Technik aus Dithmarschen : Ganz automatisch: Jedem Pferd das eigene Futter

Fellfarbe, Zeichnung und Schädelform machen jedes Pferd einzigartig - und für das Gerät an der Wand gegenüber erkennbar. Foto: Michael Ruff
Fellfarbe, Zeichnung und Schädelform machen jedes Pferd einzigartig - und für das Gerät an der Wand gegenüber erkennbar. Foto: Michael Ruff

Dithmarscher Erfindung: Ein Gerät erkennt das Gesicht eines Pferdes und bemisst danach die Ration. In einer Testherde liegen die Erfinder schon bei fast 100 Prozent Erfolgsquote.

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11. Juni 2013, 10:17 Uhr

Weddingstedt | Das soziale Netzwerk Facebook hatte vor rund zwei Jahren die automatische Gesichtserkennung bei Nutzerfotos eingeführt und wurde dafür von Datenschützern stark kritisiert. In Weddingstedt (Kreis Dithmarschen) wird diese Technik nun in modifizierter Form zur computergesteuerten Fütterung von Pferden eingesetzt, um hier eine andere umstrittene Technik abzulösen: das Implantieren von Mikro-Chips unter die Haut des Pferdes. Die Fachhochschule Westküste in Heide und die Firma Hinrichs Innovation + Technik GmbH (HIT) in Weddingstedt arbeiten seit rund vier Jahren an einer automatischen Futterstation, die die Pferde anhand ihrer äußeren Merkmale identifiziert.
"An der Gesichtserkennung für Menschen haben bereits Tausende Forscher gearbeitet. Wir dachten, wir könnten diese Technik dann relativ einfach für Pferde übernehmen", sagt Kristina Schädler von der Fachhochschule Westküste. Doch ganz so leicht war es nicht: "Das menschliche Gesicht ist relativ flächig und gut zu analysieren", erklärt sie. "Bei Pferden sitzen Erkennungsmerkmale wie die Augen an der Seite des Schädels, sodass sie mit einer normalen Kamera nicht abzubilden sind." Ganz abgesehen davon, dass ein hungriges Pferd seinen Kopf nicht in eine bestimmte Position bringe und dann stillhalte, fügt Schädler hinzu. "Die Fellfarbe oder Zeichnung des Pferdes allein reichen nicht für eine zuverlässige Erkennung aus", erklärt Mark Lemm, stellvertretender HIT-Geschäftsführer. So ergänzte das Team die vorhandene Technik durch eine 3D-Kamera, die die Schädelform der Tiere erfasst. Erst das Zusammenspiel dieser Komponenten habe eine sichere Erkennung möglich gemacht, berichtet Lemm: "Inzwischen liegt die Trefferquote in der Versuchsherde bei annähernd 100 Prozent."

Leben im "Aktivstall"

An der aus acht Holsteiner Pferden bestehenden Herde des HIT-Geschäftsführers Thorsten Hinrichs wird der Prototyp seit rund einem Jahr getestet. Die Pferde leben in einem so genannten Aktivstall. Hierbei werden die Tiere in der Gruppe gehalten und können sich den ganzen Tag über bewegen - das müssen sie sogar, denn die einzelnen Futterstationen liegen weit auseinander.
Hinter der automatischen Pferdefütterung steht die Idee, dass jedes Pferd trotz Herdenhaltung eine individuell bestimmte Menge Kraftfutter bekommt. Außerdem können die Dauerfresser ihr Futter dann aufnehmen, wann sie es benötigen. So holt sich jedes Tier mehrmals am Tag kleinere Mengen Kraftfutter eigenständig an der Station ab. Noch bevor das Pferd seinen Kopf in die Futterschale hält, analysiert die Technik die Gesichtsmerkmale, identifiziert das Pferd und gibt die Futterration aus - ohne dass dem Pferd ein Mikro-Chip mit den gespeicherten Daten implantiert werden oder es einen solchen Chip in einem Transponderhalsband tragen muss. Somit werde das Risiko, dass sich ein implantierter Chip verkapselt, entzündet oder wandert, ausgeschlossen, erklärt Schädler. Auch das Verlieren eines äußerlich angebrachten Chips beim Wälzen oder durch eine Rangelei unter den Tieren falle weg.

Marktreife in ein bis zwei Jahren

In ein bis zwei Jahren könnte die mit 250.000 Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Technik auf den Markt gebracht werden - bei einem anvisierten Kaufpreis von 8000 bis 12.000 Euro, schätzt Lemm. Und er hofft auf eine große Nachfrage: "Wir haben bundesweit 450 Aktivställe gebaut und bekommen auch verstärkt Anfragen aus dem Ausland." Außerdem sei die Technik auf andere Tierarten wie beispielsweise Kühe anwendbar. Auf der Pferdemesse Equitana, auf der das Projekt mit dem Sonderpreis für "Best Product in Construction" ausgezeichnet wurde, hätten sich viele Besucher interessiert gezeigt, berichtet Schädler stolz. Bis die Technik in Serie hergestellt wird, wollen die Entwickler sie noch in ein bis zwei weiteren Versuchsherden testen.

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