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Personalisierte Medizin : Gentest entlarvt die „Persönlichkeit“ des Tumors

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Hoffnung im Kampf gegen Krebs, Aids oder Multiple Sklerose: Neue Medikamente, die auf genetische Besonderheiten des Patienten zugeschnitten sind, verbessern die Heilungschancen bei schweren Krankheiten.

shz.de von
erstellt am 03.Apr.2014 | 16:49 Uhr

Kiel | Krebs ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Jeder Vierte stirbt daran, insgesamt sind es knapp 220 .000 Menschen pro Jahr. Und: Weltweit nimmt die Zahl der Erkrankten zu. Hoffnung im Kampf gegen diese und andere gefährliche Krankheiten wie Multiple Sklerose oder Aids wecken maßgeschneiderte Medikamente – die sogenannte personalisierte Medizin.

Dass Ärzte versuchen, ihre Patienten individuell zu behandeln, also das Alter, die körperliche Verfassung und Lebensweise zu berücksichtigen, ist nichts Neues. „Neu an der personalisierten Medizin ist aber, dass wir genetische Besonderheiten berücksichtigen und die medikamentöse Therapie gezielt darauf ausrichten“, sagt Prof. Dr. Christoph Röcken, Direktor des Instituts für Pathologie am Schleswig-Holsteinischen Universitätsklinikum in Kiel.

Speziell auf den einzelnen Menschen zugeschnitten, wie der Begriff vermuten lässt, ist die personalisierte Medizin jedoch nicht: Ausschlaggebend dafür, welches Medikament der Patient bekommt, sind die Eigenschaften und Veränderungen des kranken Gewebes – im Fall von Krebs also die „Persönlichkeit“ des Tumors. „Auch wenn Menschen scheinbar den gleichen Krebs haben, können sich die Mutationen, also die Genveränderungen in den Krebszellen, von Patient zu Patient unterscheiden“, erklärt Röcken. „Und von ihnen hängt ab, ob bestimmte Therapien wirksam sind.“ Vor der Behandlung steht also ein Gentest: Mit ihm lässt sich bei einer Gewebeprobe aus dem Tumor feststellen, ob ein Wirkstoff für den Patienten in Frage kommt. Belastende Nebenwirkungen von Medikamenten, die gegen die Krankheit wirkungslos bleiben, können – anders als früher – auf diese Weise vermieden werden.

„Bahnbrechende Erfolge“ mit Medikamenten, die Tumore „regelrecht wegschmelzen“ ließen, gebe es neben der Leukämie bislang beim Schwarzen Hautkrebs, bei Dickdarm-, Magen- oder Lungenkrebs, sagt Röcken. Erfolge, die allerdings noch sehr begrenzt sind – und es auf absehbare Zeit auch bleiben werden. Denn die neuen Mittel helfen nur einer Minderheit. Beim Magenkarzinom etwa gebe es ein Therapeutikum, das seine Wirkung an einem bestimmten Rezeptor entfalte. „Doch nur 15 Prozent der Patienten verfügen über diesen Rezeptor. Bei den übrigen 85 Prozent würde das Medikament nichts nutzen.“

Die unüberschaubar große Menge an Tumoren beziehungsweise an Veränderungen in der Erbinformation der Tumorzellen ist ein Grund dafür, dass eine Heilung von Krebs nach Expertenmeinung trotz der bisherigen Erfolge noch längst nicht in Sicht ist. Ein weiteres Hindernis sind Resistenzen, die häufig bei der Behandlung mit zielgerichteten Wirkstoffen auftreten. Oft kommt der Krebs zurück; eine Heilung ist selten. „Am besten hilft immer noch, einen Tumor früh zu erkennen und ihn wegzuschneiden“, sagt Röcken. Trotzdem bedeute die personalisierte Medizin für die Patienten einen „radikalen Durchbruch“: „Sie gewinnen mitunter wertvolle Lebensjahre.“

Die große Bedeutung für den einzelnen Betroffenen betont auch Prof. Dr. Martin Reck, Chefarzt des Onkologischen Schwerpunkts an der LungenClinic in Großhansdorf. „Wir können dadurch Tumorerkrankungen in einen stabilen Verlauf überführen, der den Krebskranken – ähnlich wie bei HIV-Infizierten – über lange Zeit eine gute Lebensqualität ermöglicht.“ Und die Forschung (siehe Info-Kasten) weltweit verspreche weitere wichtige Fortschritte. Reck und seine Kollegen untersuchen zurzeit neue Ansätze bei der Therapie des Lungenkarzinoms: Medikamente, die die Immunabwehr zur Tumorbekämpfung aktivieren und das für die Ernährung der Krebszellen zuständige Blutgefäßsystem zurückdrängen sollen.

Passende Wirkstoffe für jede Tumorveränderung zu entwickeln, wäre eine Herkules-Aufgabe, sagt Christoph Röcken. Für die häufigsten Typen stünden sie bereits zur Verfügung, doch die Forschung ist teuer – und die Motivation der Pharma-Industrie gering, viel Geld in die Therapie seltener Krebsformen zu investieren. „Dafür gibt es keinen Markt.“

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