Prozess in Flensburg : Fünf tote Babys: Mutter vor Gericht

In diesem Keller versteckte Annika H. drei ihrer toten Babys. Foto: Presse Nord Flensburg
In diesem Keller versteckte Annika H. drei ihrer toten Babys. Foto: Presse Nord Flensburg

Am Montag beginnt in Flensburg der Prozess gegen eine Husumerin, die fünf ihrer Babys getötet haben soll. Ihr Rechtsanwalt sagt, die Frau habe an ihre Taten nur Erinnerungsfetzen.

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09. März 2013, 10:09 Uhr

Husum/Flensburg | Ihr Geburtstag war immer auch ihr Todestag. Die kleinen Körper lagen im Altpapier, in einer Lidl-Tüte und in Kartons im Keller. Vor dem Flensburger Landgericht beginnt am kommenden Montag der Prozess gegen Annika H. (29). Die Hotelfachfrau aus Husum soll zwischen 2006 und 2012 fünf Babys kurz nach der Geburt getötet haben. Vier Prozesstage sind angesetzt, sieben Zeugen vom Schwurgericht geladen, zwei Gutachter werden im Gerichtssaal sitzen. Die Mutter muss sich wegen fünffachen Totschlags verantworten. Ihr Ehemann, Vater der toten Babys, ist Nebenkläger.

Als die Kripo den Fall im vergangenen September aufklärte, reisten Reporter aus ganz Europa an, sogar am anderen Ende der Welt, in Neuseeland, wurde über den Tod der Neugeborenen berichtet. Es waren nicht allein die Taten, die erschütterten, es war auch das Motiv. "Die Angeschuldigte wusste, dass ihr Mann keine weiteren Kinder wollte und fürchtete, von ihm verlassen zu werden", sagte Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt. Ihr Ehemann habe sich finanziell nicht weiter einschränken wollen, sagte Annika H. den Ermittlern. Man fürchtete um den bescheidenen Wohlstand.

"Warum hat sie nicht mit mir geredet?"

Durch weite Kleidung soll es der korpulenten Frau gelungen sein, ihre Schwangerschaften zu verbergen. Arztbesuche vermied sie. Selbst ihr Mann habe nichts von den Schwangerschaften und Geburten gewusst, versicherte Annika H. in den Vernehmungen. "Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass Annika mir etwas verschweigt", erklärte der 35 Jahre alte Ehemann in dieser Woche dem "Stern". Der Industriekaufmann fragt: "Warum hat sie nicht mit mir geredet?"

Was genau in Annika H. vorgegangen ist, muss der Prozess zeigen. "Meine Mandantin wird von Tag zu Tag nervöser", sagt ihr Verteidiger, Burkhard Gerling. "Wir werden wohl eine in Tränen aufgelöste Frau sehen." Annika H. werde ihr Geständnis, dass sie bei der Polizei abgelegt habe, wiederholen. "Viel wird sie aber nicht sagen können, denn an ihre Taten hat sie nur Erinnerungsfetzen. Sie weiß nicht, welches Baby sie erstickt und welches sie womöglich erstochen hat." Und sie habe auch keine Erklärung dafür, warum sie die Schwangerschaften verheimlicht und die Babys getötet habe. Sie sei erschrocken über sich selbst, denke verzweifelt über ihre Taten nach, komme aber nicht weiter.

"Ausnahmezustand wirft die Frage der Schuldfähigkeit auf"

Die Husumer Kindstötungen haben Parallelen zu einem anderen tragischen Fall. In Brieskow-Finkenheerd bei Frankfurt (Oder) waren im Sommer 2005 neun Babys gefunden worden - alle zwischen 1992 und 1998 nach der Geburt von ihrer Mutter getötet: Sabine H., heute 46, ist zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Auch ihre neun Schwangerschaften waren wie die fünf von Annika H. angeblich weder vom Ehemann noch von Verwandten und Bekannten bemerkt worden. Beide Frauen gaben an, nie verhütet zu haben - Sabine H. begründete das damit, dass sie nach der ersten Kindstötung glaubte, der Gynäkologe könnte feststellen, wie viele Babys sie zur Welt gebracht habe und danach fragen. Annika H. erklärte, Verhütung sei "nie ein Thema" gewesen. Beide Frauen haben vor den Tötungen drei beziehungsweise zwei Kinder liebevoll aufgezogen und beide gaben als Motiv an, dass ihr Ehemann keine weiteren Kinder mehr gewollt habe.

Wie Sabine H. zur neunfachen Totschlägerin werden konnte, hat das Gericht durch mehrere Gutachter zu ergründen versucht. Ihr Fazit: Wenn die Verheimlichung der Schwangerschaft und die Tötung des Kindes beim ersten Mal gelingt, wird dieses Verhalten für die Frauen oft zum zwanghaften Muster. Zuvor werde die Schwangerschaft verdrängt, das zeigen Studien. Die Frauen reden sich ein, es kann nicht sein, dass sie ein Kind bekommen - und sie werden von der Geburt tatsächlich überrascht. Wenn das Baby dann da ist, kommt es zu einer Panikreaktion. Sie wollen es nur noch schnell wieder loswerden - vollkommen egal wie. "Dieser Ausnahmezustand wirft auch die Frage der Schuldfähigkeit auf", betont Rechtsanwalt Gerling. "Und weil die Schwangerschaften von meiner Mandantin verdrängt wurden, ist auch eine Babyklappe oder Adoption nie in Erwägung gezogen worden."

Keine Gräber für die toten Babys

Der Prozess von Sabine H. zeigte, dass sie den Tod der Babys bedauerte. Weil sie ihre Kinder weiter um sich haben wollte, vergrub sie die Leichen in Blumenkübeln und pflanzte Tränendes Herz darüber. Dem Gericht berichtete sie, dass sie oft auf dem Balkon gesessen und gedacht habe: "Sie könnten noch leben, aber er - mein Ehemann - hat sie ja nicht gewollt."

Annika H. hat ihren Babys keine Gräber gegeben. Sie hat sie entsorgt. Das erste, ein Mädchen, warf sie in eine Altpapiertonne. Das zweite, ein Junge, stopfte sie in eine Lidl-Tüte, die auf einem Parkplatz gefunden wurde. Die nächsten drei Babys versteckte Annika H. im Keller in Kartons. "Das hat sie getan, weil sie die Berichte zu den Babyfunden 2006 und 2007 verfolgt hat, und ihr klar war, dass die Polizei über einen DNA-Vergleich feststellen würde, dass es sich bei einem erneuten Fund um ein weiteres Geschwisterkind handelt", so Oberstaatsanwältin Stahlmann-Liebelt. Annika H. verließ den Keller und lebte ihr Leben weiter. Wegen des Verwesungsgeruchs glaubten die Nachbarn an eine Rattenplage.

"Ich vermisse meine Frau"

Verteidiger Burkhard Gerling sagt, dass auch Annika H. mittlerweile trauere. "Vor der Entdeckung der toten Babys war das nicht möglich, da sie für sie nie existierten." Doch nach der Verhaftung, als seiner Mandantin bewusst geworden sei, was sie getan habe, sei die Trauer gekommen. "Sie weint viel und macht sich Vorwürfe."

Aber ist es möglich, dass der Ehemann wirklich nichts bemerkt hat? Annika H. und ihr Mann waren seit mehr als zehn Jahren ein Paar, hatte zwei Töchter im Alter von acht und zehn Jahren. Experten gehen davon aus, dass die Beziehung bei einem Paar massiv gestört sein muss, damit Kindsvätern eine Schwangerschaft entgeht. Oder dass eine fast krankhafte Abhängigkeit eines Partners vom anderen vorliegt. Dem "Stern" sagte der Ehemann, man habe viel zu wenig Zeit für einander gehabt hätte, nur Alltägliches besprochen und nicht "die großen Probleme". Warnzeichen gab es: Dass sie mit der ersten gemeinsamen Tochter schwanger war, gestand die Hotelfachfrau ihrem Ehemann erst im sechsten Monat. Im Kreißsaal stellte sich heraus, dass Annika H. keinen Mutterpass hatte, nie beim Arzt gewesen war. Im Fall der fünf toten Babys sieht ihr Mann bei sich eine Mitschuld - weil er sich ebenfalls nie richtig um Verhütung gekümmert habe.

Nun ist er Nebenkläger. Seine Rechtsanwältin, Magaret Hoffmann, erklärt: "Er möchte am Prozessgeschehen beteiligt sein, nur deshalb die Nebenklage". Zum ersten Prozesstag werde er aber nicht nach Flensburg reisen. Seit Ermittler im September 2012 vor der Haustür von Annika H. standen, um eine Speichelprobe zu nehmen, hat der Ehemann seine Frau nicht mehr gesehen. Wenige Stunden darauf war Annika H. zur Kripo nach Flensburg gefahren und hatte gestanden, die Gesuchte zu sein. Ihrem Ehemann verweigerte sie jeden Besuch in der Untersuchungshaft. Er sagt: "Ich vermisse meine Frau."

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