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Nach Protesten von Tierschützern : Habeck verteidigt Sylter Seehundjäger

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In einer Online-Petition fordern Tierschützer den schleswig-holsteinischen Umweltminister auf, „den Abschuss“ zu stoppen. Habeck weist auf den erbärmlichen Zustand einiger Tiere hin.

Sylt/Kiel | Nachdem die sogenannten Sylter Seehundjäger in den vergangenen Tagen von Tierschützern teils massiv angegriffen wurden, meldet sich nun Umweltminister Robert Habeck zu Wort. Er verteidigt die gängige Praxis, kranke Seehunde und Robben direkt am Strand zu schießen.

„Wir müssen uns bewusst machen: Seehunde sind wilde Tiere, und der Nationalpark ist ein Raum, wo Natur Natur sein soll“, sagt Habeck, „wir haben die Pflicht, den Seehunden gute Lebensbedingungen zu schaffen. Aber genauso haben wir die Pflicht, todkranken Tieren unnötige Leiden zu ersparen.“ Die in diesem Winter auf Sylt gefundenen Tiere befänden sich meist in einem erbärmlichen Zustand, häufig seien sie unheilbar lungenkrank. Um diesen Seehunden unnötige Leiden zu ersparen, haben die drei insularen „Seehundjäger“ laut Umweltministerium seit Jahresbeginn auf Sylt 130 Jungtiere getötet.

Dies hatte unter anderem zu Protesten des Deutschen Tierschutzbüros geführt. In einer Online-Petition fordert der Verein von Umweltminister Robert Habeck, „den Abschuss zu stoppen“. Außerdem sollten aufgefundene Seehunde zukünftig nicht von „Seehundjägern“, sondern von Tierärzten begutachtet werden, da sich „Jäger naturgemäß eher mit toten Tieren als mit lebendigen beschäftigen“. Der Begriff „Jäger“ ist bei den „Seehundjägern“ allerdings irreführend: Seehunde sind geschützt und dürfen seit 1974 nicht mehr bejagt werden. Sie unterliegen jedoch dem Jagdrecht. Deshalb kümmern sich speziell geschulte Seehundjäger – die aus traditionellen Gründen diesen Namen beibehalten haben – um die Tiere, die am Strand gefunden werden. Sie entscheiden, ob ein Seehund am Ort zu belassen ist, in einer Seehundstation behandelt oder getötet wird, weil er höchstwahrscheinlich bald sterben wird.

„Einzelne Tiere können mitunter gerettet werden, wie die 157 Seehund-Heuler im vergangenen Jahr. Aber das sind Ausnahmen“, sagte Habeck. Für den Erhalt des Seehundbestandes, betont er, sei die Pflege von jungen Seehunden nicht erforderlich.

In den vergangenen Jahren mussten die Seehundjäger jährlich etwa 250 bis 300 Seehunde töten, die meisten auf Sylt. Dort wurden in den vergangenen Wochen zwar mehr todkranke Tiere beobachtet als in den vorausgegangenen Jahren, Experten sehen darin aber kein außergewöhnliches Ereignis. Insgesamt, heißt es aus dem Umweltminsterium, sei der Seehundbestand in Schleswig-Holstein „gesund und stark“.

Wie werden Seehunde geschützt?

Der Seehund ist das bekannteste Säugetier, das im Wattenmeer vor unserer Küste lebt. Die Art ist heute gut geschützt über internationale Konventionen und EU-Richtlinien, ein gemeinsames (trilaterales) Abkommen von Dänemark, Deutschland und den Niederlanden für das gesamte Wattenmeer sowie Gesetzgebungen von Bund und Ländern.

Hier gilt es insbesondere Naturschutzziele (z. B. im Nationalpark „Natur Natur sein lassen“, Schutz der Wildtierpopulation) und Tierschutzziele („Schutz des Individuums vor unnötigen Leiden“) in Einklang zu bringen. Dies wird durch den Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein umgesetzt.

Daher ist die Aufzucht von jungen Seehunden durch den Menschen nicht erforderlich, um den Erhalt des Seehundbestandes zu sichern. Aus diesem Grund sollen nur Tiere aufgenommen werden, die wirklich menschlicher Hilfe bedürfen.

Wie viele Seehunde leben im Wattenmeer?

Im vergangenen Jahr wurden 26.788 Seehunde im gesamten Wattenmeer gezählt, davon 8342 Tiere in Schleswig-Holstein. Da nicht alle Robben erfasst werden können, schätzen Experten, dass im Wattenmeer 39.400 Tiere leben, davon 12.000 im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. 

Wie hat sich der Seehundbestand entwickelt?

Trotz zweier Epidemien hat sich der Seehundbestand im gesamten Wattenmeer gut entwickelt. So starben 1988 etwa 60 Prozent, im Jahr 2002 etwa 40 Prozent der Robben. Aufgrund der Seehundjagd in Schleswig-Holstein wurden Anfang der 1970er Jahre nur noch 1500 Tiere gezählt. Die Population hat sich, vor allem durch die Einrichtung des Nationalparks, des Jagdverbots und spezieller Schutzzonen für Seehunde, erholt.

Sind die Seehunde zur Zeit gesund?

Seit 1988 werden Seehunde auf ihre Gesundheit hin untersucht. Jährlich werden dafür etwa 20 wildlebende Tiere kurzzeitig eingefangen und beurteilt. Tote Tiere werden seziert und lebende Seehunde beobachtet.

Generell sind Seehunde im Wattenmeer heute gesund. Die Population ist aufgrund sinkender Antikörper gegen Staupe potentiell gefährdet, zumal die letzte Staupe-Epidemie fast 15 Jahre zurückliegt.

Staupe ist eine Virusinfektion die mit hohem Fieber und Abgeschlagenheit einhergeht und zu Atemwegsinfekten, Durchfall  oder Erbrechen führen kann. Im weiteren Verlauf kann das Gehirn geschädigt werden.

Was ist ein Heuler?

Heuler sind bis zu vier Wochen alte Seehunde, die während der Säugezeit ihre Mutter verloren haben. Sie sind zum Überleben auf das Muttertier angewiesen. Das sogenannte „heulen“ sind Stimmfühlungslaute, womit das Tier versucht die Mutter zurück zu rufen.

Bitte beachten: Nicht jeder allein liegende „heulende“ Seehund ist auch verlassen. Oftmals werden die Tiere nur kurz von der Mutter zurückgelassen, wenn diese auf der Nahrungssuche ist. 

Wie verhalte ich mich, wenn ich einen jungen Seehund finde?

Beim Fund sollte folgendes beachtet werden:

- unbedingt großen Abstand halten

- Das Tier auf keinen Fall anfassen

- Hunde fernhalten

- Seehundjäger, Seehundstation in Friedrichskoog oder die Polizei benachrichtigen.

Wann werden Heuler gerettet?

Wichtig ist, dass die Situation eines verlassen aufgefundenen Tieres richtig eingeschätzt wird. Ebenso spielt die „Richtlinie des Landes zur Behandlung von erkrankt, geschwächt oder verlassen aufgefundenen Robben“ eine wichtige Rolle. Die durch Tierärzte und Wissenschaftler geschulten Seehundjäger prüfen, ob das Tier in der Natur verbleiben kann. Ist das Tier allein nicht überlebensfähig, wird der Heuler in die Seehundstation nach Friedrichskoog gebracht. Ist die Robbe durch schwerkrank und zu geschwächt, soll es durch eine fachkundige Person erlöst werden. Die Tötung geschieht aus Tierschutzgründen und zum Wohle des Tieres, um unnötiges Leid zu ersparen.

Wo und wie werden Heuler gerettet?

Die Seehundstation in Friedrichskoog e.V. ist die einzige vom Land autorisierte Aufnahmestelle in Schleswig-Holstein. Geschwächte, verlassene oder kranke Robben kommen in die Seehundstation Friedrichskoog, die über ausreichende Kapazitäten verfügt.

Im vergangenen Jahr wurden 158 Heuler aufgenommen und tierärztlich betreut und aufgezogen. Bis November wurden 150 wieder ausgewildert. Die Robben werden dabei möglichst naturnah gehalten. Nach zwei bis drei Monaten in der Aufzuchtstation haben die Robben das für die Auswilderung wichtige Gewicht von 25-30 Kilogramm. Bei einer Abschlussuntersuchung wird sichergestellt, dass die Robben keine Krankheitskeime aufweisen, welche die wildlebenden Robben gefährden könnten.

Was sind die Seehundjäger und warum heißen sie so?

Seehunde unterliegen einem Jagdrecht, werden allerdings seit 1974 nicht mehr bejagt, sondern unterliegen einer ganzjährigen Schonzeit. Auch andere internationale Richtlinien und nationale Rechte schützen die Seehunde.

Viele Aufgaben beim Meeressäugerschutz übernehmen in Schleswig-Holstein speziell geschulte Jagdaufseher. Diese nennen sich traditionell Seehundjäger. Die Aufgabe der Seehundjäger ist die Kontrolle von Strandabschnitten und die Bergung von angespülten, toten Meeressäugern.

Hierbei finden die Jagdaufseher häufig geschwächte oder verlassene Robben. Alle Funde werden mit speziell entwickelten Meldebögen erfasst. Aufgrund der großen Erfahrung können die Seehundjäger die richtigen Entscheidungen treffen, was auch Untersuchungen von getöteten Tieren zeigen. In der Seehundstation aufgenommene Tiere werden durch Tierärzte und Experten untersucht.

Reicht der Schutz von Heulern aus?

Das Land Schleswig-Holstein hat in den letzten 20 Jahren ein System zum Heulerschutz aufgebaut, das sich laut Aussage des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz bewährt hat. Die Seehundjäger und die Seehundstation Friedrichskoog arbeiten mit großem Engagement und eng mit verschiedenen Wissenschaftlern und Behörden zusammen. Die Arbeit wird von den Naturschutzverbänden akzeptiert. Alle gefundenen und verlassenen Heuler, die überlebensfähig sind, werden in der Seehundstation aufgenommen. Die meisten werden fit und gut genährt wieder in die Freiheit entlassen.

 

 
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erstellt am 07.Feb.2014 | 16:18 Uhr

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