Eiderstedt : Geheimsache "Atom"

Blick ins Atommülllager Asse - um ein Haar wäre die strahlende Fracht in Schleswig-Holstein gelandet. Für Probebohrungen gab es bereits grünes Licht. Foto: dpa
Blick ins Atommülllager Asse - um ein Haar wäre die strahlende Fracht in Schleswig-Holstein gelandet. Für Probebohrungen gab es bereits grünes Licht. Foto: dpa

Selbst die geheimsten Akten kommen irgendwann ans Licht: Auf der Halbinsel Eiderstedt sollte Atommüll gelagert werden, und die Bevölkerung wurde über die Pläne nicht informiert.

shz.de von
24. September 2009, 08:56 Uhr

Kiel | Der Plan, in Nordfriesland Erkundungsbohrungen für ein CO2-Endlager zu starten, hat die Bevölkerung der Region in helle Aufregung versetzt. Was die wenigsten heute noch wissen: Vor 42 Jahren war die Westküste schon einmal als Mülllager der Nation im Gespräch. Damals sollte atomarer Abfall in den Salzkavernen auf Eiderstedt endgelagert werden.
Doch wehren konnte sich die Bevölkerung zunächst nicht, denn die Aktion wurde als geheime Kommandosache der Landesregierung und des Bonner Forschungsministeriums behandelt.
Probebohrungen in Oldenswort genehmigt
Aus Unterlagen, die jetzt den Mitgliedern des niedersächsischen Untersuchungsausschusses zum Atommülllager Asse zur Verfügung gestellt wurden, geht hervor, dass das Kabinett von Schleswig-Holsteins CDU-Ministerpräsident Helmut Lemke in Kiel 1967 die Genehmigung für Probebohrungen für ein Atommülllager in der Gemeinde Oldenswort (Nordfriesland) erteilte. Wirtschaftsministerium, Landrat und Bürgermeister der kleinen Gemeinde stimmten zu. Doch wissen sollte keiner davon. So heißt es in einem Sitzungsprotokoll vom 10. August 1967: "Erst nach Vorliegen der Ergebnisse der Probebohrungen soll die Bevölkerung des Kreises Eiderstedt über das Vorhaben unterrichtet werden." An anderer Stelle wird festgelegt, die Unterrichtung der Bevölkerung dürfe "mit großer Vorsicht erst dann erfolgen, wenn der Standort endgültig ist".
Um die Angelegenheit zu vertuschen, wurde die Wirtschaftsaufbaukasse beauftragt, das benötigte Grundstück - 1,5 Hektar Weideland - zu kaufen. "Der Erwerb durch die Gesellschaft für Strahlenschutz könnte zu falschen Schlüssen der Bevölkerung führen", wird in dem Protokoll gewarnt. In einer Aktennotiz aus dem November des Jahres wird zudem der Ankauf einer gemeindeeigenen Parzelle zu einem deutlich überhöhten Preis (zehn statt der marktüblichen zwei D-Mark) durch die Gesellschaft für Strahlenforschung damit begründet, "dass der Gemeinde etwas angeboten werden muss, um den zu erwartenden Widerstand gegen das Projekt zu brechen".
10.000 Kubikmeter für radioaktiven Abfall
Geplant war, rund einen Kilometer südöstlich der Gemeinde Oldenswort eine Salzkaverne mit einem Nettovolumen von 10.000 Kubikmetern auszusolen, um dort schwach- bis mittelradioaktiven Abfall zu verklappen. Die Lagerung in der Oldensworter Salzkaverne sei "völlig ungefährlich" und stelle eine "sehr kostengünstige Lösung" dar. Sofern die Probebohrung positiv verlaufe, "womit mit hoher Wahrscheinlichkeit gerechnet werden kann", sollte anschließend der eigentliche Karvenenhohlraum ausgesolt werden. Sogar die Ableitung der dabei anfallenden Sole (Salzwasser) in die nur 1,4 Kilometer entfernte Eider war schon geregelt. Es bestehe Eile, heißt es in einem Protokoll, denn die Einleitung in die Eider sei nach Schließung des damals im Bau befindlichen Eidersperrwerkes deutlich komplizierter.
Erst als im Gemeinderat der Grundstücksdeal verhandelt wurde, ging den Oldenswortern ein Licht auf. Sie gingen auf die Barrikaden. Mit Erfolg: Das Projekt wurde zu den Akten gelegt. "Möglicherweise hat auch das damals parallel erkundete und 1967 in Betrieb genommene Salzbergwerk Asse das Interesse an den Salzstöcken auf Eiderstedt erlahmen lassen", vermutet der Grünen-Landtagsabgeordnete Detlef Matthiessen. Angesichts der Probleme, die dort heute mit eindringendem Wasser bestehen, sollten die "Westküstenbewohner froh sein, dass dieser Kelch an ihnen vorbeigegangen ist". Matthiessen bezweifelt, dass es heute noch möglich sein würde, eine Standortsuche "so naiv und dreist wie damals und an der Öffentlichkeit vorbei zu planen".

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