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Adventskalender : Heute: Das Glockenspiel der Orgel von Tönning

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie der Tönninger Kantor Christian Hoffmann zu Weihnachten alle Register zieht und „Rückenwind von oben“ gibt.

shz.de von
erstellt am 02.Dez.2013 | 06:00 Uhr

Tönning | Der Kantor von St. Laurentius in Tönning ist in seinem Element. Voller Freude führt er das Glockenspiel seiner Orgel vor, das nur dank eines Glücksfalls eingebaut wurde. 1978, als die große romantische Orgel von 1902 unter Beibehaltung des alten Prospektes von 1681 und einiger weniger Orgelpfeifen erneuert wurde, blieb tatsächlich Geld über. So kam die alte Kirche zu jenen himmlischen Tönen, die Christian Hoffmann in der Advents- und Weihnachtszeit wieder mit Inbrunst einsetzen wird. „O du fröhliche“ ohne Glockenspiel? Geht gar nicht.

Und als ob die 42 Register seiner Orgel nicht genug wären, legt der 47-Jährige auf die Frage, welche Advents- und Weihnachtslieder er besonders gerne mag, auch noch als Sänger los. „Es kommt ein Schiff geladen…“. Danach geht es auf „Tauchgang“ in das Innere der Orgel. Hoffmann liegt auf den Knien. „Sie müssen sich bücken. Dann sehen Sie erst, wie lang die größten Orgelpfeifen wirklich sind. Gut fünf Meter hoch“, sagt er.

Schließlich steuert der für Tönning, Kating und Kotzenbüll und den gesamten südlichen Teil des Kirchenkreises Nordfriesland zuständige Kreiskantor das Regal mit den Noten an, geht danach an den Orgeltisch, zieht die Register und greift in die Tasten, während die Füße über die Pedale fliegen. „Wenn man auf der Orgelbank sitzt, beginnt man zu schweben“, sagt er. Man glaubt ihm aufs Wort. Rasch springt Hoffmanns Frau an den Spieltisch, um die Notenseiten rechtzeitig umzublättern.

Der Kantor hat sich ganz offenkundig das bewahrt, was ihn in jungen Jahren zur Kirchenmusik führte. Als Kind ging er im hessischen Heimatstädtchen Bad Soden-Salmünster freiwillig in den Kinderchor, „weil es mir Spaß brachte“. Dann spielte ihm ein Schulkamerad ein Stück auf der Orgel vor. Da setzte er sich ans häusliche Klavier und begann zu üben. Wieder fügt er an: „Weil es mir Spaß brachte“. Darauf organisierte seine Mutter einen Musiklehrer. Danach kam der örtliche Kantor ins Haus, und mit fünfzehn übernahm der Junge bereits die Vertretung im Gottesdienst. „Mit einem Male hatte ich einen Job“, lacht Hoffmann, den er seitdem – ergänzt durch ein achtsemestriges Studium an der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg – bis heute ausübt.

Seit dem 1. April 1995 ist er in Tönning tätig und kommt aus dem Singen und Musizieren nicht mehr heraus. Zwei Kinderchöre leitet er, mit denen er gerade das Krippenspiel einstudiert, das am 24. Dezember um 14.30 Uhr in St. Laurentius aufgeführt wird. Finden sich denn noch genügend Kinder, die mitmachen? „Und ob“, sagt Hoffmann, „wer einmal Maria oder Josef spielen darf, vergisst das ein Leben lang nicht.“ Aber auch die anderen Jungen und Mädchen seien mit Begeisterung im Einsatz. Dabei komme es ihm nicht nur auf den musikalischen Teil an. Die Kinder sollen schließlich auch den Sinn des Krippenspiels verstehen. Auf die Frage, ob einer wohl die Namen der Heiligen drei Könige kenne, meldete sich einer seiner Schützlinge und antwortete: „Ja, sie hießen Caspar, Melchior und Baldrian.“ Den tatsächlich gemeinten Balthasar wird die Verwechselung nicht stören.

„Baldrian könnt’ ich zu Weihnachten auch gebrauchen“, lacht Hoffmann. Schließlich übt er nicht nur einmal wöchentlich mit den Kinderchören. Er ist auch Chorleiter des Probstei-Kantatenchores und der Tönninger Kantorei mit rund 50 Sängerinnen und Sängern, die den Weihnachtsgottesdienst am 24. Dezember um 23 Uhr musikalisch gestalten wird. Wenn er an diesem Abend nicht dirigiert, wird er zur Zweitorgel eilen, die vorne auf der Empore steht. Sie ist wesentlich kleiner als die Hauptorgel an der Stirnwand, aber vom Altarraum schneller zu erreichen. Kein Zweifel, der Kantor braucht Kondition, zumal er am 24. Dezember auch noch den 17 Uhr-Gottesdienst an der Orgel begleitet. Zwischendurch wird in der Familie etappenweise gefeiert.

Einen Gospelchor leitet Hoffmann auch noch. Etwa 60 Sängerinnen und Sänger zwischen acht und 70 Jahren proben jeden Mittwoch und geben regelmäßig Konzerte. Morgen, am ersten Adventssonntag, ist der Gospelchor ab 16 Uhr im Tönninger Packhaus zu hören. Bereits heute, ebenfalls um 16 Uhr, geben Kantorei und Kinderchor am selben Ort ein kleines Konzert – kostenlos.

„Sage niemand: ‚Frisia non cantat‘. Die Friesen singen – und wie“, betont der Tönninger Kantor. Wer sich davon überzeugen will: Am Sonntag, den 8. Dezember, um 18 Uhr findet in St. Laurentius ein großes Advents- und Weihnachtsliedersingen statt. Wenn Hoffmann dirigiert oder an der Orgel spielt und „Rückenwind von oben“ gibt, dürfen alle mitsingen. Zusätzlich wird die Kantorei das Gloria von Vivaldi für Chor, zwei Solistinnen, Trompete, Oboe und Streichorchester aufführen. Hauptsache, die Botschaft wird verstanden und weitergetragen und verzaubert die Menschen mit schönem Klang. So wie das Glockenspiel in seiner Orgel.

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