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Zwischen Schutz und Vergrämung : Helle dunkle Vögel: Fragen und Antworten zu Krähen und Raben in SH

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Für Krähen ist Schleswig-Holstein das Paradies auf Erden. Doch ihre Sympathiewerte gleichen mancherorts denen ansteckender Krankheiten. Dabei können die faszinierenden Geschöpfe doch beinahe alles - außer singen.

shz.de von
erstellt am 11.Mär.2015 | 21:11 Uhr

Zur Zeit der Germanen galten Raben als heilige Boten, die auf den Schultern der Helden mit in die Schlacht zogen. Die Indianer verehrten sie als weise Wesen. Doch mit Einhalt des Christentums wurden sie zeitweilig zu teuflischen Bestien verdammt, die als Begleitung der Hexen den Aberglauben über das Land treiben. Über Jahrhunderte verfolgt, wurden Raben beinahe ausgerottet.

Auch im heutigen Schleswig-Holstein ist es mit den Krähen und Raben so eine Sache. Spätestens im Frühjahr, wenn die krächzenden Mitbürger in Kolonien ihre Nester in siedlungsnahe Bäume setzen, ist der Konflikt da.

Wenn aus Kräh-Rufen Schmäh-Rufe werden: Fragen und Antworten rund um einen global verbreiteten Vogel, der außer in Feuerland und Antarktis überall zu finden ist.

Raben, Krähen – wo ist da der Unterschied?

Manche glauben, dass Krähen die Weibchen und Raben die Männchen der selben Gattung sind. Das stimmt so nicht, denn mit Geschlechtern hat die unterschiedliche Bezeichnung nichts zu tun. Richtiger wäre sogar eine Erklärung über die lautmalerischen Ursprünge der Namen: Krähen schreien: kräh, kräh, und Raben schreien: raab, raab. Krähen und Raben zählen gleichermaßen zu den Rabenvögeln (Corvidae) und damit zur selben Familie. Größere Vögel dieser Gatten werden gemeinhin als Raben, die kleineren als Krähen bezeichnet. Rabenvögel gehören zur Ordnung der Sperlingsvögel, sind also Singvögel.

Gibt es in Schleswig-Holstein außergewöhnlich viele Krähen?

Ja, Schleswig-Holstein beherbergt heutzutage beispielsweise ein Drittel des Brutbestandes der Saatkrähe in Deutschland, circa 25.000 Brutpaare. Nachdem vor allem der Mensch die Krähe Anfang der 1960er Jahre beinahe ausgerottet hatte, wurden die Vögel in den 1980er Jahren unter Schutz gestellt. Heute krähen die Vögel wieder zu vielen Tausenden auf Bäumen, doch die alten Bestände wurden nicht wieder erreicht. Durch die kleiner werdenden Grünflächen mit niedrigen Bewuchs, Wildhecken und Feldgehölzen ist es bei den stark gewachsenen Populationen zu einer Landflucht gekommen. Etwa drei Viertel der Saatkrähen brüten heute in den Städten, in denen die Nahrungsbeschaffung einfacher fällt.  Das Verhältnis der Landeier zu den Stadtvögeln hat sich damit in den letzten Jahrzehnten auf den Kopf gestellt. Die größten Kolonien finden sich heute in Rendsburg, Bad Segeberg, Neumünster und Bad Bramstedt. Augrund des Wiedererstarkens der Kolonien hatte das Umweltministerium 2005 die Verfolgung der intelligenten Tiere wieder erleichtert.

Welche Rabenvögel kommen in SH vor?
Der Koklrabe. Foto:imago/alimdi

Der imposante Kolkrabe (Corvus Corax) ist der größte hier lebende Rabenvogel  und damit auch der größte Singvogel. Mit dem auffällig breiten Schnabel, der tiefen Stimme („raab, raab)“ und den bartartigen Kehlfedern ist er kaum mit seinen Verwandten zu verwechseln. Kolkraben-Pärchen bleiben ein Leben lang zusammen und bauen ihre Nester vorzugsweise auf alten Buchen, aber auch auf Hochspannungsmasten. Die Horste werden meist über mehrere Jahre genutzt und beide Elternteile beteiligen sich an der Nahrungsbeschaffung für die Kleinen.  Gegen Ende der 1970er Jahre gab es nach Jahrzehnten der illegalen Verfolgung nur noch 128 erfasste Brutpaare im Land. Die Bestände haben sich deutlich erholt, in manchen Bereichen wurde laut Naturschutzbund (Nabu) die Bestandobergrenze erreicht.

Auch in SH ist das so eine Sache mit den Krähen und Raben.
Auch in SH ist das so eine Sache mit den Krähen und Raben. Foto:Imago/By-line

Die ruffreudige Saatkrähe (Corvus frugilegus) hat sich prächtig an das Stadtleben gewöhnt, wie man an den zahlreichen Nestern in den Bäumen der Siedlungsgebiete in SH sieht. Dort bilden die sozialen Vögel große Schlaf- und Brutkolonien. Schleswig-Holstein ist für sie der Brutverbreitungsschwerpunkt. Früher suchte sie bevorzugt Körner-Nahrung auf abgeernteten Feldern und noch immer bevorzugt sie Böden hoher Güte. Heute leben drei Viertel ihrer Population in den Städten. Anwohner fühlen sich durch ihrer Rufe und ihre Kotauscheidungen hin und wieder belästigt. Die Saatkrähe wird knapp einen halben Meter groß und hat schwarzes, im Sonnenlicht schillerndes Gefieder. Ihr auffälligstes Merkmal ist ihr vor allem am oberen Ende heller, spitzer Schnabel an einem nackten Gesicht, der sie von den anderen hier lebenden Krähen unterscheidet. Pestizide und Bejagung hatten ihre Populationsgröße deutlich sinken lassen. Sie verbleibt im Winter zum Großteil im Brutgebiet, manche Vögel aus Osteuropa suchen Quartier in westlicheren Gefilden.

Der Brutbestand der Rabenkrähe in Deutschland wird auf bis zu 800.000 Paare beziffert, das macht sie zum bundesweit häufigsten Rabenvogel. Nur auf den Halligen ist sie in SH nicht zuhaus. Ihre Größe entspricht der der Saatkrähe. Ihr Gefieder ist durchgehend mattschwarz und glänzt bei guter Beleuchtung etwas. Aufgrund ihrer stark gewachsenen Ausbreitung vermuten Kritiker eine Bedrohung von Wiesenvögeln. Das ist allerdings sehr strittig. Ein Einfluss auf den Bestand anderer Singvögel ist laut Nabu auch nicht zu erkennen.

Foto:dpa

Ein hier sehr selten gewordener Zwilling der Rabenkrähe ist die Nebelkrähe. Sie trägt ein hellgraues Gefieder mit schwarzen Flügeln und schwarzem Kopf. Im Winter kommen Zugvögel aus Osteuropa in geringer Zahl auch im Westen vor. Reine Nebelkrähenbrutpaare gibt es hierzulande nur noch in Nähe der deutsch-dänischen Grenze. Mischpaare mit Rabenkrähen sind aber häufiger anzutreffen.

Foto:imago/blickwinkel

Die Dohle fühlt sich in ländlichen Ortschaften richtig wohl und brütet bevorzugt in alten Gebäuden. Während der kleine (Größe etwa 33 cm) graue Rabenvogel im Osten des Landes eher selten anzutreffen ist, gibt es ihn an der Westküste in beinahe allen Dörfern und Kleinstädten. Dort gibt es einen höheren Grünlandanteil, der für die Nahrungssuche wichtig ist. Zudem mag die Dohle hohe, leerstehende Gebäude zum Brüten. Manche bauen ihre Nester aber auch in Baumhöhlen und brüten in Gesellschaft von Saatkrähenkolonien. Auch die Elster hat es durch die weniger werdenden grünen Wieser vom Land in die Stadt getrieben.

Mit ihrem schwarz-weißen, grün und purpur schimmernden Gefieder und ihrem langen Schwanz hat die Elster schon beinahe etwas Ähnlichkeit mit der Schwalbe. Sie gilt als diebisch und listig. Richtig ist vor allem letzteres: Die Intelligenz der Baumbrüter soll der der Menschaffen in nicht viel nachstehen. Elstern sind in der Lage, ihr Spiegelbild zu erkennen, was sonst Menschen und Affen vorbehalten ist. Durch die weniger werdenden grünen Wiesen durch die moderne Landwirtschaft hat es die Elster ebenfalls vom Land in die Stadt getrieben. Ihre heutzutage häufigere Sichtung innerorts vermittelt gelegentlich den Eindruck, ihre Bestände hätten sich drastisch erholt. Die Elsterdichte ist aber sogar abnehmend.

Dass Rabenvögel nicht immer schwarz und dunkel sind, beweist der Eichelhäher. Foto:dpa

Dass Rabenvögel nicht immer schwarz und dunkel sind, beweist der Eichelhäher, der vor allem in den Wäldern lebt, zunehmend aber auch in Städten und auf Friedhöfen anzufinden ist. Seinen Namen hat er dadurch bekommen, dass er im Herbst in großem Stil Eicheln und Bucheckern in Baumrinden und Stumpfen versteckt. Damit sorgt er für die Verbreitung der Eiche. Bei all den schweren Früchten ist er nicht gerade ein eleganter Flieger. Im Winter frisst er hauptsächlich Tierisches. Sein Bestand gilt als konstant.

Foto:Imago/By-line

Auch der in der Brut sehr scheue Tannenhäher ist inzwischen in Schleswig-Holstein zunehmend anzutreffen - nicht nur als Wintergast, sondern auch als Brüter. Sein Gefieder erinnert an das eines Stars, seine Körperlänge ist mit über 30 cm vergleichbar mit der des Eichelhähers.

Wovon ernähren sich Raben und Krähen?

Bei allen Corvus-Arten ist das Nahrungsspektrum äußerst vielfältig: Regenwürmer, verschiedene Schnakenarten, vielerart Insekten, Käfer, Beeren, Nüsse, Eicheln, Getreidekörner, Vogeleier, Samen, Abfälle, Spinnen, Kleinsäuger und Früchte stehen auf dem Speiseplan. Kolkrabe und Saatkrähe (in den Wintermonaten) gehen auch nach Aas. Der ausgeprägte Schnabel bietet ein Werkzeug zum Buddeln, Sondieren, Graben und Hacken. Eier und Jungvögel gehören auch zum Nahrungsspektrum der Rabenvögel. Ob und in inwieweit Krähen die Bestände von Bodenbrütern und Singvögeln dezimieren ist fraglich und umstritten. So kann es auch an der Entwässerung der Grünflächen liegen, dass Krähen ihren Speiseplan hinsichtlich Brutgelegen anpassen müssen. Tötungen von Lämmern durch Kolkraben sind zwar nachweisbar, doch wird belegt, dass die getöteten Tiere ohnehin tödlich geschwächt waren.

Feindbild Krähe: Die Last der Anwohner

Obwohl sie zu den Singvögeln gehören, besitzen die Rabenvögel keinen besonders melodischen Gesang - doch sie krähen trotzdem lautstark während der Brutzeit. Das macht die dunklen Aasfresser bei den genervten Anwohnern nicht gerade beliebt. Eine Faszination geht von diesen Vögeln wohl nur für Naturliebhaber aus. Aufgrund der neuen Konzentration der Nester in den Städten wächst in vielen zudem die Ansicht, es gebe eine richtige Krähenplage. Die zudem beträchtliche Kotabgabe, die dunklen Nester und die Gruselstimmung in den Parks im Frühling führt bei vielen zu einer Abneigung der düsteren Vögel. Außerdem kommt es vor, dass sie in den Abendstunden auf Dächern sitzen und mit ihren Schnäbeln hämmern. So hat es z.B. in Rendsburg bereits Initiativen zur Umsiedlung der Vögel aus bestimmten Siedlungsgebieten gegeben. Ist es zu einer Sondererlaubnis zur Vertreibung der geschützten Vögel gekommen, verlaufen die Maßnahmen jedoch meist ohne Erfolg. Ein Entfernen der Nester mit Astgabeln im Frühling führt häufig sogar zu einer Verschärfung der Probleme, weil sich Kolonien auf andere Siedlingsgebiete aufspalten. Im Oldesloer Kurpark wurden Uhus angesiedelt, um die Krähen zu vertreiben. Stör-Versuche mit dressierten Falken sind erfolglos geblieben.

Der kluge Rabe - ein Mythos?

In der nordischen Mythologie symbolisiert der Rabe die Weisheit - mit hellseherischen Fähigkeiten. Rabenvögel gelten bis heute als die Vögel mit der größten Intelligenz und Anpassungsfähigkeit - mit Fug und Recht, wie viele Untersuchungen bestätigen. Die Flexibilität ihrer Lebensführung und ihr soziales Miteinander gibt den Rabenvögeln beinahe menschliche Züge. Sie erkennen sich selbst im Spiegel und trumpfen als Improvisateure auf, die um die Ecke denken können. Beispielsweise legen Krähen in Tokio Nüsse auf den Zebrastreifen und „benutzen“ Autos während der Rotphase der Ampel als Nussknacker. Denkwege wie diese sind sonst nur bei Menschen und Primaten anzufinden. Neukaledonien-Krähen greifen zu Stöckchen, um nach Käferlarven zu stochern, die in verfaulenden Baumstämmen versteckt sind. Wissenschaftler vermuten, dass diese Intelligenz ein Produkt der ständigen Anpassung und der Sozialisation sind.

Dürfen Krähen bejagt werden?

Krähen sind europaweit durch die EU-Vogelschutzrichtlinie besonders geschützt. Unter anderem ist es per Gesetz verboten, wild lebenden Tieren der besonders geschützten Arten nachzustellen, sie zu fangen, zu verletzen, zu töten oder ihre Entwicklungsformen, Nist-, Brut-, Wohn- oder Zufluchtsstätten der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören. Eine Bejagung im Einzelfall ist aber dennoch möglich - über den Erlass entsprechender Länderverordnungen. Immer mehr Bundesländer erlassen allerdings Ausnahmegenehmigungen und geben die Vögel zum Abschuss frei. So auch im „Krähenland“ Schleswig-Holstein, wo es seit 2005 wieder per Genehmigung möglich ist, Krähen zu bejagen. Eine Bejagung von Rabenkrähen wird beispielsweise in der Feldmark Kiebitzreihe (Kreis Steinburg) durchgeführt. Sie fällt seit 2005 wieder unter das Jagdrecht in der Zeit vom 1. August bis 20. Februar.

Welche natürlichen Feinde haben die Vögel?

Habicht, Sperber und Uhu sind die größten natürlichen Feinde der Rabenvögel. Fressfeinde haben sie aber kaum. Zwar werden Rabenvögel auch von Wanderfalken und anderen Jägern attackiert, doch sie sind in diesen Fällen durchaus wehrhaft und verteidigen sich notfalls auch im Kollektiv und mit viel Geschick gegen angreifende Greifvögel.

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