Neumünster : Heavy-Metal statt Altes Eisen

Endlich mal zum Wacken Open-Air: Dieter Lobsien (72, Mitte) hat die Festival-Karten spendiert. Mit ihm freuen sich (von links) sein Enkel Tim (17), Schwiegersohn Frank Steckelies (49), Enkel Mike (19) und Sohn Matthias (45). Foto: Michael Ruff
Endlich mal zum Wacken Open-Air: Dieter Lobsien (72, Mitte) hat die Festival-Karten spendiert. Mit ihm freuen sich (von links) sein Enkel Tim (17), Schwiegersohn Frank Steckelies (49), Enkel Mike (19) und Sohn Matthias (45). Foto: Michael Ruff

Wacken ist nur bei jungen Leuten angesagt? Von wegen. "Opa Dieter" aus Neumünster wollte unbedingt zum Heavy-Metal-Open-Air.

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04. August 2011, 08:27 Uhr

Neumünster/Wacken | Der 72-jährige Dieter Lobsien hat ein feines Gespür für Stimmungen. Es ist etwa acht Jahre her, dass der Mann aus Ruthenberg mit seiner Familie im ländlichen Aukrug bei einem Bekannten eingeladen war. "Es herrschte ein lauer Sommerabend", erinnert er sich. Und günstige Wetterbedingungen. Denn es kam die Stimmung rüber - von dem 30 Kilometer entfernten Open-Air-Festival in Wacken waren noch sanft Nuancen von hämmernden Bässen, klirrenden Gitarren und rauen Kehlen zu hören. "Das hat sich bei mir festgesetzt. Seitdem wollte ich unbedingt da hin", sagt Dieter Lobsien.
In diesem Jahr ist es endlich soweit. Alle haben zur selben Zeit frei: Die beiden Enkel des Rentners, sein Sohn und sein Schwiegersohn - ihnen und sich selbst hat der Großvater Karten für das Wacken Open-Air (WOA) spendiert. Sie lagen auf dem Gabentisch zu Weihnachten. "Er spricht schon ganz lange davon", bestätigt sein Sohn Matthias (45), als alle wieder einmal auf der Terrasse zusammensitzen. Und die Vorfreude - die kommt mit norddeutschem Understatement rüber. "Das Zeichen kennt ihr schon?", fragt Dieter Lobsien in die Runde und zeigt die "Metal Fork", das Hand-Zeichen, bei dem der kleine Finger und der Zeigefinger zur Horn-Form gestreckt werden.
Schwiegersohn Frank "dekorierte" die Familienmitglieder entworfen
"Du hast schon n Wacken-Shirt an? Das ist ja mal ne Ansage!", ruft es plötzlich vom anderen Ende des Gartens rüber. Es ist Nachbar Burghard Müllenbach (56). Beide kennen sich seit 30 Jahren, und Müllenbach ist Festival-Veteran. "Er fährt auch jedes Jahr nach Roskilde", weiß Dieter Lobsien. Dieses Event in Dänemark, das zu den größten europäischen Festivals zählt, kann für den 72-Jährigen mit dem WOA aber nicht mithalten.
So haben sie alle bereits nagelneue T-Shirts an - schwarz, mit dem Aufdruck des gelben Ortsschildes Wacken - und WOA-Mützen auf. Schwiegersohn Frank Steckelies hat die Dekoration extra für die Familienmitglieder entworfen und hergestellt. Der 49-Jährige ist Textildrucker bei "Holsten Flock". Und was sagt der Chef dazu? "Der fand das richtig gut", sagt Steckelies.
"Das war so ergreifend. Da habe ich geweint"
Der 49-Jährige wird mit seinen Söhnen Tim (17) und Mike (19) auf dem Wacken-Gelände zelten. Die beiden Enkel von Opa Dieter hören zwar kaum Heavy Metal. "Aber dabei sein ist alles", meint Mike. Als der 19-Jährige seinen Arbeitskollegen ankündigte, "ich geh mit Opa dahin", seien sie zunächst irritiert gewesen, hätten dann aber nur gesagt: "Cool!"
Die Großfamilie startet auch sonst gerne mal zu einer Tour, zu Pfingsten haben alle gemeinsam halb Schleswig-Holstein durchradelt. Durchhalten beim WOA ist also kein Thema. Eines wird Dieter Lobsien aber noch offen halten: ob er als 72-Jähriger auf dem Festival-Gelände übernachtet. "Das wird vom Wetter abhängig gemacht", sagen Vater und Sohn. Und seine Frau - wollte sie nicht mitkommen? "Nee, vielen Dank!", entfährt es Elke Lobsien (72) spontan. "Sie hat ihm gleich zu Weihnachten Ohrenstöpsel geschenkt", sagt Sohn Matthias und lacht.
Könnte sein, dass "Opa Dieter", wie er sich selbst nennt, diese Stöpsel benötigt. Denn der 72-Jährige, der sowohl Landwirt als auch Schlosser und Schuhmacher war, hat ein feines Gespür - und zwar für alle Richtungen. Im vergangenen Jahr war er bei den Passionsspielen im bayerischen Oberammergau dabei, bei denen die letzten fünf Tage im Leben Jesu in einer Mega-Aufführung nachgestellt werden. Dieter Lobsien: "Das war so ergreifend. Da habe ich geweint." Da ist Heavy Metal schon was anderes.
(blu, shz)

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