Geesthachter Küstenforscher : "Gering bewohnte Köge fluten"

Prof. Hans von StorchFoto: GKSS
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Prof. Hans von StorchFoto: GKSS

Bis 2030 wird der Meeresspiegel um bis zu 20 Zentimeter steigen. Der Geesthachter Küstenforscher Hans von Storch sieht darin deutlichen Zwang zum Handeln.

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31. März 2011, 07:42 Uhr

"Klimaanpassung" - so der Titel der Konferenz - klingt sehr nach Defensive. Heißt das: Durch eine Begrenzung des CO2-Ausstoßes lässt sich unsere Küste nicht mehr vor gravierenden Einschnitten bewahren?
Den Klimawandel zu stoppen, wäre möglich, wenn die Menschheit von einem Tag auf den anderen komplett aufhören würde, CO2 auszustoßen. Aber realistischerweise ist ein Einsatz an zwei Fronten gefragt: Wer globale Verantwortung trägt wie der Uno-Generalsekretär oder ein Regierungschef, der kann mit Maßnahmen für eine Senkung des Kohlendioxid-Ausstoßes manches gegen den Klimawandel bewirken. Je kleiner der Verantwortungsbereich eines Politikers wird - also auf Landes- und auch ganz stark auf kommunaler Ebene -, desto stärker rücken Anpassungsstrategien in den Vordergrund. Dafür das Bewusstsein zu schärfen - darin sehe ich den Sinn der Konferenz in Hamburg.
Wo sehen Sie Nachbesserungsbedarf?
Bis etwa zum Jahr 2030 wird der Meeresspiegel um bis zu 20 Zentimeter steigen - so lange sollten die heutigen Strategien ausreichen, wenn die derzeitigen Küstenschutzpläne mit ihren punktuellen Deichverstärkungen konsequent umgesetzt und die Schutzanlagen in Schuss gehalten werden. Was aber jetzt beginnen sollte, ist, mit der Bevölkerung in einen Dialog zu treten darüber, wie man mit einer irgendwann nach 2030 vermutlich risikoreicheren Situation umgeht. Die Menschen müssen sich darüber bewusst werden, dass eine gewisse Gefahr da ist. Insbesondere an der Ostseeküste ist man sich darüber meiner Meinung nach nicht immer so klar. Helfen könnte es neben aktueller Aufklärungsarbeit, ein Gedenken an die dortige Jahrhundert-Sturmflut von 1872 einzuführen.
Kann es nach dem Jahr 2030 um noch höhere Deiche gehen? Irgendwann werden sie so schwer, dass sie im Untergrund einzusacken drohen. Was aber gibt es sonst?
Wenn Deiche, aber auch Lahnungen und Tore modernisiert werden, ist es grundsätzlich klug, dies so zu tun, dass man später noch etwas draufsetzen kann. Mir sind keine Fälle bekannt, wo sich derzeitige Küstenschutzanlagen in Schleswig-Holstein aus technischen Gründen nicht entsprechend verstärken lassen. Aber perspektivisch sollte sich der Blick für weitere Möglichkeiten öffnen. Gefahr besteht ja meist nur für wenige Stunden beim maximalen Hochwasserstand einer schweren Sturmflut. Da kann es helfen, durch eine veränderte Bauweise Überläufe des Wassers in begrenztem Maße zu dulden. In den Niederlanden gibt es dazu erste Versuche. Bisher werden bei uns pro Meter Deichkrone nur zwei Liter Überlauf je Sekunde einkalkuliert. 50 Liter in der Sekunde pro Meter dürften unter Umständen machbar sein. Das ist weitaus weniger kritisch als wenn ein Deich bricht.
Woraus besteht der Küstenschutz in der ferneren Zukunft noch?
Möglicherweise im Bereich der Unterelbe auch aus Flutungsräumen. Das könnte helfen, im Notfall die Hochwasserspitze in Hamburg und Glückstadt zu kappen.
Das bedeutet konkret?
Gering bewohnte Köge auf kontrollierte Art und Weise zu fluten, um in einer Extremsituation die Gefahr für stark besiedelte Gegenden zu mildern. Natürlich nicht, indem man das den Betroffenen aus den Kögen zwei Minuten vorher sagt. Sondern indem man langfristig mit ihnen für den Fall der Fälle Evakuierungspläne und Entschädigungszahlungen verabredet. Ob das Akzeptanz in der Bevölkerung findet, muss man sehen. Aber das ist ein Anstoß, der sich dem normalen demokratischen Prozess stellen wird. Künstliche Sandbänke zwischen Brunsbüttel und Cuxhaven könnten ergänzend ein Mittel sein, um bereits die Strömungsenergie in die Elbe zu verringern.
Zeigt der jüngste Widerstand gegen eine Küstenschutzabgabe in Schleswig-Holstein nicht, dass der Handlungsdruck noch nicht in den Köpfen angekommen ist?
In der Tat ist die Sorge vor dem menschengemachten Klimawandel an der Küste geringer als etwa in Hamburg. Das zeigen repräsentative Bevölkerungsumfragen, die unser Institut zuletzt 2008 gemacht hat.
Was steht für Sie im Idealfall am Ende der Klimakonferenz in Hamburg?
Die Einsicht, dass erstens der Klimawandel ein konkretes Risiko darstellt, dass wir uns um den Umgang damit kümmern müssen - aber dass die Gefahr nicht durch symbolische Akte gebannt ist wie etwa demjenigen, dass wir alle neuartige Glühlampen einschrauben.
Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit, dass Sie in Wyk auf Föhr aufgewachsen sind?
Die Erkenntnis aus Kindheit und Jugend, dass mit Wind und Wetter umzugehen ist - aber nur dann, wenn man es ernst nimmt.
(fju, shz)

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