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Unkrautvernichtungsmittel : Gefährliches Pestizid: Streit um Roundup

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das populäre Herbizid Roundup muss neu zugelassen werden. Ein Kieler Toxikologe kritisiert den Sicherheitscheck der deutschen Behörden.

shz.de von
erstellt am 21.Apr.2014 | 20:05 Uhr

Kiel | Es ist eines der meistverkauften Unkrautvernichtungsmittel der Welt: Über eine Million Tonnen Glyphosat, besser bekannt unter dem Handelsnamen Roundup, werden jedes Jahr versprüht. Immer häufiger auch in Schleswig-Holstein. Im kommenden Jahr steht das Mittel vor seiner routinemäßigen Wiederzulassung, denn die Europäische Kommission hat die Nutzung aller Pestizide zeitlich befristet.

Federführend für den Sicherheitscheck, die sogenannte Neubewertung, ist Deutschland. Der Kieler Toxikologe Dr. Hermann Kruse vom Institut für Toxikologie und Pharmakologie an der Christian-Albrechts-Universität übt jetzt scharfe Kritik an den verantwortlichen Behörden. Er sagt: „Glyphosat ist eine der toxikologisch umstrittensten Verbindungen dieser Tage, doch es wurden keine neuen Studien aufgelegt, sondern lediglich alte Datensätze neu aufbereitet und 900 Artikel aus wissenschaftlichen Zeitschriften ausgewertet.“ Sein Fazit: „Eine Enttäuschung.“

Der weltweite Siegeszug des Totalherbizids begann 1970. Patentiert vom Agrarkonzern Monsanto überzeugte Glyphosat durch seine trickreiche Wirkweise: Es blockiert in den Pflanzen ein lebenswichtiges Enzym, sie verdorren. Tiere und Menschen besitzen dieses Enzym nicht und nehmen deshalb keinen Schaden – so die damalige Annahme. Noch bevor Roundup 2002 in Europa zugelassen wurde, war jedoch bekannt, dass es Fischen wie der Regenbogenforelle, Wasserflöhen und Amphibien nicht bekommt.

In Schleswig-Holstein wurde Glyphosat zunächst meist genutzt, um Flächen vor der Gras-Aussaat von Unkräutern zu befreien. „Doch mit dem Wegfall der Patentrechte kam es zu einem Preisverfall und zu einem großzügigeren Umgang“, sagt Landwirt Jochen Langbehn (51), der einen Hof in Altratjensdorf (Kreis Ostholstein) betreibt. „Das Produkt und das Ausbringen kosten etwa 50 Euro pro Hektar, dass ist günstig.“ Auch vor der Saat anderer Pflanzen wird jetzt gespritzt, unter Umständen kann deshalb sogar auf das Pflügen verzichtet werden. Und sehr häufig wird das Herbizid als Erntebeschleuniger genutzt. Die noch grünen Teile der Erntepflanzen werden vernichtet, die Restfeuchte damit reduziert. „So kann etwa bei Weizen das Korn trockener eingefahren werden, was die Energiekosten einer Trocknung spart“, erklärt Langbehn. Außerdem schont es die Maschinen. Allerdings haftet Glyphosat dann auch an der Ernte und kann in die Nahrungskette gelangen.

Ein weiterer großer Nutzer im Norden ist die Bahn. Sie hält mit dem Breitbandherbizid die Gleise sauber. „In Schotterproben haben wir große Mengen gefunden“, sagt Toxikologe Kruse. 2012 erklärte die Deutsche Bahn, zum Beispiel im Jahr 2008 bundesweit rund 78 Tonnen Wirkstoff auf 1040 Quadratkilometern eingesetzt zu haben.

Glyphosat soll, so warnen Kritiker, nicht nur Ökosysteme, Pflanzen und Tiere gefährden, sondern auch der Gesundheit des Menschen schaden. Doch wie gefährlich ist Glyphosat wirklich?

„Es gibt keine Hinweise auf eine krebserzeugende Wirkung“, betont Dr. Hermann Kruse. Aber viele weitere Fragen seien noch offen. Hellhörig macht eine Studie des Embryologen Andrés Carrasco von der Universität Buenos Aires in Argentinien. In dem südamerikanischen Land wird Roundup in Verbindung mit genetisch verändertem Saatgut (Roundup-Ready) verwendet. Die Bio-Ingenieure von Monsanto haben 1996 dafür gesorgt, dass Mais, Soja und Baumwolle den Giftregen überstehen, während unerwünschtes Grün eingeht. In den Dörfern zwischen den Feldern wurden danach vermehrt Kinder mit Fehlbildungen geboren. Carrasco injizierte das Herbizid im Labor Embryonen von Hühnern und Krallenfröschen, einem verbreiteten Versuchstier der Entwicklungsbiologie. Er testete sowohl den reinen Wirkstoff Glyphosat als auch Roundup, das mit Zusatzstoffen ausgeliefert wird. Dazu zählen sogenannte Netzmittel, das sind Stoffe, die das Glyphosat an den Blättern haften lassen und ein Eindringen erleichtern. In beiden Fällen entdeckte Carrasco Schäden, die den Fehlbildungen der Kinder ähnelten.

Um die Aussagekraft dieser Forschung und ihre korrekte Deutung wurde heftig gerungen – wie bei allen wissenschaftliche Studien zu Roundup. In Deutschland sind das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) die federführenden Instanzen. Für die Experten vom BfR stellt Carrascos Experiment „sehr artifizielle Bedingungen“ nach, da sich niemand Herbizide in die Adern spritzen würde.

Toxikologe Dr. Hermann Kruse wirft den deutschen Behörden jedoch vor, „die Datenlage zu industriefreundlich zu interpretieren“. Damit steht er nicht alleine. Die Gruppe „Earth Open Source“, der hochkarätige Wissenschaftler angehören, teilt diese Meinung und moniert zudem, dass 90 Prozent der Studien von Monsanto finanziert worden seien.

Anfang April hat eine unabhängige Studie in Amerika Glyphosat in einer Konzentration von 200 Mikrogramm pro Liter in der Muttermilch nachgewiesen. „Die reproduktionsschädigenden Effekte werden unterschätzt“, warnt der Kieler Toxikologe. „Was wir brauchen sind epidemiologische Erhebungen an großen Kollektiven, außerdem müssen wir kritisch auf die Ernte gucken – mit umfangreichen Lebensmittel- und Futteranalysen.“ Was in der Forschung vollkommen fehle, seien zudem Experimente zur chronischen Toxizität etwa bei Affen.

Der Experte fordert, auch die Giftigkeit der Zusatzstoffe besser zu erforschen. Allein in Europa sind 70 verschiedene Glyphosat-Rezepturen mit verschiedenen Netzmitteln zugelassen. Selbst das BfR musste zugeben, dass „die Toxizität bestimmter glyphosathaltiger Pflanzenschutzmittel aufgrund der darin enthaltenen Beistoffe höher sein kann als die des Wirkstoffes“.

Für die Öffentlichkeit und damit auch für die freien Toxikologen sind diese Rezepturen nicht zugänglich. „Ich würde diese Daten gerne beurteilen, darf es aber nicht“, kritisiert Kruse. „Nur das BfR hat darauf Zugriff.“ Als noch geheimer eingestuft werden die Verunreinigungen, die offenbar während der Produktion entstehen. „Welche Auswirkungen haben sie?“, fragt Kruse. „Monsanto“ dürfte die Antwort kennen – und schweigt.

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