Konzert : Herr Pop bittet zum Tanz

Überzeugte im Hamburger Stadtpark mit wilder Show: Iggy Pop. Foto: dpa
Überzeugte im Hamburger Stadtpark mit wilder Show: Iggy Pop. Foto: dpa

Bratwurst mit trocken Brot, ein paar Biere in Druckbetankung - die beste Vorbereitung für ein Konzert mit dieser wandelnden "Fuck-Off"-Attitüde.

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20. September 2008, 06:54 Uhr

Hamburg | Drinnen auf der Freilichtbühne im Hamburger Stadtpark versucht derweil noch Jessie Evans, mit ihrem Elektropop zu begeistern. Das ist schnell vergessen. Herbstliche zehn Grad mögen es sein, wie üblich barhäuptig, in Jeans und mit langer Mähne kommt Iggy Pop unter lautem Jubel auf die Bühne gelaufen. Los gehts ohne Anwärmphase. "Im sticky deep inside" schreit er den ersten Refrain heraus, bewegt dazu seinen sehnigen Körper irgendwo zwischen klassischem Ballett und epileptischem Anfall, springt über die Bühne, schmeißt im Übermut seinen liebsten Feind - den Mikrofonständer - einem Bandkollegen knapp an der Nase vorbei.
Seine Stooges - bis auf Minuteman-Bassist Mike Watt in Originalbesetzung mit Ron Asheton (Gitarre), Scott Asheton (Schlagzeug) sowie Saxofonist Steve MacKay - legen verlässlich wie schon einst vor knapp 40 Jahren ein Fundament aus scheppernden, wüsten Drums, kreischendem Saitenlärm und pointiert eingesetzten, wütenden Sax-Einlagen. All das wird diesen Abend über nur in Nuancen variieren, der bis auf wenige neuere Stücke den Songs der ersten drei Scheiben dieser unverwüstlichen US-Punk-Legende gewidmet ist.
"Vielen Dank den deutschen Tänzern"
Und Iggy zeigt sich in Bestform: "Fuckin shit" kreischt er irgendwann bei einem seiner vielen Ausflüge in die äußersten Winkel der Bühnenaufbauten, zerrt wie ein Irrer am verhakten Mikrokabel, bis ein Techniker Erbarmen mit dem gebeutelten Equipment hat. Unzählige Male wiederholt sich die Szene, in der ihm in ehrfürchtiger Geste ein weiteres Mikro gereicht wird, nachdem er das letzte mal wieder mit Wucht auf den Boden geschmissen oder anderweitig entsorgt hat. "Turn the fucking guitar up", fordert Iggy bei der nächsten Nummer noch mehr Lärm, räkelt sich im Anschluss lasziv auf einer Verstärkerbox. Dann nimmt er Anlauf und springt ins Publikum. Dieser Mann ist 61 Jahre alt, die ihn tragende Menge liegt im Schnitt vielleicht zehn Jahre darunter, es gibt keine Verletzten.
Zu "Real cool time" hat Iggy eine neue Idee: "Dance with the Stooges", postuliert er und zerrt einen ersten Fan zu sich hinauf. Die Ordner verzweifeln, bald ist die Band hinter der wild auf der Bühne tanzenden Menge kaum mehr zu sehen. "Vielen Dank den deutschen Tänzern", versucht Pop sich in der Pause etwas ungelenk an der Landessprache, kippt sich eine Flasche Wasser über den Kopf.
Nach einer guten Stunde Vollgas gehen die Stooges ein erstes Mal von der Bühne, können von der begeisterten Menge jedoch zu einigen weiteren Nummern überzeugt werden. Nach exakt eineinhalb Stunden heißt es Abschied nehmen. Vielleicht ein Tribut ans Alter - aber nur ein ganz kleiner.

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