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Hohe Beiträge : Haftpflichtversicherung macht Kliniken krank

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Den Krankenhäusern in Schleswig-Holstein geht es ähnlich wie den Hebammen: Sie können die explodierenden Versicherungsprämien kaum noch bezahlen.

Kiel | Die kommunalen Kliniken im Lande haben derzeit einen klaren Wettbewerbsvorteil. Für mögliche Behandlungsfehler ihrer angestellten Ärzte müssen sie keine teuren Versicherungsprämien zahlen, sondern können das Risiko über den Kommunalen Schadenausgleich abdecken. Diese Umlage ist in den vergangenen zwölf Monaten zwar auch leicht gestiegen - doch längst nicht so dramatisch wie die Prämien für Haftpflichtversicherungen, die kirchliche und private Häuser abschließen müssen.
"Dort sind die Kosten förmlich explodiert", bestätigte am Freitag der Chef der Schleswig-Holsteinischen Krankenhausgesellschaft, Bernd Krämer, eine Recherche des NDR. "Allein in diesem Frühjahr sind die Beiträge für die betroffenen Kliniken im Norden um rund sechs Millionen Euro angehoben worden", berichtet Krämer. Das entspreche in etwa der Finanzhilfe, die die Kliniken als Ausgleich für Tarifabschlüsse bekommen haben.

Fünf Versicherer bestimmen die Preise

Hintergrund der Malaise: Seitdem sich der große Anbieter Zurich-Versicherung wegen hoher Schäden komplett aus dem Haftpflichtgeschäft mit Kliniken zurückgezogen hat, haben viele Häuser bundesweit Probleme, bezahlbare Deckungen zu finden. Auch andere Assekuranzen wie die Provinzial Nordwest und die Stuttgarter Sparkassenversicherung wollen keine Krankenhäuser mehr versichern. Übrig geblieben sei ein Oligopol von fünf Versicherern, die bei ihrer Preisgestaltung auf die schwierige Situation der Kliniken keine Rücksicht nehmen müssten, beklagen Branchenkenner.
"Im Norden haben einige Kliniken nur mit Mühe und Not einen Versicherer gefunden, allerdings nur für kurzfristige Vertragslaufzeiten und hohe Prämien", berichtet Krämer. Teilweise mussten offenbar bis zu 50 Prozent mehr bezahlt werden. Allein das St. Franziskus Krankenhaus in Flensburg meldet 250.000 Euro Mehrkosten pro Jahr, was fünf Vollzeitstellen für Pfleger und Schwestern entspricht.

Stetig steigende Schadenssummen

"Dabei ist die Haftpflichtkrise nicht etwa darauf zurückzuführen, dass die Zahl der Behandlungsfehler gestiegen ist, sondern sie ist das Ergebnis der stetig steigenden Schadenssummen", betont Krämer. Die Gerichte sprechen Klagenden höhere Entschädigungen zu, gleichzeitig steigen die Pflege- und Betreuungskosten. Grund dafür ist unter anderem, dass viele Kinder mit Geburtsschäden heute das Erwerbsleben erreichen und eine hohe Lebenserwartung haben. Betroffen von der Prämienexplosion sind deshalb laut Krämer vorwiegend Kliniken mit Geburthilfestationen. Aber auch solche mit orthopädischen Schwerpunkten müssen deutlich tiefer in die Tasche greifen.

Politik hielt sich schon bei Hebammen zurück

Ob die Kliniken im Norden so wie von Krämer gefordert Hilfe vom Staat oder den Krankenkassen bekommen, ist noch nicht klar. Dabei haben die Häuser wegen der niedrigeren Basisfallwerte im Norden ohnehin Einnahmeausfälle von rund 30 Millionen Euro.
Schon als vor Jahresfrist viele Hebammen wegen der immens gestiegenen Haftpflichtprämien aus der Geburtshilfe ausgestiegen sind, hat sich die Politik zurückgehalten und hinter EU-Recht verschanzt. Mehrere Krisengipfel in Berlin scheiterten. 2012 stiegen die Haftpflichtprämien für Hebammen auf über 4500 Euro pro Jahr. Zum Vergleich: 1981 zahlten sie 70 Mark, 2003 waren es "nur" 1300 Euro. Experten fürchten, dass den Kliniken jetzt auch eine solche Preis-Rallye bevorsteht.

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erstellt am 19.Aug.2013 | 09:48 Uhr

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