Problemstadtteil in Kiel : Gärtnern in Gaarden trägt zarte Früchte

Thomas kannte den Gartenbesitzer. Auch nach seinen Arbeitsstunden will er helfen.
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Thomas kannte den Gartenbesitzer. Auch nach seinen Arbeitsstunden will er helfen.

Sie kommen aus der Drogenszene oder bauen Arbeitstunden ab: Bis zu elf Menschen aus verschiedenen Szenen des Kieler Problemstadtteils Gaarden beteiligen sich am Gartenprojekt.

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23. September 2011, 12:32 Uhr

Kiel | Sie packen mit an, um von der Flasche wegzukommen, Arbeitsstunden abzubauen oder es einfach nur schön zu haben. Irgendwann einmal, wenn alles fertig ist. Seit drei Wochen werkeln zwischen drei und fünf Personen gemeinsam mit den Streetworkern Philip Kirchhoff und Peter Maierhöfer im Garten an der Ecke Wilhelmstraße/Kirchenweg. Ursprünglich war das sogenannte Gartenprojekt, nachdem die Verlegung der Drogen- und Trinker-Skymarkt-Szene gescheitert ist, von der Stadt als eine Beschäftigung gedacht, diese Menschen zurück ins Leben und Arbeit zu holen. Anwohner und Geschäftsleute waren empört (wir berichteten). Niemand wollte die Szene vor seiner Tür, niemand hat ihnen überhaupt zugetraut, etwas Vernünftiges zu tun außer Drogen zu nehmen oder zu trinken. Vielleicht nicht einmal sie selbst.
Doch schon drei Wochen später ist nichts mehr vom verwilderten 511 Quadratmeter großen Gartengrundstück zu sehen.Der alte Zaun ist weg, ein neuer in Planung. Der Rasen gemäht, der Baumschnitt gehäckselt, der Teich sichtbar. Ob Regen oder Sonne, sie sind immer da, sagt Kirchhoff. Einige seien regelrecht enttäuscht, wenn die zwei Stunden tägliche Arbeit vorbei sind und es zum Mittagessen in die Anlaufstelle in der Johannesstraße geht. Durch den Kontakt zu allen Szenen im Stadtteil Gaarden, seien die Leute auch längst nicht nur von der Sky-Markt-Szene. "Der Zuspruch wächst und das ist gut. Wir sind jetzt schon viel weiter als gedacht", freut sich Peter Maierhöfer. Und nicht nur die, die etwas schaffen wollen, kommen zum Garten. Auch Besucher sitzen in der Hütte und schauen beim Arbeiten zu. "Wir kommen, wenn es schön ist", sagen andere aus der Szene. Streetworker Kirchhoff dazu: "Wir wussten, dass es keine dauerhafte Verlagerung der Szene hierhin geben wird, aber es ist ein toller Anfang. Wir knüpfen Kontakt, sie lernen unser Angebot kennen, die Drogenhilfe und Beratung. Nur durch intensiveren Kontakt kann man Beziehungen aufbauen."
"Man fühlt sich wieder als Mensch"
Das Angebot kommt an. Thomas ist seit dem ersten Tag dabei, erfuhr vom Streetworker von dem Gartenprojekt: "Etwas zu tun zu haben ist schön, man fühlt sich wieder als Mensch." Er baut Arbeitsstunden im Garten ab, doch auch danach will er weiter mithelfen. "Ich kenne den Erbauer des Gartens, er rief mich eines Tages hier rein. Ein sehr netter Mensch. Doch nach seinem Schlaganfall kann er ihn selbst nicht mehr bewirtschaften. Deshalb ist es mir eine Herzensangelegenheit", sagt der 42-Jährige. Auch Jens (43) kommt regelmäßig zum Garten: "In der Natur arbeiten ist schön, etwas zu schaffen macht mich selbst auch zufriedener."
Und das Schöne für die Streetworker: Der angedrohte Widerstand der Anwohner blieb bisher aus. Im Gegenteil: "Uns haben hier schon zwei Menschen Glück gewünscht und gemeint, sie hätten sich das ganz anders vorgestellt aber was wir hier machen, ist ja halb so wild", so die Streetworker. Auch der Besitzer des 104 Jahre alten Hauses direkt am Kirchweg hat bisher noch keine Beschwerden seiner Mieter gehört. "Ich habe ihm ja das Angebot meiner Handynummer gemacht, sobald es Vorfälle gibt, doch bis jetzt hat sich noch keiner gemeldet", sagt Manfred Wagner, Wohnungsamtsleiter der Stadt. Er freue sich über die erste Meldung, dass bis zu elf Personen im Wechsel am Gartenprojekt teilnehmen. Im Vergleich zur Szenengröße sei das noch nicht das "Riesending" aber es laufe ja auch erst drei Wochen. Die Gelder dafür sind auf zwei Jahre bewilligt (30.000 Euro in 2011, 40.000 Euro 2012). "Wir ziehen nach sechs Monaten Bilanz und werden die Politik informieren." Und weil der Garten schneller fertig zu werden scheint, als angedacht, ergänzt Wagner: "Wenn wir damit fertig sind, müssen wir andere Projekte machen und uns überlegen. Es soll eine Maßnahme sein, die länger angelegt ist."

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