Helfer fühlen sich allein gelassen

Große Nachfrage in der Kleiderkammer: Viele Flüchtlinge sind seit Monaten unterwegs – in der Kaserne in Seeth können sie ihre alte Kleidung gegen Sommerkleidung tauschen.
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Große Nachfrage in der Kleiderkammer: Viele Flüchtlinge sind seit Monaten unterwegs – in der Kaserne in Seeth können sie ihre alte Kleidung gegen Sommerkleidung tauschen.

Erstes Wochenende für die Flüchtlinge in der Kaserne in Seeth: Die Freiwilligen organisieren das Leben – es gibt keine Babynahrung und keine Windeln

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20. Juli 2015, 09:52 Uhr

„Deutschland ist ein tolles Land, die Deutschen sind alle nett, ich danke Deutschland, ich bin glücklich, hier zu sein“, sagt Dr. Ali Almusleh aus Syrien. Er ruft einige seiner Landsleute und zwei Eritreer zusammen, und alle unterstreichen seine Worte teilweise in gebrochenem Englisch. Es ist das erste Wochenende für Flüchtlinge in der Stapelholmer-Kaserne in Seeth im Nordfriesland. Vergangene Woche wurde die Kaserne kurzfristig als provisorische Erstaufnahmeeinrichtung hergerichtet.

Was der Syrer Almusleh nicht erkennt – die Verhältnisse sind eher chaotisch als typisch deutsch durchorganisiert. Zwar klappt die Verpflegung, womit das Technische Hilfswerk befasst ist. Der Wachdienst steht am Tor, und in der mobilen Wache sitzen drei Polizisten, die über ihre bisherigen Erfahrungen in der provisorischen Erstaufnahme-Einrichtung keine Auskunft geben dürfen. Alles weitere aber obliegt allein der Arbeit der vielen Freiwilligen aus der Region, zwei Helfer sind sogar aus dem Süden des Landes angereist.

„Nicht einer der ganzen Offiziellen hat sich hier sehen lassen. Nicht ein Mitglied des Ortsvereins des Roten Kreuzes Seeth hat mitgeholfen“, beklagt etwa Brigitte Wottka aus der Ortschaft. Sie ist bereits am Freitag in die Kaserne eingerückt, um zu helfen. „Wir Freiwilligen haben sogar die Zimmer mit eingeräumt, die Tische im Speisesaal zurecht gerückt. Das kann es doch nicht sein.“ Und: „Für das ganze Wochenende stehen in der Kaserne vier Pakete Windeln in drei Größen zur Verfügung, vier Windeln pro Kind, das ist doch unmöglich“, schimpft Brigitte Wottka. Sie berichtet, dass freiwillige Helfer für eine Hochschwangere eine Hebamme aus Drage gerufen hätten. Diese veranlasste dann die sofortige Einlieferung in das Krankenhaus. „Es hätten womöglich in der Nacht schwere Komplikationen auftreten können, ich mag gar nicht darüber nachdenken.“

Trotz der Schwierigkeiten: Die Hilfsbereitschaft ist groß. Immer wieder kommen Autos mit Menschen aus der näheren Umgebung in die Kasernen gefahren, um Spenden abzugeben. Andrea Timm-Meves aus Seeth hat die Organisation übernommen, niemand anderes kümmerte sich darum. „Wir haben eine Kleiderkammer eingerichtet und sorgen dafür, dass die Menschen zumindest erst einmal eingekleidet werden. Viele haben nur Winterklamotten. Wir haben kleine Kinder, die so gut wie gar nichts zum Anziehen haben. “ Nicht einmal an Kinder- und Säuglingsnahrung hätten die Organisatoren des Landes gedacht. „Ein Baby bekommt seit Freitag warmes Wasser mit Yoghurt, es gibt keine Babynahrung.“ Auch an so kleinen Dingen wie Schnullern mangele es.

Die Zustände erinnern eher an ein großes Provisorium, denn an ein von der Landesregierung zu verantwortendes Aufnahmelager. Aber da gibt es Menschen wie „Nossy“. Da er aus Indonesien stammt, sei sein richtiger Name viel zu kompliziert, sagt er und nennt sich wie sein Pizzaservice. „Nossy“ aus Süderstapel ist längst in der Region verwurzelt, ist sogar Mitglied im Verband der Islandpferde-Freunde. „Wir haben mehr als genug, wir können gut etwas abgeben.“ Sein Auto ist voller Spenden und er hat allen Mitgliedern des rund 6000-Köpfe zählenden Verbandes eine E-Mail geschickt, in der auf die Not der Flüchtlinge hinweist. Zudem hat er sein schönstes Pferd in eine Auktion gestellt. „Morgen Abend endet sie, der Erlös ist zu 100   Prozent für die Menschen in der Stapelholmer-Kaserne bestimmt.“ Der Pizzamann betont, dass er nicht als Flüchtling nach Deutschland gekommen ist, sondern um zu Studieren. „In Indonesien ist es üblich, wenn ich einen Teller Essen habe, dann teile ich ihn mit demjenigen, der nichts hat.“

Petra Britz hat gemeinsam mit ihrem Mann auch Spenden in die Kleiderkammer getragen und ist sauer auf die Landesregierung. „Die wussten doch was da kommt. Die haben die Kaserne immer auf der Rechnung gehabt. Ich arbeite im Krankenhaus-Einkauf und wollte das Geschirr der Kaserne übernehmen, doch es wurde stets abgelehnt es zu verkaufen, warum wohl?“ In diese Kerbe schlägt auch Thorsten Gosch aus Seeth. „Wir wollen den Flüchtlingen gerne helfen, aber man hätte viel früher Bescheid geben müssen, zumindest dass die Kaserne weiterhin eine Option als Erstaufnahme-Lager ist.“ Auch Achim Callesen aus dem benachbarten Norderstapel engagiert sich: Er versucht mit Hilfe von Bekannten dafür zu sorgen, dass Anfang der Woche Waschmaschinen bereit stehen. Derzeit gibt es eine für 80 Familien. „Ich will gerne helfen, ich glaube auch meine Bekannten machen da mit“, sagt der Inhaber eines Hausmeisterservice.

Und was sagen die vielen freiwilligen Helfer, die am Wochenende Dienst verrichtet haben? „Wir fühlen uns allein gelassen. Das ist schon sehr chaotisch, doch wir haben uns organisiert“, so Andrea Timm-Meves. Gemeinsam mit ihrem Team nimmt sie zentral die Spenden an, bis eine offizielle Stelle eingerichtet ist (Telefon 0179/9445020 – lieber SMS schicken).

Mehrere Flüchtlinge aus Syrien indes hoffen vor allem darauf darauf, dass es bald in der Einrichtung Internet gibt. „Wir haben sonst keinen Kontakt zu unseren Familien, wissen nicht, wie es in der Heimat aussieht, wie es unseren Freunden und Verwandten geht.“ Freuen würden sie sich auch, wenn es eine Verkehrsanbindung der Kaserne geben würde, denn im Augenblick fühlen sie sich wie in einem Lager. Die Kaserne liegt außerhalb von Seeth – und dort gibt es nur eine Bäckerei-Filiale, die gestern geschlossen hatte.

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