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Psychologische Betreuung : Heilung für die Bilder im Kopf

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In Schleswig-Holstein enden über 100 Verkehrsunfälle im Jahr tödlich. Die Einsatz- kräfte vor Ort sehen viele grauenvolle Bilder, die sie oftmals nur mit Hilfe von Betreuern und Psychologen verarbeiten können.

shz.de von
erstellt am 25.Jan.2010 | 04:38 Uhr

Schönberg | Die schrecklichen Bilder kann Stefan Kohle nicht vergessen: Ein VW-Bus überrollt zwischen Quickborn (Kreis Pinneberg) und Norderstedt eine Fahrradfahrerin und ihr einjähriges Kind. Beide sind sofort tot. Der Unfall ist inzwischen 26 Jahre her. Doch Kohle, der damals als junger Polizist zu den Ersten am Unfallort gehörte, erinnert sich noch an jedes Detail.
Der 46-jährige Polizeihauptkommissar aus Schönberg bei Kiel weiß nur zu gut, wie es vielen Kollegen nach schweren Einsätzen geht. Ihn selbst quälten die Unfallbilder jahrelang. Immer wieder musste er an den starren Blick des toten Kindes denken, an den verletzten Autofahrer, der zu ihm sagte: "Ich habe diese Menschen getötet". Durch Gespräche mit seiner Frau versuchte Kohle den Unfall zu verarbeiten. Dabei schossen ihm immer wieder Tränen in die Augen. Hätte ihm damals jemand psychologische Hilfe angeboten, wäre er vermutlich schneller über dieses dramatische Ereignis hinweggekommen.
Zwangsbetreuung gibt es nicht
Das war mit ein Grund dafür, dass sich Kohle 1998 mit 17 Kollegen zu den ersten Polizeibetreuern in Schleswig-Holstein ausbilden ließ. Mittlerweile gibt es 40 Polizeibeamte im Land, die Kollegen nach schweren Einsätzen betreuen. "Eine Zwangsbetreuung gibt es nicht. Aber wir rufen die Kollegen an und bieten ihnen eine Einsatznachbereitung an, die ihnen in der Regel hilft, ihre Stressreaktionen in den Griff zu bekommen", sagt Kohle.
Stressreaktionen - oft merken Einsatzkräfte sie erst am nächsten Tag. Schlafstörungen, Konzentrationsschwierikgeiten, Denkblockaden, Herzrasen, Bilder im Kopf, die immer wieder ablaufen - alles normale Reaktionen auf das Unglaubliche, das die Helfer erlebt haben.
Beistand für Notärzte, Feuerwehrmänner, Sanitäter und Bestatter
Das Unfassbare fassbar machen, das ist das Ziel der Einsatznachbereitung, die ein Team aus zwei Betreuern innerhalb von 72 Stunden nach einem Einsatz leiten. Auch Notärzte, Feuerwehrmänner, Sanitäter und Bestatter können daran teilnehmen.
Nach einer Vorstellungsrunde, in der jeder Helfer seine Funktion bei dem Einsatz erklärt hat, geht es ans Eingemachte. "Tal der Tränen" nennt Kohle die Gesprächsphase, in der die Betreuer fragen: "Was war dein erster Gedanke am Einsatzort?" und "Welche Situation war für dich am schlimmsten?". Oft sind es Bilder von Hirnmassen, spritzendem Blut und amputierten Gliedmaßen, die die Helfer nicht loslassen. Aber auch Geräusche, wie der Schrei eines Kindes, oder der beißende Geruch von Feuer können den Einsatzkräften zu schaffen machen. Letztendlich haben alle Helfer aber ein gemeinsames Problem: Sie bekommen ihre Gedanken nicht sortiert. "In der Gesprächsrunde können sie sich das Erlebte von der Seele reden und bekommen zusätzlich die Eindrücke anderer Einsatzkräfte mit. Dadurch vervollständigt sich das Puzzle, das Ereignis wird greifbarer", so Kohle.
Stress-Symptome bekämpfen
Außerdem geben die Betreuer den Kollegen Tipps, wie sie Stress-Symptome am besten bekämpfen. Der normale Stressabbau (ein gutes Buch lesen oder Gespräche mit Angehörigen führen) helfe hier nicht, sagt Kohle. Er rät unbedingt zu Sport, denn der verbrenne Stresshormone. Oft helfe es auch, ein paar Tage wegzufahren, sich etwas Gutes zu tun. "Nach ein, zwei Wochen fragen wir nach, ob es den Kollegen besser geht. Wenn das nicht der Fall ist, vermitteln wir ihnen einen Termin bei einem Psychologen."
Kann der Kollege den Einsatzstress nämlich nicht verarbeiten, besteht die Gefahr der Traumatisierung. Der Einsatz hinterlässt dann seelische Spuren bei dem Polizisten, die zu dauerhaften Leid- und Angstgefühlen bis hin zu schweren psychischen Störungen führen können.
Urvertrauen durch einen Einsatz erschüttert
Diese Gefahr sieht Kohle insbesondere bei den Kollegen, deren Urvertrauen durch einen Einsatz erschüttert worden ist. Als Beispiel nennt er eine routinemäßige Verkehrskontrolle, die 1996 schreckliche Folgen hatte. Ein Kollege starb dabei, ein weiterer wurde angeschossen. "Der Polizist, der den Einsatz überlebte, konnte dieses Erlebnis nur schwer verkraften. Er hatte sich bei der Verkehrskontrolle sicher gefühlt und nie gedacht, dass sein Leben bedroht ist."
Kohle selbst hat gelernt, mit seinem traumatischen Erlebnis von 1984 umzugehen. "Diese Bilder sind in meiner inneren Kiste. Dort kann ich sie rausholen und wieder reinpacken." Aber auch als Profi braucht Kohle zwei Wochen, um über einen schlimmen Einsatz hinwegzukommen. Seine Stimmung ist dann gedrückt, er führt verstärkt Gespräche mit Kollegen und seiner Frau. Doch auch in Kohles Kiste ist nur begrenzt Platz. Das hat der Polizist vor einigen Jahren gemerkt, als seine Schwiegermutter plötzlich verstarb. Auch hier gehörte er zu den Ersten am Einsatzort. Ebenso vor vier Jahren, als ein Autofahrer gegen einen Baum fuhr und schließlich in Kohles Armen starb. Wenig später wurde Kohle dann noch zu einem Selbstmord gerufen.
Das war zuviel. 2008 gab er nach zehn Jahren seinen Betreuerposten auf. "In dem Job braucht man Einfühlungsvermögen. Es ist deshalb klar, dass einen die Einsätze der Kollegen belasten. Für mich war damals die Grenze erreicht."

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