Reinfeld : Geht Silkes Mörder Freitag zum Gentest?

Ermordet: Silke B. (15)
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Ermordet: Silke B. (15)

Vor 25 Jahren wurde Schülerin Silke B. aus Reinfeld (Kreis Stormarn) getötet - jetzt sollen 2200 Männer eine Speichelprobe abgeben. Befindet sich unter ihnen auch der Mörder?

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29. Oktober 2010, 12:59 Uhr

Reinfeld/Lübeck | Sie lag in einem Graben, das Gesicht im knöcheltiefen Morast. Messerstiche in den Hals und Schläge auf den Kopf hatten Schülerin Silke B. (15) aus Reinfeld im Kreis Stormarn getötet. 25 Jahre nach der Bluttat will die Polizei den Mörder endlich fassen - am Freitag beginnt die größte DNA-Reihenuntersuchung in der Geschichte Schleswig-Holsteins.
Um 15 Uhr öffnen Polizisten den Haupteingang der Matthias-Claudius-Grundschule in Reinfeld. Wer eintritt, muss seinen Personalausweis vorlegen und eine Freiwilligkeitserklärung unterschreiben. Bis 20 Uhr werden dann zehn speziell geschulte Beamte mit Wattestäbchen die Speichelproben entnehmen, aus denen das Institut für Rechtsmedizin in Kiel einen genetischen Fingerabdruck gewinnen soll. Am Tag darauf wiederholt sich das Prozedere im Theodor-Mommsen-Gymnasium in Bad Oldesloe.
Lebt der Mörder von Silke B. überhaupt noch?
Die Aufforderung zum Test haben Männer bekommen, die zur Tatzeit 18 bis 25 Jahre alt waren, eine Schule in Reinfeld oder Bad Oldesloe besuchten und ein Auto hatten - 2200 sind es, die in dieses Raster passen. In die Reinfelder Schule sind 600 Personen bestellt. "Wir rechnen aber damit, dass nur etwa 400 bis 500 Männer erscheinen werden", sagt Polizeisprecher Jan-Hendrik Wulff. Warum? Etliche der Angeschriebenen hätten bereits auf Polizeiwachen eine Probe abgegeben, weil ihnen der Termin nicht gepasst habe, einige der Männer seien verstorben und außerdem müsse mit einer gewissen Zahl von Verweigerern gerechnet werden.
Der Ausgang des Massen-Gentests ist ungewiss. Lebt der Mörder von Silke B. überhaupt noch? Wenn ja, erfasst ihn das Raster? Wird er eine Speichelprobe abgeben oder gehört er zu den Verweigerern - und was passiert mit diesen Männern?
"Das ist ein sensibles Thema"
Polizeisprecher Wulff: "Die Teilnahme an dem Test ist freiwillig. Es gibt keine Rechtsgrundlage, eine Abgabe unter Zwang einzufordern. Wir würden uns die betreffenden Person aber näher ansehen, das Gespräch suchen und nach dem Grund für die Weigerung fragen." Weitere Entscheidungen würden dann im Einzelfall getroffen. Wulff: "Das ist ein sensibles Thema."
Das gilt auch für die Fälle, in denen die Betreffenden bereits verstorben sind. Eine DNA-Probe von Kindern oder Eltern könnte Gewissheit bringen. "Das ist derzeit aber nicht geplant", erklärt Jan-Hendrik Wulff. "Wir würden erst das Raster vergrößern und beispielsweise das Alter erhöhen, bevor wir an Dritte herantreten. Wenn es danach noch immer keinen Treffer gibt, müsste die Staatsanwaltschaft über das weitere Vorgehen entscheiden."
Die Suche nach dem Mörder kostet 33.000 Euro
Der Speicheltest kostet pro Person 15 Euro. Die Suche nach dem Mörder kostet also 33.000 Euro. Der Druck, die Ausgaben mit einem Fahndungserfolg zu krönen, ist groß. Kritiker von DNA-Reihenuntersuchungen bemängeln daher, dass es keine echte Freiwilligkeit gibt. Oft folgt einer Weigerung die Vernehmung als Beschuldigter und später ein Gerichtsbeschluss zur zwangsweisen Abgabe einer Speichelprobe, weil das Alibi nicht stichhaltig ist. Der Bundesdatenschutzbeauftrage Peter Schaar warnt sogar: "Ein Massen-Gentest, bei dem sehr viele Unschuldige einbezogen werden, darf nicht zur Standardmaßnahme der Polizei werden."
Tatsächlich aber scheint genau das der Weg der Zukunft zu sein. Der Mord an Silke B. ist bereits der dritte Fall, bei dem es dem Landeskriminalamt dank verfeinerter Methoden gelungen ist, einen genetischen Fingerabdruck aus Spuren zu gewinnen, die zuvor ein Vierteljahrhundert lang wertlos waren. Auch im Fall der Schwesterschülerin Gabriele S. (18) aus Henstedt-Ulzburg (Kreis Segeberg), die 1986 vergewaltigt und mit ihrem eigenen Schal erdrosselt worden war, mussten hunderte Männer eine Speichelprobe abgeben. Daneben konnte der 1986 begangene Mord an "Studio Hamburg"-Sekretärin Gabriele E. (26) aus Rahlstedt bei Hamburg dem Entführer von Anne H. (26) zugeordnet werden.
Viele Polizisten arbeiteten damals teilweise ohne Handschuhe am Tatort
Silke B. wollte am Tag ihres Todes das "Spektakel 85" besuchen, eine Schulparty in Bad Oldesloe. Ihrem Vater, Jan B., versprach sie, um 22 Uhr wieder zu Hause zu sein. Die Spur der Schülerin verliert sich an der B 75, ihre Leiche wird einen Tag später zehn Kilometer entfernt in den Travewiesen bei Sühlen gefunden. Offenbar war Silke B. in das Auto ihres Mörders gestiegen, von einem Feldweg hatte der Täter die Leiche über eine Koppel zu einem Entwässerungsgraben geschleift. Schuhe, Strümpfe und Jacke waren ausgezogen, vergewaltigt worden war Silke B. aber nicht. Ihr Mörder hatte das Messer zurückgelassen, mit dem er zugestochen hatte, außerdem Zigarettenkippen. Da Silke B. sich heftig gewehrt hatte, sind auch ihre Fingernägel asserviert worden.
Das Problem: Mehr als ein Dutzend Polizisten arbeitete damals teilweise ohne Handschuhe am Tatort. Um auszuschließen, dass die DNA-Spur von einem Ermittler stammt, haben die Beamten bereits eine DNA-Probe abgegeben. "Auch alle Bekannten und Verwandten sind ausgeschlossen", erklärt Wulff. "Jetzt können wir den Täter fassen." Niemand hofft das mehr als Jan B., der inzwischen 70 Jahre alte Vater der Getöteten. Silke B. war sein einziges Kind. "Dann kommt sicherlich noch mal ordentlich was auf uns zu", sagte er. "Andererseits werde ich sonst niemals zur Ruhe kommen. So etwas verfolgt einen ewig."

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