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Organtransplantation : Glückliches Leben mit neuer Lunge

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Skepsis gegenüber Organtransplantationen ist groß. Dabei ist eine solche Operation für manche Menschen die einzige Chance zu überleben. Wie im Fall von Wolfgang Veit.

Marne | Dass es Wolfgang Veit heute „ganz toll“ geht, wie er sagt, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Etwa neun Jahre ist es her, dass er kaum noch Luft bekam. Das Luftholen war für den Mann aus Marne (Kreis Dithmarschen) „wie das Atmen durch den Strohhalm“. Veit ist zu der Zeit krank. Sehr krank. Bei der Arbeit bricht er zusammen. Im Krankenhaus erfährt er die Diagnose „schwere COPD“, eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung. Nur eine Transplantation kann ihn noch retten. Fast zwei Jahre steht Veit auf der Warteliste. Die härteste Zeit in seinem Leben. Dann kommt der erlösende Anruf – und die lebensrettende Lungentransplantation. „Wenn ich nicht die vielen Medikamente nehmen würde, wüsste ich nicht, dass ich transplantiert wurde“, sagt der 62-jährige Veit heute. Organtransplatation ist ein wesentliches Thema in seinem Leben geworden. Er will für das Thema, für mehr Vertrauen und Engagement in der Gesellschaft werben. Veit ist Regionalgruppenleiter Schleswig-Holstein der Organtransplantierten (DSO).

Die Zahlen, die die DSO gestern veröffentlicht hat, überraschen Veit nicht, aber sie stimmen sehr nachdenklich. Das Tief der Organspenden hat 2013 ein noch größeres Ausmaß als befürchtet. Bundesweit waren es noch 876 Spender, und damit etwa 16 Prozent weniger als im Vorjahr. Auf eine Million Einwohner kommen damit im Durchschnitt 10,9 Spender. Die DSO spricht von einer „besorgniserregenden Entwicklung“. Nur noch 3034 Organe wurden den Spendern entnommen. Im Vorjahr waren es noch fast 500 mehr.

„Es ist eine dramatische Entwicklung, die zum Nachteil unserer Patienten ist. Die verbleiben entweder unnötigerweise länger auf den Wartelisten oder versterben sogar“, sagt Prof. Christian Becker, Klinikdirektor für Allgemeine Chirurgie und Thoraxchirurgie am Universitätsklinikum (UKSH) in Kiel. Die durchschnittliche Wartezeit dauert etwa vier Jahre.

„Wer sich zur Spende bereit erklärt, kann helfen, andere Leben zu retten“, sagt Schleswig-Holsteins Gesundheitsministerin Kristin Alheit (SPD). „Nutzen Sie einen Organspendeausweis, um Ihre Entscheidung festzuhalten. Dabei geht es auch darum, Angehörigen in einer schwierigen Situation eine große Last zu nehmen. Wie die Entscheidung ausfällt, bleibt jedem selbst überlassen.“ Neben dem Organspendeausweis, den möglichst viele Menschen in der Brieftasche haben sollten, sei das Angehörigengespräch ein weiterer wichtiger Faktor für eine erfolgreiche Transplantation. Das Ministerium plane zur Zeit gemeinsam mit der DSO und unter Einbeziehung der Ärztekammer Schulungen und Fortbildungen mit den betreffenden Kliniken in Schleswig-Holstein.

Etwa 18 Monate ist es her, dass der Organvergabeskandal aufflog. Wartelisten sollen in mehreren Krankenhäusern manipuliert worden sein, um somit schneller an ein Organ für die eigenen Patienten zu kommen. Nach den Erkenntnissen offizieller Kontrolleure sollen Transplantationszentren der Kliniken in Göttingen, Leipzig, München und Münster systematische Falschangaben gemacht haben. Es gab Krisentreffen und verschärfte Regeln. Doch offenbar besteht bei vielen Bürgern die Sorge, dass in den Krankenhäusern auch heute nicht alles richtig läuft. AOK-Sprecher Jens Kuschel sagt: „Trotz umfassender Informationen zahlreicher Akteure ist es offenbar nicht gelungen, mehr Menschen zur Organspende zu bewegen.“ Die Verunsicherung der Menschen scheine nach wie vor sehr hoch zu sein.

In Deutschland stehen derzeit etwa 11.000 Patienten auf der Warteliste. Der größte Anteil (fast 8000) wartet auf eine Niere. Die Mediziner des UKSH in Lübeck sind auf Nierentransplantation spezialisiert. Auch Dr. Martin Nitschke, Oberarzt des Transplantationszentrum in Lübeck hat einen klaren Trend ausgemacht. „Während die Situation bei der Lebendnieren-Spende seit Jahren in Lübeck stabil ist, ist die Entwicklung der Organspende postmortal in den letzten zwölf Monaten desolat“, sagt Nitschke. „Mit 55 Transplantationen hatten wir das schlechteste Ergebnis seit 15 Jahren.“ In Kiel ist die Anzahl an Transplantationen insgesamt um 15 auf 104 gestiegen. Allerdings liegt es auch hier daran, dass die negativen Spender-Zahlen durch Lebendspenden kompensiert werden konnten. Doch nur Niere und Teile der Leber lassen sich in Deutschland lebend spenden.

Daher wirbt Veit weiter massiv um die Organspende nach dem Ableben. Er hatte Glück. Doch er sagt: „Mir tun die Wartepatienten und die Angehörigen unheimlich leid. Was sie durchmachen, ist unerträglich“, und er betont: „Dabei könnte es jeden treffen. Man wird schneller zum Empfänger als zum Spender.“ Wer wüsste es besser als er selbst.  

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erstellt am 16.01.2014 | 07:00 Uhr

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