Eiderstedt : Gemeinde baut Göring-Glocke ab

Glocke vom Sockel geholt: Stattdessen steht jetzt ein Pflanzentopf an der Stelle der umstrittene Gedenkstätte.  Foto: Rahn
Glocke vom Sockel geholt: Stattdessen steht jetzt ein Pflanzentopf an der Stelle der umstrittene Gedenkstätte. Foto: Rahn

Auf dem Sockel steht sie nicht mehr - dafür findet sie sich weiter im Gemeindewappen. Wo die Glocke nun bleiben soll, sollen die Bürger mit entscheiden können.

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27. November 2011, 08:45 Uhr

Tümlauer-Koog | Sie ist weg, aber nicht gestohlen: Die wegen ihrer Nazisymbolik heftig in die Kritik geratene Koogglocke in der nordfriesischen Gemeinde Tümlauer-Koog und ihr äußerst ungeschickt formuliertes Erläuterungsschild wurden gestern Morgen entfernt. Das hatten die sieben Gemeindevertreter in einer Eilsitzung am Donnerstagabend beschlossen. "Wir haben sie in Verwahrung genommen, damit sie nach dem ganzen Presserummel nicht noch in falsche Hände gerät", sagte Bürgermeister Christian Marwig. "Das ist mit dem Ministerpräsidenten und dem Landrat so abgesprochen."
Nun soll eine Arbeitsgruppe gegründet werden, in der Gemeinde, Kreis und Land sowie Historiker eine künftige Form der Darstellung entwickeln werden. Auch die Bürger sollen beteiligt werden. "Das Ergebnis ist völlig offen", sagten Landrat Dieter Harrsen und Bürgermeister Christian Marwig - auch mit Blick auf den Vorschlag, die Glocke in der Dithmarscher Neulandhalle unterzubringen, die als Lernort über den Nationalsozialismus im Gespräch ist. An der Beratung über das weitere Vorgehen waren auch Kreispräsident Albert Pahl und Eiderstedts Amtsdirektor Herbert Lorenzen beteiligt.
"Wir wollen unsere Geschichte nicht verstecken"
Ministerpräsident Peter Harry Carstensen hatte die Gemeinde Mitte der Woche aufgefordert, die mit Hakenkreuzen und Runen verzierte Glocke und das Schild zu entfernen. Der Glockenturm war laut Ortschronik bei der Bebauung des 1935 eingeweihten und damals nach der Nazigröße Hermann Göring benannten Koogs errichtet worden. Sie diente zunächst zur Alarmierung bei Feuer, Sturmflut und anderen Katastrophen, ferner wurden Geburten und Todesfälle damit angezeigt, da es im Koog keine Kirche gab.
Da sie mit der Zeit porös geworden war, musste sie 2007 abgenommen werden. Die Gemeindevertreter beschlossen, sie mit einem Erläuterungsschild am Ehrenmal zu platzieren. "Wir wollen unsere Geschichte nicht verstecken", erklärt Bürgermeister Christian Marwig den damaligen Schritt. Keinesfalls sollte damit die Naziherrschaft glorifiziert werden. Die Gemeindevertreter bedauern die öffentliche Diskussion um das Glocken-Denkmal. Es bleibe das Anliegen der Gemeinde, sich mit ihrer Vergangenheit aktiv und kritisch auseinander zu setzen und die Demokratie zu stärken, in dem die Lehren aus der Geschichte wach gehalten werden. Allerdings: Die Glocke ist auch im Gemeindewappen abgebildet, das zum 75. Koog-Jubiläum erstellt wurde.
Ministerpräsident Carstensen hatte in einem Brief erklärt, dass die derzeitige Gestaltung des Denkmals nicht akzeptabel sei. So gehe der Erläuterungstext auf die Ideologie der NSDAP und die Errichtung des Koogs ein, ohne auch nur mit einem Wort den geschichtlichen Kontext der NSDAP-Herrschaft und ihrer fatalen Folgen für Deutschland und Europa zu erwähnen. Die Glocke sei ein Symbol für die nationalsozialistische Herrschaft und für eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte.
Gestiftet vom Reichsnährstand
Die Glocke ist allerdings nicht von Hermann Göring gestiftet worden. Bürgermeister Marwig vermutet, dass der Reichsnährstand - eine ständische Organisation der nationalsozialistischen Agrarpolitik - dafür verantwortlich war, denn sie trägt an der Vorderseite die Aufschrift "Reichsnährstand 1935". Auf der Rückseite steht "Hermann Göring Koog, eingeweiht vom Ministerpräsidenten Hermann Göring, Oktober 1935". Am Fuß ist zu lesen "Das deutsche Bauerntum ist die ewige Blutquelle des deutschen Volks."
Die Eindeichung des Koogs und seine Besiedlung war bereits in den 1920er Jahren beschlossen und 1932 begonnen worden, ist der Chronik der Gemeinde zu entnehmen - doch erst nach der Machtergreifung der Nazis 1933 von diesen vorangetrieben worden. Nazigröße Hermann Göring wurde als Schirmherr auserkoren und weihte den Koog im Oktober 1935 ein. Er war damals preußischer Ministerpräsident, 1946 wurde er als Kriegsverbrecher zum Tod verurteilt.

Dokumentation: Der Text auf der Infotafel

Zusammen mit der Göring-Glocke war ein Schild der Gemeinde aufgestellt, das nun ebenfalls abmontiert wurde. Es war der Text, der ebenfalls zur Kritik an der Gedenkstätte beigetragen hatte. Wir dokumentieren den Text hier:

"Seit 1933 herrscht die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter Partei). Ihre Ideologie ging auf das Germanentum und die Blut und Boden-Mentalität zurück und sie behauptete, ein Volk ohne Raum zu sein.
Ein neuer Koog war in den Augen der NSDAP Gewinn einer neuen Heimat am Wasser, geschaffen aus der Kraft des bodenständigen Bauerntums.
Dieser Gedanke wird symbolisiert durch die Runen am oberen Rand und wiederholt durch den Spruch am unteren Rand der Glocke.
Nach fast 80 Jahren folgen wir dieser Ideologie nicht mehr, aber wir müssen sie akzeptieren als eine Phase unserer Geschichte.
Der Gewinn eines Kooges bleibt eine große Leistung, er schafft Land und Ernährung. Die ideologische Überhöhung ist auch aus der Not einer bestimmten Epoche zu verstehen.
Gemeinde Tümlauer-Koog"

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