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Alptraum für 51-Jährige aus Gnutz : Fuß verwechselt – Arzt operiert den falschen Zeh

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Trotz einer Markierung kommt es zur Verwechslung. Nicht nur gesundheitliche Probleme sind für Tina Havemeister die Folge.

Gnutz | Als sie aus der Narkose erwachte, war der falsche Fuß bandagiert. Tina Havemeister aus Gnutz (Kreis Rendsburg-Eckernförde) hat einen Patienten-Alptraum erlebt: Sie legte sich im Kieler Lubinus-Clinicum unters Messer – und wurde am falschen Zeh operiert. Trotz Vorgesprächs und dickem Kugelschreiber-Kreuz auf dem richtigen Bein. „Bis heute kann oder will mir niemand erklären, wie es zu dem Fehler gekommen ist“, sagt Havemeister. „Das macht mich unglaublich wütend.“

Zehn Monate nach dem Drama geht die 51-Jährige noch immer an Krücken, hat Schmerzen und leidet unter Alpträumen. Die Unternehmerin betreibt einen Marktwagen für Geflügelprodukte. Im Sommer 2014 hatte sie sich eine Kühlschublade über den zweiten Zeh des linken Fußes gezogen. „Er wurde ordentlich gestaucht“, berichtet Havemeister. „Die Verkrümmung bildete sich nicht zurück, im Oktober konnte ich vor Schmerzen kaum noch laufen.“ Die Diagnose: ein Krallenzeh.

Am 9. Januar dann die Operation. „Im Vorgespräch wurde ein Foto von dem Zeh gemacht und mit dem Kugelschreiber ein Kreuz aufs Schienbein gemalt. Über die Vorsichtsmaßnahme habe ich noch gelacht und dem Arzt gesagt, wäre ich eine Krake, könnte ich das nachvollziehen.“

Trotz der Markierung kommt es zur Verwechslung. Als Tina Havemeister aus der Vollnarkose erwacht, ist ihr gesunder rechter Fuß verbunden. „Ein Draht guckte heraus. Bei mir spritzten sofort die Tränen, und ich krächzte: falscher Fuß, falscher Fuß!“

Der Anästhesist ließ den Operateur zurückrufen. Nach Aussage von Tina Havemeister konnte Fußchirurg André M. (44) nicht erklären, wie es zu der Verwechslung kommen konnte. Den eigentlichen Krallenzeh wollte der Arzt nach dem Debakel nicht mehr richten. Havemeister: „Da ich mir als Selbstständige mit meinem Wochenmarktwagen aber nur im Januar frei nehmen kann, bestand ich auf einer sofortigen Operation. Die hat dann ein anderer Arzt auch gemacht.“

Danach sind beide Füße außer Gefecht, an eine schnelle Entlassung ist nicht mehr zu denken. Tina Havemeister kommt in ein Zimmer für Privatpatienten, Dr. M. schaut am nächsten Tag mit einem Blumenstrauß vorbei. Er soll gesagt haben: „Als ich in den Operationssaal kam, war der rechte Fuß OP-fertig gemacht.“ Havemeister kann das nicht verstehen: „Der rechte Fuß war in Ordnung, ich hatte dort nie Beschwerden. Ich kapiere nicht, wie man einen gesunden Zeh operieren kann.“

„Wir sind betrübt und bedauern den Irrtum zutiefst“, sagt Gerd Rapior, Sprecher des Lubinus-Clinicums. Er bestätigt: „Es wurde der falsche Fuß zur Operation vorbereitet.“ Dafür entschuldige man sich in aller Öffentlichkeit. Bei der letzten Sicherheitsstufe, dem „Team Time out“ kurz vor dem Eingriff, sei es zu der Verwechslung gekommen. „Uns ärgert das menschliche Versagen an dieser Stelle ganz besonders“, betont Rapior. „Es ist eingetreten, was absolut nicht sein darf.“ Der Operateur gehe aber davon aus, dass die Patientin durch den Eingriff am falschen Zeh keine bleibenden Einschränkungen zu erwarten habe.

Doch noch heute kann Tina Havemeister nicht lange gehen, braucht Krücken. Denn der falsch operierte Zeh entzündete sich. „Es waren pochende, unerträgliche Schmerzen. Der Fuß kochte, ich dachte, er explodiert. Noch nie in meinem Leben habe ich so geweint.“

Die Gnutzerin muss von ihrer Tochter gepflegt werden, Antibiotika schlagen erst Ende März an. Für ihren eigenen und den Verdienstausfall der Tochter fordert Havemeister mit Hilfe ihres Rechtsanwalts jetzt 9000 Euro von der Versicherung der Klinik. „Bislang habe ich lediglich einen Abschlag erhalten“, sagt Havemeister.

Kliniksprecher Gerd Rapior erklärt dazu: „Wir haben Frau Havemeister eine Soforthilfe gezahlt. Die Schadensregulierung erfolgt dann üblicherweise direkt zwischen der Versicherung und der Geschädigten.“ Doch die Allianz tut sich damit schwer – obwohl es am Ende vor Gericht noch weit teurer werden dürfte. 2013 hat das Landgericht Weiden (Oberpfalz) einem 46 Jahre alten Patienten wegen eines groben Behandlungsfehlers 10.000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen – auch bei ihm war der falsche Zeh gerichtet worden.

OP-Checkliste Für Patientensicherheit

Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie empfiehlt Kliniken eine standardisierte OP-Checkliste, entwickelt von der Weltgesundheitsorganisation, um sicherzustellen, dass die richtige Operation an der richtigen Körperstelle und beim richtigen Patienten erfolgt. „Die präoperative Versorgung ist hochkomplex und zeichnet sich durch die Beteiligung vieler Berufsgruppen und mehrerer Hierarchieebenen aus“, sagen Experten vom Institut für Patientensicherheit in Bonn. „Diese Umstände tragen zu einem erhöhten Verwechslungsrisiko bei.“ Das Lubinus-Clinicum hat jetzt eine Expertengruppe eingesetzt, die mögliche Schwachstellen bei den Sicherheitsvorkehrungen aufspüren soll.

 
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erstellt am 22.Nov.2015 | 18:08 Uhr

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