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Nordseewoche : Helgoland: Invasion auf dem Fuselfelsen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Butterfahrten und Seniorenbespaßung – Helgoland hat noch immer das Image als Rentnerinsel. Einmal im Jahr, zu Pfingsten, verwandelt sich die Insel in ein Mekka für Wassersportler und Partylöwen.

shz.de von
erstellt am 06.Sep.2015 | 13:12 Uhr

Ein dumpfer Knall lässt mich hochschrecken. Rrrrumms. Von draußen höre ich aufgeregte Stimmen. Ich hebe kurz den Kopf, kann aber von meinem Platz unter Deck nicht erkennen, was da los ist. Rrrumms. Es knallt schon wieder. Ich schlüpfe in die Seestiefel und stecke den Kopf aus dem Niedergang. Nils, der Skipper, kniet vorne am Bugkorb über der Reling und versucht nach irgendwas zu greifen. Hinter ihm baut sich eine Welle auf. Aber noch bevor jemand „Achtung!“ rufen kann, bricht sie über ihm zusammen.

Klatschnass steht er zehn Minuten später da, in der Hand einen Anker. „Das war knapp“, ruft er. Der Wind pfeift, man kann ihn kaum verstehen. Wegen des hohen Seegangs hatte der Anker sich von seiner Halterung am Bug losgerissen und war mit voller Wucht vorne gegen den Bug gedonnert. Das geht ja gut los.

Wir sind auf dem Weg von Cuxhaven nach Helgoland. Jedes Jahr zu Pfingsten findet dort die Nordseewoche statt – die größte Hochsee-Regatta Deutschlands. Gesegelt werden über das ganze Wochenende mehrere Wettfahrten, angefangen mit den Zubringer-Regatten von Hamburg, Bremerhaven oder der Hallig Hooge nach Cuxhaven, von dort aus weiter nach Helgoland und einmal um die Insel herum. Für die ganz Harten geht es am Ende noch weiter bis nach Edinburgh in Schottland.

Dicht an dicht liegen die Boote im Helgoländer Hafen. Bis zu zwölf Yachten liegen hier im „Päckchen“ nebeneinander. Wer ganz außen liegt, hat es  ruhig – dafür aber den weitesten Weg zum Steg.
Dicht an dicht liegen die Boote im Helgoländer Hafen. Bis zu zwölf Yachten liegen hier im „Päckchen“ nebeneinander. Wer ganz außen liegt, hat es ruhig – dafür aber den weitesten Weg zum Steg. Foto: Brandao
 

Zu den Harten gehören wir definitiv nicht. Nach dem Anker-Vorfall sitzen mein Freund und Skipper Nils und seine Eltern Sabine und Stefan mit mir an Deck der „Bienenstich“, einer gut zehn Meter langen Segelyacht. Es regnet, es ist kalt und so richtig Lust hat irgendwie keiner mehr. Die Kälte kriecht mir langsam unter das Ölzeug, trotz fünf Lagen Klamotten, fange ich bald an zu zittern und vom Seegang wird mir schlecht. Was zum Geier mache ich hier eigentlich?

Als ich vor drei Jahren als völlige Landratte an eine eingefleischte Segler-Familie geraten bin, habe ich mich sofort verliebt. Nicht nur in den Mann, sondern auch in das Leben auf dem Wasser. Es gibt nicht viele Dinge, die einem den Kopf besser freipusten können, als ein Boot unterm Hintern und ordentlich Wind um die Nase. Da ist nur ein Problem: Ich bin nicht seefest. Ohne die passenden Drogen halte ich es keine zehn Minuten an Deck aus. Die helfen zwar, haben aber einen Nachteil – sie machen müde. Die meiste Zeit verschlafe ich unter Deck – so wie vorhin, als ich den Beinahe-Unfall mit dem Anker verpasst habe.

Die eigentlichen Regatten der Nordseewoche segeln wir nicht mit, wollen aber das lange Wochenende als Besucher auf der Insel verbringen. Denn die verwandelt sich während der Nordseewoche in ein richtiges Gute-Laune-Paradies. Meine Vorstellung von Helgoland beschränkte sich bis dahin auf Butterfahrten und Mittsechziger in Trekking-Sandalen. Wer will da schon Urlaub machen? Ich anscheinend.

Am frühen Nachmittag sehen wir die Umrisse der Insel vor uns. Obwohl der Hafen dank des früheren Ausbaus zur Seefestung unter Kaiser Wilhelm II bis zu 600 Yachten aufnehmen kann, platzt er heute aus allen Nähten. Bis zu zwölf Boote liegen hier im „Päckchen“ nebeneinander, weil es zu wenig Liegeplätze gibt. Timing ist hier alles. Wer innen am Steg liegt, hat verloren, weil einem alle übers Boot latschen. Wir liegen irgendwo in der Mitte.

Das Steuerrad ist neben der Koje mein Lieblingsplatz an Bord.
Das Steuerrad ist neben der Koje mein Lieblingsplatz an Bord. Foto: Brandao

Als Insel-Neuling steht mir als erstes ein Rundgang über die Insel bevor. Also rauf aufs Oberland, Lange Anna und Lummen gucken und alle fünf Minuten anhalten, weil wir vor einem der gefühlt hundert Krater stehen, die sich über die Insel ziehen und von der Bombardierung während des Zweiten Weltkriegs zeugen. Zu dieser Zeit pausierte die Nordseewoche gerade, erst ab 1951 wurde wieder gesegelt.

Die Geschichte der Regatta reicht aber deutlich weiter zurück. 1922 rief der Weser Yacht Club gemeinsam mit dem Norddeutschen Regatta Verein eine neue Regattaserie für die Nordseeküste ins Leben. Als Ziele wurden damals Bremerhaven, Cuxhaven oder Brunsbüttel ausgewählt, erst 1925 wurde erstmals die Hochseeinsel Helgoland angesteuert – die bis heute das Herzstück geblieben ist.

Das Pfingstwochenende ist für Wassersportler oft ein fester Termin im Kalender. Die Meisten kommen seit vielen Jahren – wegen der Regatten am Tag, vor allem aber auch wegen der Partys am Abend. Denn wenn sich rund 1500 Segler nach einer anstrengenden Wettfahrt aus ihrem salzverkrusteten Ölzeug gepellt haben, sind sie vor allem eines: durstig. Gefeiert wird meist solange, bis es draußen wieder hell wird – und dass, obwohl viele der Regatten schon in aller Herrgottsfrühe wieder beginnen.

Ein Glück, dass wir ausschlafen können. Nach dem Frühstück steht ein Einkaufsbummel auf dem Programm. Schließlich sind wir hier auf der Insel der Duty-Free-Shops. Einer davon gehört Manfred Engel, den alle nur „Manni“ nennen. Seit 50 Jahren ist er schon im Geschäft. In seinem Laden, der versteckt in einem Hinterhof abseits der Touristenwege liegt, verkauft er Rum aus Barbados, Lakritz aus Dänemark und Pfefferminz-Bonbons aus England.

Bei dem Gewusel in seinem Laden ist es schwer, Manni in ein Gespräch zu verwickeln. Die Kunden stehen Schlange, viel Zeit zum Reden bleibt da nicht – und das liegt nicht nur an der Nordseewoche. „Hier ist eigentlich immer viel los“, sagt er. Bei so viel Betrieb braucht er eigentlich mehr Mitarbeiter – vor allem während der Hochsaison. Doch das sei schwierig. Fast 5000 Euro hat schon für Anzeigen und Jobinserate ausgegeben – meist ohne Erfolg. Das Leben auf der Insel sei eben nicht jedermanns Sache.

Die Hafenkneipe „Bunte Kuh“ ist für viele Besucher die erste Anlaufstelle auf der Insel. Die Mitarbeiter kennen viele Gäste mit Namen.
Die Hafenkneipe „Bunte Kuh“ ist für viele Besucher die erste Anlaufstelle auf der Insel. Die Mitarbeiter kennen viele Gäste mit Namen. Foto: Brandao

Die Touristen kriegen davon wenig mit. In der „Bunten Kuh“, einer urigen Hafenkneipe, herrscht dichtes Gedränge am Tresen. „Das gehört hier zum Tagesgeschäft“, sagt Dominik, der Barkeeper. Die meisten Gäste begrüßt er mit Vornamen. Man kennt sich. „Viele kommen ja jedes Jahr.“ Die Stammgäste sind einer der Gründe, warum ihm das Arbeiten auf der Nordseewoche besonders schwer fällt. „Ich nehme mir jedes Jahr vor, nicht zu arbeiten, damit ich auch mal mit den Seglern zusammen einen trinken kann – aber das klappt irgendwie nie“, sagt er und zapft das nächste Bier.

Die Stimmung auf der Insel ist ausgelassen, schlecht drauf ist hier niemand. Jan aus Hamburg ist hier, um alte Freunde zu treffen. Segeln kann er nicht, er kommt seit Jahren mit der Schnellfähre und wohnt bei einem Freund unter. „Wir verbringen einfach ein richtig gutes Wochenende zusammen“, sagt er. Minigolf, Sauna, Feiern – das alles könne er zwar auch zu Hause in Hamburg . Aber das sei nicht das Gleiche. „Hier sind einfach alle gut drauf, das steckt an.“

Und er hat Recht – als wir nach drei Tagen auf der Insel wieder aus dem Hafen auslaufen und bei Rückenwind und strahlendem Sonnenschein an Deck sitzen, denke auch ich: Hier will ich nächstes Jahr wieder her.

Sie mögen Helgoland? Dann wird Sie auch unsere Multimedia-Reportage über die Seenotretter der DGzRS auf dem "Roten Felsen" interessieren. Sie finden die Reportage unter helgoland.shz.de


 

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