zur Navigation springen

Cyber-Kriminalität : Hamburger Polizei im Netz zu langsam?

vom

Gestohlene Passwörter und manipulierte Bankkonten: Das Internet wird für Verbrecher immer attraktiver. Die Hamburger Polizei droht den Anschluss zu verlieren, auch in SH fehlen Ressourcen.

Hamburg/Kiel | Bankbetrug, Passwortklau, Spionage - die Bandbreite der Straftaten, die im Internet begangen werden, ist groß. Und die Bedeutung des Cybercrime nimmt weiter zu: „Die Internetkriminalität steht absolut im Mittelpunkt der polizeilichen Ermittlungsarbeit“, sagt der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) in Hamburg, Jan Reinecke. Doch während sich die Täter immer raffinierter verhüllten, drohe die Polizei den Anschluss zu verlieren.

Bereits 2013 gab es deutlich mehr Cybercrime-Fälle in Hamburg als im Vorjahr. Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik stieg die Zahl der Delikte beim Computerbetrug um 16 Prozent, darunter fällt etwa die Manipulation von Online-Bankkonten. Die Fälle der Datenveränderung und Computersabotage nahmen sogar um 284 Prozent zu. Insgesamt werden drei Prozent aller Vergehen mit dem „Tatmittel Internet“ begangen, heißt es in dem Bericht - mehrheitlich geht es dabei um Betrug.

Die Dimension des Cybercrime ist gewaltig. Erst Anfang April bestätigte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, dass abermals 18 Millionen Datensätze mit E-Mail-Adressen und Passwörtern gestohlen wurden. Wenige Tage später sorgte die Sicherheitslücke „Heartbleed“ für Verunsicherung im Netz. Die Aufklärungsquoten jedoch sind geringer als bei anderen Vergehen.

Von den 1265 registrierten Fällen der Computer- und Datensabotage in Hamburg etwa wurden nur 23 aufgeklärt. Das liege vor allem an der Anonymisierung der Täter, sagt Reinecke. Fremdnamen, Verschlüsselungen und ausländische Serververbindungen erschwerten die Ermittlungsarbeit enorm. Im digitalen Aufrüsten sieht der BDK-Vorsitzende die Polizei dabei klar im Hintertreffen. „Die Täter spezialisieren sich immer weiter. Der Polizei fehlt es dagegen an Experten und Weiterbildungen“, moniert Reinecke. „Die Internetanschlüsse der Polizei sind so langsam, dass viele Kollegen lieber mit privaten Tablets und Smartphones ermitteln. Das ist keine Ausnahme, sondern die Regel.“ Viele Rechner hätten zu wenig Speicherplatz, die Server seien veraltet. „Das zeigt, welchen Stellenwert die Internetkriminalität bei der Politik und am Ende auch bei der Hamburger Polizei hat. Ein unerträglicher Zustand.“  Steffen Hahn, Leiter der Ermittlungsabteilung Cybercrime beim Landeskriminalamt, sieht die Lage weniger dramatisch. In seiner spezialisierten Dienststelle gebe es diese Probleme nicht. Doch auch Hahn sagt: „Wenn der Haushalt in den nächsten Jahren nicht mehr verspricht, ist technisch nicht mehr möglich - auch in unserer Abteilung.“ Um die Massen an Daten auswerten zu können, werde sowohl neues Gerät als auch neue Software benötigt.

„Entscheidender ist aber der Austausch von Informationen mit Herstellern und Betreibern“, sagt Hahn. Das gelte besonders für den wachsenden Zweig der Wirtschaftskriminalität. Das digitale Mitlesen von Geschäftsinterna sei ein Trend - so versuchten Täter etwa, Mail-Korrespondenzen zu ihren Zwecken zu manipulieren, oft lange unbemerkt von den Betroffenen.

Um solche komplexen Verbrechen aufklären zu können, fordert Hahn mehr Spezialisten für sein Team. Seit Monaten bereits versucht die Polizei, studierte Informatiker von extern anzuwerben. Zudem sollen mehr Mitarbeiter für den Umgang mit den Polizei-Programmen geschult werden als bisher. Der BDK setzt auch auf den neuen Polizeipräsidenten Ralf Martin Meyer große Hoffnung. Der 54-Jährige führte die Internetkriminalität zum Amtsantritt am 1. Mai als eine seiner größten Herausforderungen an und sagte: „Wir müssen uns auf eine neue Lebenswelt einstellen.“

Auch in Schleswig-Holstein fehlen der Polizei Internet-Ermittler: „Wir sind im Bereich Computerkriminalität überlastet. Zwar plant das Land, diesen Bereich personell aufzustocken. Das ist aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein“, sagte Antje Gerlieb, Sprecherin des Bundes Deutscher Kriminalbeamter in Schleswig-Holstein (BDK) dem sh:z bereits Anfang April. Nach Angaben der Landesregierung waren 2013 nur 30 Polizisten mit 4235 Beweismitteln befasst. Sie beschlagnahmten und sicherten Datenträger. Dazu gehörten auch die Analyse, Wiederherstellung und Aufbereitung von Daten. „Es sind unglaubliche Datenmengen für die wir Zeit, technische Ausstattung und Personal brauchen“, so Gerlieb. Bei zu wenig Personal bestehe die Gefahr, dass kleinere Delikte verjähren, weil die Beweismittel nicht bearbeitet werden konnten.

zur Startseite

von
erstellt am 05.Mai.2014 | 10:57 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen