"Gorch Fock" : "Gorch Fock" wartet auf Ermittler

Nach den Vorfällen auf der "Gorch Fock" bleiben Fragen offen. Warum wurden die Kadetten nach dem tödlichen Sturz nach Hause geflogen? Die Marine spricht weiter nur von "Fürsorge".

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22. Januar 2011, 11:35 Uhr

Glücksburg | Eine Rückkehr war nicht geplant und im kleinen Hafen von Ushuaia (Argentinien), den die "Gorch Fock" erst am Sonnabend verlassen hatte, gibt es für die Dreimastbark momentan keinen Platz mehr. Seit gestern Abend, 18 Uhr, liegt sie vor der bergumstandenen Polarstadt am Beagle-Kanal auf Reede - und wartet auf das Ermittlerteam aus Deutschland, eingesetzt vom Inspekteur der Marine. Für die Familien der Besatzung gibt es keine Verbindung zum Schiff, der E-Mail-Dienst ist gesperrt. Offenbar sollen keine Informationen ungefiltert nach außen dringen, denn die Anschuldigungen, die der Wehrbeauftragte veröffentlicht hat, wiegen schwer.
"Es ist jetzt Aufgabe der Ermittler, die Angelegenheit zu klären", sagt Alexander von Heimann, Sprecher des Flottenkommandos in Glücksburg (Kreis Schleswig-Flensburg). Er gehe davon aus, dass der Kommandant der "Gorch Fock" mit den Ermittlern zusammenarbeiten werde.
70 Offiziersanwärter wurden zurück nach Deutschland geflogen
Was passierte auf dem Schulschiff? Elf Tage nach dem tödlichen Sturz von Obermaatin Sarah S. (25) war die Ausbildung abgebrochen worden. Die Marine ließ ihre 70 Offiziersanwärter zurück nach Deutschland fliegen - ein einmaliger Vorgang in der Geschichte des Großseglers. Schon damals machten Gerüchte über eine Meuterei die Runde. Das Flottenkommando wies sie mit aller Schärfe zurück. Grund für die Entscheidung sei die Fürsorgepflicht gegenüber den Kadetten gewesen, erklärte Marine-Sprecher Jan Ströhmer unserer Zeitung. Die meisten hätten den Sturz mitangesehen und etliche das Unglück psychisch nicht verkraftet.
Heute wirkt diese Aussage, als sei sie nur ein Teil der Wahrheit gewesen. War der Sachverhalt tatsächlich ein anderer, der Widerstand der Kadetten gegen ihre Führung der maßgebliche Grund?
Marine verweist auf Fürsorgepflicht
"Es gibt derzeit noch keinen Sachverhalt, nur die Vorwürfe", betont Alexander von Heimann. Und auf die Frage, warum dann damals nicht nur die psychisch angeschlagenen Soldaten nach Hause gebracht worden seien, sagt er: "Durch die Ermittlungen zum Unglück konnte die Segelvorausbildung nicht abgeschlossen werden. So hätten wir die Kadetten nicht zur See fahren lassen können. Unsere Fürsorgepflicht bezog sich auf ihren Ausbildungsstand." Tatsächlich aber hat die "Gorch Fock" ihre Reise nicht nur mit ihrer Stammbesatzung fortgesetzt, sondern auch mit einer 60 Mann starken Segelcrew, die nach dem Unglück an Bord kam, und der laut Pressezentrum der Marine an Bord die "Seebeine" gewachsen sind.
Die Kadetten, die nach Hause geflogen wurden, sind momentan mit einem Einsatz- und Ausbildungsverband auf der Ostsee unterwegs. Mittlerweile hat ein Fünftel des Crew-Jahrgangs VII/2010 (243 Kadetten, darunter 70 Frauen), den Dienst quittiert. "Das ist eine normale Abbrecherquote", versichert der Marine-Sprecher. Ob die vier Offiziersanwärter, die im Mittelpunkt der Ereignisse stehen, noch im Dienst sind, sagt er nicht. "Wegen der Ermittlungen."
"Es gab keine Meuterei"
Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus, will die jungen Männer nicht weiter als Meuterer bezeichnet wissen. "Es gab keine Meuterei", sagte er gestern. "Es gab einige, die dort gesagt haben: Vor dem Hintergrund dieses tragischen Unfalls möchten wir nicht zum Tagesbetrieb übergehen. Das wurde von der Schiffsführung nicht gutgeheißen." Die Kadetten sollen sich geweigert haben, in die Takelage zu klettern. Zu den Ungeheuerlichkeiten der Auseinandersetzung darüber gehört offenbar das Argument, der Unfalltod sei mit dem Tod eines Soldaten im Einsatz vergleichbar - dort muss trotz des Schreckens und der Trauer weitergekämpft werden.
Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rainer Arnold, fragt, ob das tragische Unglück vermeidbar gewesen wäre - "wenn man sieht, welcher Druck auf die jungen Leute ausgeübt wurde, auf die hohen Masten zu steigen." Das alles decke sich in keiner Weise mehr mit den Prinzipien der inneren Führung. Zwei Tage nach dem Tod der Soldatin hätten außerdem Teile der Besatzung eine Karnevalsfeier veranstaltet. "Dass die einen trauern und die anderen feiern, zeigt ja, was in manchen Köpfen der Stammbesatzung gelaufen ist."

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