zur Navigation springen

Lehrer-Erfahrungen : Grenzgängerin zwischen den Schulwelten

vom

Kaum jemand hat die Unterschiede so intensiv erlebt wie Karen Wulff Paustian. Die Nordfriesin hat sowohl im dänischen als auch im deutschen Schulsystem gearbeitet.

shz.de von
erstellt am 08.Feb.2008 | 04:54 Uhr

Nach dem deutschen Schulgang in Bredstedt, Niebüll und Flensburg schrieb sie sich 1975 für ein Lehramtsstudium an der Pädagogischen Hochschule in der Fördestadt ein. Zu diesem Zeitpunkt konnte sie nicht ahnen, dass sie einmal die Kreide vor einer Klasse in Dänemark schwingen würde. Als Hauptfächer wählte sie daher Deutsch und Biologie. Der Zufall wollte es, dass sie sich in einen Dänen verliebte. Karen, die der dänischen Sprache nicht mächtig war, hatte plötzlich potenzielle dänische Schwiegereltern.
Hinzu kam, dass das Angebot von Referendarplätzen in Schleswig-Holstein äußerst gering war. An den deutschen Schulen in Nordschleswig hingegen gab es nach Hörensagen viele freie Stellen, also könnte sie ihre Ausbildung dort abschließen. Mit anderen Worten: Es würde nicht schaden, ein paar dänische Wörter zu lernen. "Neben meinem Lehramtstudium begann ich Dänisch zu lernen. Ich nahm an den Seminaren von Lektor Bent Söndergaard teil. Außerdem las ich haufenweise dänische Bücher, und natürlich übte ich die Sprache in Gesprächen mit meinem Freund und seinen Eltern", erinnert sie sich.
Deutsche Ausbildung wurde in Dänemark nicht anerkannt
Was dann kam, war klar. In Deutschland gab es keinen Platz als Referendarin für Karen. Auch an den deutschen Schulen in Dänemark war kein freier Platz zu ergattern. Da Karen allerdings mittlerweile der dänischen Sprache in Wort und Schrift mächtig war, beschloss sie, ins dänische Schulsystem zu wechseln.
Ganz so einfach war dies allerdings nicht. Karens deutsche Lehrerausbildung war in Dänemark nicht anerkannt, und so schrieb sie sich auf dem Lehrerseminarium in Hadersleben ein. Nördlich der Grenze erlebte sie erst einmal eine ganz neue Form des Unterrichts: die ungeteilte Schule. "Wenn ich mich an meine eigene Schulzeit in Bredstedt erinnere, fand ich es doch recht extrem. Bereits nach der vierten Klasse begannen die Lehrer auszusortieren: Hauptschule, Realschule, Gymnasium. Ich war gut genug, um auf das Gymnasium in Niebüll zu wechseln. Allerdings war ich damals auch ein kleines, zierliches Mädchen. Also versetzte man mich statt dessen in die fünfte Klasse in Bredstedt mit der Begründung, es wäre unverantwortlich, mich in den Zug nach Niebüll zu setzen", erinnert sich die Lehrerin.
Karen Wulff Paustian begrüßt skandinavisches Schulsystem
Ein Jahr später ging Paustian trotzdem nach Niebüll. Und über Umwege machte sie schließlich Mitte der 70er Jahre ihr Abitur in Flensburg. "Ich fand immer schon, dass es viel zu früh ist, die Kinder bereits nach der vierten Klasse nach Leistung einzuteilen. Es gibt nun einmal Schüler, die Spätzünder sind. Es ist einfach zu hart, dass deren Zukunft bereits in einem so jungen Alter vorbestimmt wird", sagt Karen und freut sich darüber, dass die schleswig-holsteinische Schulreform sich eher am skandinavischen Modell orientiert.
Ob dies jedoch auch in der Praxis funktioniert, bleibt abzuwarten.
"Ich finde es sehr positiv, dass man sich darum bemüht, im Unterricht mehr zu unterscheiden. Allerdings müssen auch die Bedingungen stimmen. Das beginnt schon mit dem Klassenschnitt. Es muss geeignetes Unterrichtsmaterial und nicht zuletzt auch die Lehrer dafür geben. Sonst kann und wird das nicht funktionieren", ist Paustian überzeugt.
Dass die ungeteilte Schule immer noch auf viel Skepsis in Deutschland trifft, kann sie hingegen nicht nachvollziehen: "Die Lehrer haben schon immer differenzieren müssen. Denn in einer Klasse gibt es immer stärkere und schwächere Schüler, auf die der Lehrer im Unterricht Rücksicht zu nehmen hat. Die ungeteilte Schule erweitert nur das Spektrum."
"Dänische Kinder sind viel selbstständiger"
Nach alles in allem sechs Jahren im Studium bekam Karen ihr erstes Vikariat an einer kommunalen Folkeskole in Dänemark. Und einen Kulturschock obendrauf. "Die Kinder waren ganz anders. Sie waren viel selbstständiger. In Dänemark bewegen sich die Schüler ja auf Augenhöhe mit den Lehrern. Das war ganz neu für mich", erinnert sich Paustian. Nach einer Reihe von Vikariaten an dänischen Folkeskolen wurde Karen Paustian eine Schwangerschaftsvertretung an der deutschen Schule in Tingleff angeboten. Hier unterrichtet sie nun seit 1990 und fühlt sich sehr wohl.
Wir konfrontieren Karen Paustian mit der Sprachforscherin Karen Margrethe Pedersens Aussage, dass Englisch, Dänisch und Deutsch im Unterricht gleichgestellte Sprachen sein sollten. Ob dieses Modell auch an den Minderheitenschulen angewendet werden könnte?
Paustian lächelt: "Die meisten unserer Schüler kommen aus einem Zuhause, wo Sönderjysk gesprochen wird. Wenn sie in die Schule kommen, müssen sie sowohl Deutsch als auch Hochdänisch sprechen. Im Grunde genommen wachsen sie ja schon dreisprachig auf", sagt sie und fügt hinzu: "Aber ganz im Ernst: Sprachforscher haben auch bewiesen, dass wir Menschen mit der Sprache verbinden, die sie sprechen. Das heißt, dass das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern sich immer auf Grundlage der Unterrichtssprache entwickelt. Um Verwirrungen zu vermeiden, betreibt man an den deutschen Minderheitenschulen eine Sprachpolitik, die heißt: Ein Lehrer - eine Sprache. Und wir denken vorläufig nicht daran, diese Sprachpolitik zu ändern."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen