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Weihnachtsgottesdienst in Kiel : Heiligabend ins Gefängnis

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Zum ersten Mal wird der Bischofsbevollmächtigte Gothart Magaard im Kieler Gefängnis den Heiligen Abend feiern – gemeinsam mit den Häftlingen.

shz.de von
erstellt am 24.12.2013 | 08:42 Uhr

Kiel | An der Wand lehnen Tischtennisplatten, davor stehen mobile Basketballkörbe. Auf den grünen Boden sind weiße Linien gemalt, damit dort auch Volleyball gespielt werden kann. Etwas irritiert schaut sich der Bischofsbevollmächtigte Gothart Magaard um. Ein Gitter über dem Altar soll verhindern, dass Volleybälle beim Sport auf das Kreuz fliegen. Kirche ist eben nur ein kleiner Teil des Gefängnisalltags, aber es gibt in diesem Mehrzweckraum immerhin eine Mini-Kanzel, ja sogar einen Weihnachtsbaum. Heute wird Magaard hier mit den Häftlingen den Weihnachtsgottesdienst feiern. 

Es ist das erste Mal, dass Magaard in einem Gefängnis predigt. Die Unsicherheit ist dem versierten Kirchenmann anzumerken. „Ich bin ein wenig nervös, aber auch neugierig“, sagt der 58-Jährige. Letztes Jahr habe er den Heiligen Abend im Tierpark Arche Warder (Kreis Rendsburg-Eckernförde) gefeiert, dieses Jahr wollte er etwas neues ausprobieren. Magaard weiß von der ehemaligen Lübecker Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter, dass sie regelmäßig zu Weihnachten Gottesdienste im Gefängnis gefeiert hat. „Das hat mich interessiert, ich wollte zu denen gehen, denen es an Weihnachten nicht so gut geht“, sagt Magaard, und nahm Kontakt zum Kieler Gefängnispastor Martin Hagenmaier auf. „Ich mache seitdem Werbung bei den Insassen“, sagt der. Für ihn ist der Weihnachtsgottesdienst mittlerweile Routine, es ist sein 21. „Ich lege mir immer eine Predigt zurecht, weiche dann aber doch immer davon ab, je nachdem wie aufmerksam die Gefangenen sind“, sagt er zu Magaard.

Der weiß noch nicht, worüber er heute sprechen wird. „Ich denke aber an etwas Elementares zur Weihnachtsgeschichte“, sagt er. An Heiligabend sei der Gottesdienst in Kiel sein Haupttermin. Dort wird gebetet, gepredigt und zum Schluss „Oh Du Fröhliche gesungen“ – wie in den meisten anderen schleswig-holsteinischen Gotteshäusern auch. „Ich freue mich, auch hinterher mit den Gefangenen noch ein wenig sprechen zu können“, sagt der Bischofsbevollmächtigte. Nur er wird danach zu seiner Familie fahren, um dort weiter Weihnachten zu feiern, die Häftlinge gehen zurück in ihre Zellen.

Für viele der rund 200 Insassen ist der Tag trotzdem etwas Besonderes. Die Küche serviert ihnen ausnahmsweise Rinderroulade, am Abend gibt es traditionsgemäß Würstchen mit Kartoffelsalat, am ersten Feiertag sogar Entenkeule. „Viele beginnen mich schon im Oktober zu fragen, ob ich ein Weihnachtspaket für sie habe, weil sie niemanden haben, der ihnen eines schickt“, sagt Martin Hagenmaier. Viele Häftlinge spürten die Einsamkeit besonders an Heiligabend. „Die Stimmung ist melancholisch, hat bei manchen einen Zug von Depression.“

Das kennt auch Marco Rom (Name von der Redaktion geändert). Für den 47-Jährigen ist es die elfte Weihnacht hinter Gittern. Wie viele andere Häftlinge in Kiel ist er Wiederholungstäter. Zwölf Jahre sei er heroinabhängig gewesen, sagt der vielfache Familienvater und Großvater. An Straftaten hat er eine ganze Menge zu bieten, aktuell sitzt er wegen „Beschaffungskriminalität“ in Kiel,  im März soll er entlassen werden. „Es soll mein letztes Weihnachten im Knast werden – definitiv“, sagt er.  Heiligabend  wird er sich ohne seine Familie  einsam fühlen, denn die darf am 24. Dezember nicht ins Gefängnis kommen. „Das wird nicht leicht.“ Umso dankbarer sei er, dass es die Andacht gebe.  „Ich bin gläubiger Katholik – und fühle mich geehrt, wenn ein evangelischer Bischof zu uns kommt.“ 

Gothart Magaard ist sichtlich beeindruckt von der kargen Kulisse für den Heiligen Abend. „Immerhin gibt es eine Krippe“, sagt er. Im Schleswiger Dom, in dem Magaard morgen predigen wird, werden ihm vermutlich über 200 Menschen zuhören, die Orgel wird mächtigere Klänge hervorbringen als es die kleine vermag, die gegenüber des Altars im Mehrzweckraum des Kieler Gefängnisses eingebaut ist. Wie viele Gefangene überhaupt kommen, da wagt keiner eine Prognose, weder Häftlinge noch Gefängnispersonal. Martin Hagenmaier sagt: „Es können auch mal nur zehn werden.“

Gothart Magaard stört das nicht. Er will ein christliches Zeichen zu Weihnachten setzen. „Es kommt nicht darauf an, wie viele kommen, sondern ob wir sie erreichen können und sie zufrieden sind. Wenn wir ihr Leben an diesem Tag ein bisschen bereichern können, dann bin ich auch zufrieden.“

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