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Schleswiger Dom : Grabschändung nach 122 Jahren aufgeklärt

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Archäologen haben Kupfersärge aus einer zerstörten Gruft entdeckt. Die letzte Ruhestätte eines Adelsgeschlechts war seit mehr als 100 Jahren verschollen.

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erstellt am 19.Nov.2010 | 06:55 Uhr

Schleswig | Im Jahr 1888 sorgte in Schleswig eine Grabschändung für gehörige Aufregung. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion ließ der preußische Bauinspektor Adelbert Hotzen die Gruft abreißen, die das Adelsgeschlecht von Günderoth an der Nordseite des St.-Petri-Doms besaß. Die Mauern der Gruft wurden schnell wieder aufgebaut, als Hotzens Handstreich ruchbar wurde. Die prächtigen Kupfersärge mit den sterblichen Überresten der Freiherren von Günderoth aber blieben spurlos verschwunden.
Jetzt sind sie wieder aufgetaucht. Anscheinend hatte Hotzen sie nur wenige Schritte weiter im Erdreich verscharren lassen. Im Innenhof des Schwahls, des Kreuzgangs aus dem 14. Jahrhundert, stießen Archäologen bei routinemäßigen Georadar-Untersuchungen vor wenigen Wochen auf verdächtige Spuren und begannen zu graben. "Wir hatten alte Fundamente erwartet", sagt Ausgräber Dr. Martin Segschneider. Aber dann kam - weniger als einen Meter unter der Grasnarbe - Kupferblech mit goldenen und silbernen Ornamenten zum Vorschein. Nach und nach wurde ein vollständig erhaltener Sarkophag freigelegt, direkt daneben ein weiteres Exemplar mit eingeknickter Decke, außerdem Überreste eine Holzsarges.
Inschriften werden rekonstruiert
Die Archäologen standen vor einem Rätsel. Aber Ingrid Wenk, Kirchenbaudirektorin im Nordelbischen Kirchenamt, wusste die Lösung. Sie kannte die Geschichte von der zerstörten Günderothschen Gruft, und die Funde passten exakt zu dieser Geschichte. Das Georadar-Bild zeigt 20 schwarze Flecken - genau so viele Särge aus dem 17. Jahrhundert waren 1888 verschwunden. Einer der beiden freigelegten Särge trägt die Inschrift "MG" - "G wie Günderoth", sagt Segschneider. Auf einer kleinen Tafel konnte er die Wörter "Freiherrin von" entziffern, und die Günderoths waren Freiherren. Innerhalb von zwei Wochen wollen Restauratoren die Inschriften so weit wiederherstellen, dass sie fast vollständig lesbar sind. Dann wird es endgültig Gewissheit geben.
Warum Adelbert Hotzen vor 122 Jahren die Gruft abreißen ließ, konnte Ingrid Wenk auch erklären: Der Bauinspektor hatte den Auftrag, den 112 Meter hohen Domturm zu errichten, den Kaiser Wilhelm I. den Schleswigern versprochen hatte, nachdem die Stadt preußisch geworden war. Außerdem sollte er den Kirchenbau restaurieren. Die Mauern der Gruft verdunkelten nach Hotzens Geschmack die Kirchenfenster zu sehr.
Was jetzt aus den wiederentdeckten Särgen wird, ist noch offen. Erst einmal werden sie im Dom aufbewahrt. Leichen befanden sich in ihnen übrigens nicht mehr. Die toten Adeligen sollen damals nach dem Abriss ihrer Gruft auf den Domfriedhof am Stadtrand gebracht worden sein.

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