geht es weiter. Dann beginnt direkt neben dem Premieren-Stück auf Nordstrand Bauabschnitt zwei. Bauabschnitt drei steht dort für 2014/15 im Terminkalender. Insgesamt summiert sich das dreiteilige Großprojekt auf 300 000 Kubikmeter Füllsand und 70.000 Kubikmeter Kleiboden. 21 Millionen Euro wird es kosten.

350.000 Menschen und Sachwerte von 50 Milliarden Euro gilt es in Schleswig-Holstein in den ohne Deiche überflutungsgefährdeten Gebieten zu sichern. Insgesamt sollen laut Generalplan Küstenschutz bis 2025 rund 200 Millionen Euro für sicherere Deiche verbaut werden. Für 330 Abschnitte haben die Experten Rechenmodelle durchgespielt – mit dem Ergebnis, dass an zwölf Orten etwas getan werden muss. Dazu gehört Büsum, wo die Erhöhung bereits läuft, wo allerdings wegen der räumlichen Enge im dortigen Ortszentrum der „Klimadeich mit Baureserve“ nicht ganz so idealtypisch verwirklicht werden kann wie auf Nordstrand. Wiederum idealtypisch setzt sich die Liste fort mit dem Südwinkel zwischen Nordstrander Damm und Festland (wohl 2015), Dunsum und Utersum auf Föhr, Dagebüller Koog und Hauke-Haien-Koog (alle frühestens 2016), fünf Abschnitte an der Nordküste Eiderstedts (Datum offen) und vor der Seestermühler Marsch an der Unterelbe im Kreis Pinneberg (wohl 2015). „Alle Standorte werden von den Erfahrungen auf Nordstrand profitieren“, sagt Oelerich. „Auch wenn wir in Sachen Untergrund nochmal eine Schleife nehmen mussten, können wir jetzt guten Gewissens sagen: „Das neue Konzept hat seine Feuertaufe bestanden.“

 

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erstellt am 05.Okt.2013 | 10:40 Uhr

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