Menschen mit Behinderung : Gelähmt nach Hockey-Unfall: Aufgeben ist für Tjalf Caesar keine Option

Unvergesslicher Abend: Tjalf Caesar (r.) und sein Bruder Kjell besuchen im Februar 2020 ein Konzert der Band Slipknot.
Unvergesslicher Abend: Tjalf Caesar (r.) und sein Bruder Kjell besuchen im Februar 2020 ein Konzert der Band Slipknot.

Der 5. Mai ist der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung – Tjalf Caesar im Portrait.

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05. Mai 2021, 11:55 Uhr

Bad Oldesloe | Es ist Sonntagabend. In vielen deutschen Wohnzimmern läuft der Fernseher. 14,22 Millionen Menschen haben in der ARD die Krimireihe Tatort eingeschaltet und verfolgen, wie Axel Prahl und Jan Josef Liefers in Münster versuchen, einen Mordfall aufzuklären. Doch hier im zweiten Obergeschoss eines Mehrfamilienhauses in der Bad Oldesloer Innenstadt bleibt an diesem ersten Maiwochenende der Bildschirm schwarz.

Tjalf Caesar erledigt mit seiner Freundin Svea Hausarbeiten. Auf dem Schoß hat er einen Korb mit frisch gewaschener Wäsche. Nach und nach reicht der Student seiner Lebensgefährtin ein sauberes Kleidungsstück, das die 21-Jährige auf den Wäscheständer zum Trocknen hängt. Für viele Menschen lästige Pflicht – für das junge Paar ist es ein besonderer Moment. Denn Tjalf Caesar ist vom Hals abwärts an gelähmt.

Folgenschwerer Sturz in die Bande

Bild aus vergangenen Tagen: Tjalf Caesar hat den Puck erobert und leitet einen Angriff ein.
Hartmann
Bild aus vergangenen Tagen: Tjalf Caesar hat den Puck erobert und leitet einen Angriff ein.

Es ist der 26. Oktober 2019, als der Oldesloer schwer verunglückt. Tjalf Caesar ist seit der Kindheit leidenschaftlicher Eishockeyspieler und an diesem Sonnabend zum Regionalliga-Punktspiel mit dem HSV bei den Jade-Haien vom ECW Sande zu Gast. Es läuft das zweite Drittel, als der Verteidiger als Stürmer einspringt. Er wird in einen Zweikampf verwickelt und stürzt kopfüber in die Bande. Drei Wirbel brechen, das Rückenmark wird verletzt, eine Arterie reißt. Er erleidet einen Schlaganfall und überlebt nur, weil ein Neurochirurg als Zuschauer in der Halle ist und sofort die Wiederbelebung einleitet.

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„Näher kann man dem Tod nicht von der Schippe springen. Ich habe eine zweite Chance gekriegt“, sagt Tjalf Caesar Monate später. Er hat sie genutzt – und sich ins Leben zurückgekämpft, auch wenn Nichts mehr so ist wie früher.

Viel Anteilnahme an Caesars Schicksal

Mehrfach wird der Student operiert, zwei Wochen liegt er im Koma. Als er aufwacht, kann er sich erst nur durch Blinzeln bemerkbar machen. Doch er gibt nicht auf – auch weil viele Menschen Anteil an seinem Schicksal nehmen. Eishockeyclubs aus ganz Deutschland rufen zu Spenden auf, die Landfrauen helfen, die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde veranstaltet ein Benefizkonzert. Tjalf Caesar motiviert die Anteilnahme. Er kämpft, nicht mehr auf dem Eis, sondern im Krankenhaus. Er lernt wieder zu atmen, zu sprechen, setzt sich Ziele – kleine und große. Aufgeben ist keine Option.

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Die Pfleger loben ihn für seine Willensstärke, die ihn viele kleine Siege feiern lassen: Erstmals darf er das Klinikgelände am 16. Februar 2020 verlassen – für ein Livekonzert der Metal-Band Slipknot. Im Hightech-Rollstuhl, den er mit dem Kinn steuert, erlebt er einen unvergesslichen Abend in der Hamburger Barclaycard-Arena. Ein Etappensieg, den er stilecht in Metal-Kutte mit Bruder Kjell (21) und zwei Pflegern feiert.

Aus der Klinik in die erste eigene Wohnung

Ein weiteres Ziel erreicht er im September: Zehn Monate nach seinem Unfall darf er das BG Klinikum Hamburg verlassen und seine erste eigene Wohnung gemeinsam mit Freundin Svea in Bad Oldesloes Innenstadt beziehen. Ein Leben in einer Pflegeeinrichtung kam nicht in Frage. Er hat dafür gekämpft – und gewonnen. 90 Quadratmeter verteilt auf drei Räume und einen Balkon hat er gegen sein Krankenzimmer in der Klinik eingetauscht. Eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung ist nötig. Das Pflegenotfallteam (PNT) aus Geesthacht um Andrea Boddin hat eine zehnköpfige Mannschaft zusammengestellt. In zwei Schichten kümmern sich die Pfleger um ihn.

Ein gewisses Maß an Selbstständigkeit aber will sich Tjalf Caesar erhalten. Die Einkäufe erledigt er selbst, beim Kochen ist er gern dabei, gibt Anweisungen, zum Beispiel wie die Kartoffeln geschnitten werden müssen. Im Anleiten sei er ganz gut, er locke die Menschen gern aus ihrer Komfortzone und animiere sie zum Mitmachen. „Viele haben anfangs geglaubt, mich mit Samthandschuhen anfassen zu müssen – ich hasse das“, sagt Tjalf Caesar. Anfangs hat sich auch seine Familie schwer getan, mittlerweile haben sich alle auf die Situation eingestellt.

Paradebeispiel für Inklusion

Normalität auszustrahlen, ist ihm wichtig. „Dann bekommt man das auch zurück.“ In seinem Freundeskreis funktioniere das gut. Natürlich müssen sie sich etwas einfallen lassen, um kleinere Hürden zu meistern. „Meistens ist es mit ihnen aber so wie früher“, sagt der 24-Jährige. Es ist ein Paradebeispiel dafür wie Inklusion funktionieren sollte: „Inklusion bedeute, wenn man augenscheinlich zwar anders ist, aber nicht anders behandelt wird“, betont Tjalf Caesar, dem genau das wichtig ist.

Er hatte sich deshalb fest vorgenommen, das Rammstein-Konzert im Hamburger Volksparkstadion nicht aus dem Rollstuhlbereich zu verfolgen, sondern sich mitten in die Menge in den Innenraum zu begeben. Corona-bedingt wurde das für Mitte Juni geplante Konzert jedoch abgesagt. Sein tragischer Unfall hat ihm zwar die Unbeschwertheit der Jugend genommen, „aber ich höre deshalb jetzt nicht auf zu leben“, erklärt der 24-Jährige, der als normaler Teil der Gesellschaft wahrgenommen werden will.

Um das zu erreichen, bedarf es weiterer Aufklärung. „Bei der Eröffnungsfeier der Paralympischen Spiele habe ich vor Jahren eine Rede verfolgt, in der es hieß ,Inklusion ist, wenn wir nicht mehr darüber reden‘. Da ist viel Wahres dran, wir sind leider noch weit davon entfernt“, sagt der Oldesloer, der kürzlich eine Bundestagsdebatte verfolgte, die als Beispiel für den Nachholbedarf in Deutschland diene. Ein AfD-Politiker habe sich über die geforderte Frauenquote echauffiert und gefragt: „Was kommt als nächstes: eine Ausländerquote, vielleicht sogar eine Behindertenquote?“ Tjalf Caesar war schockiert: „Wenn von oben vorgelebt wird, dass es solche Abstufungen gibt, setzt sich das nach unten natürlich fort.“

Es geht auch ohne Differenzierungen, der 24-Jährige hat es erst am Sonntagabend erlebt. Vor vier Wochen hatte er endlich jenen Roboterarm bekommen, um den er lange kämpfen musste. Ein Meilenstein auf dem Weg zu mehr Selbstständigkeit. Und dass er dank dieses technischen Hilfsmittels mit Freundin Svea nun gemeinsam Wäsche aufhängt, ist zwar besonders, aber auch ein Beleg dafür, wie normal der Alltag mit Tjalf Caesar sein kann.

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