Schrebergärten in Schleswig-Holstein : "Generation Kleingarten" - stirbt sie aus?

Kolonie am Wasserturm in Flensburg: Obmann Volker Stammer kämpft für deren Erhalt. Foto: Herbert Cordsen
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Kolonie am Wasserturm in Flensburg: Obmann Volker Stammer kämpft für deren Erhalt. Foto: Herbert Cordsen

Kleingärten sind eine Domäne der Senioren - aus Not, weil ihnen der Nachwuchs fehlt. Dabei würden sie zu gerne ihre Gärtner-Kenntnisse "vererben".

shz.de von
15. August 2009, 11:47 Uhr

Flensburg | Dieter Mohrbach ist stolz auf seine Kohlrabi. Wahre Prachtexemplare wachsen in seinem Kleingarten am Fuß des Wasserturms in Flensburg. Der drahtige 75-Jährige ackert dort nach Herzenslust, auch seine Tomaten sind groß und saftig. Er freut sich über die Erfolge. Dabei weiß er gar nicht, wie lange das noch gut geht, denn die Stadt hat vor, die Kolonie für Wohnhäuser platt zu machen. Zwei Gebiete nebenan sind schon eingeebnet. Als Mohrbach von den Plänen erfuhr, liefen ihm die Tränen übers Gesicht. Zwei Jahre zuvor hatte er nämlich schon einmal der Stadtentwicklung weichen müssen. Wegen der neuen Ost-Tangente zwischen der B 200 und der B 199 flüchtete er auf die Ostseite der Förde. Nun ist seine Zukunft als Schrebergärtner wieder ungewiss.

Auch in Itzehoe (Kreis Steinburg) soll aus Garten- neues Bauland werden. Und in Wedel wird aus 105 Parzellen ein Gewerbegebiet; bis zum 30. November müssen die Lauben geräumt sein. Andernorts mussten Gärten für Kreisverkehre oder wie in Lübeck für ein neues Bahngleis aufgegeben werden. Da drängt sich der Verdacht auf, dass die Städte leichtfertig ihre grünen Oasen der wirtschaftlichen Entwicklung opfern. Dem widerspricht aber Thomas Kleinworth (40), Fachberater im Landesverband der Gartenfreunde in Ellerhoop bei Elmshorn, in dem mit landesweit 35.000 rund drei Viertel aller Schrebergärtner organisiert sind. Die meisten Anlagen seien in den Bebauungsplänen der Kommunen verankert und könnten daher nicht ohne weiteres einer anderen Nutzung zugeführt werden.
"Wenn der weg muss, kann man nich totschlagen"
Wenn in den Kolonien zudem je ein Drittel für Rasen und Zierpflanzen, Obst und Gemüse sowie die Bebauung genutzt werde, stünden die Anlagen unter dem besonderen Schutz des Bundeskleingartengesetzes - Entschädigungen und der Ausweis von Ersatzflächen inklusive. Kleinworth betont, dass durchweg die Gemeinden im Einvernehmen mit Vereinen neue Nutzungen entwickelt hätten. Auch die Vereine selbst seien auf der Suche nach Reformen, denn ihnen fehlt der Nachwuchs. Jüngeren möchten sie noch zu gerne ihr Gärtner-Wissen vererben. Kleinworth: "Obst wächst nun mal nicht im Regal des Supermarkts." So werde in manchen Vereinen erwogen, Schulen ohne eigene Gärten freie Parzellen als Übungsgelände zur Verfügung zu stellen.

Wie viel Wissen ansonsten verloren zu gehen droht, machen Uwe Langholz und Herbert Cordsen vom Seniorenbeirat in Flensburg anlässlich eines Ortstermins in der von Neubaugebieten bedrohten Kolonie am Volkspark deutlich. So erzählt Langholz, dass er als Junge jeden Abend Hühner einsammeln und in Käfige setzen musste, damit sie über Nacht nicht gestohlen werden. Cordsen sagt, er habe Tulpen per Hand bestäubt, um andere Farben hervorzubringen. Und der Obmann der Kolonie am Volkspark, Volker Stammer, weiß, dass bis in die siebziger Jahre hinein sogar Kaninchen und Schweine gehalten wurden, was heute nicht mehr statthaft sei. Sie warnen, Kulturtechniken wie das Einwecken könnten verloren gehen. Stammer: "Früher gab es noch Dosen, die drei bis vier Mal gefüllt und verschlossen werden konnten." Er wohnt nur 150 Meter entfernt in der Mürwiker Straße, doch von Mai bis September hält er sich in seinem Kleingarten auf. "Wenn der weg muss, dann kann man mich totschlagen", sagt er voller Bitternis.
"Was man in seinem Garten erntet, braucht man nicht zu kaufen"
Noch ist nicht klar, wie lange sich die Flensburger Kolonie Nr. 115 gegen die Pläne der Stadt stemmen kann. Am liebsten wären ihnen 25 Jahre. Das würde, so Stammer, reichen, um die nachfolgende Generation nachhaltig einzuweisen. Der Pachtvertrag laufe aber nur bis 2020.

Umstritten unter den Experten ist, ob sich der Nachwuchs wegen der Wirtschaftskrise nicht von ganz allein einstellen wird. Uwe Firsching, Vorsitzender des Landesverbandes der Gartenfreunde: "Neben seiner sozialen, ökologischen und städteplanerischen Funktion rückt immer mehr die ökonomische Bedeutung in den Vordergrund - was man in seinem Garten ernten kann, braucht man nicht zu kaufen."

Auch Dr. Martin Nickol, Kustos des von Kleingärten umringten Botanischen Gartens der Universität Kiel, beobachtet, dass vermehrt junge Familien Parzellen pachten und nach eigenem Geschmack Gemüse und Obst anbauen. Auch aus Lübeck weiß er das. "Die Leute wollen das biologisch und frisch ernten." Unter ihnen seien auch Migranten, die das Gärtnern gewohnt seien und das anbauten, was sie aus ihrer Heimat kennen. Auch Dr. Nickol sorgt sich allerdings, ob den Älteren die Zeit reicht, die Pflanzenkenntnisse über die Generationen weiter zu geben.

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