Guttenberg besucht Flensburg : Frostige Stimmung bei der Marine

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wird in Flensburg empfangen. Foto: Dewanger
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Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wird in Flensburg empfangen. Foto: Dewanger

Verteidigungsminister zu Guttenberg sprach in Flensburg mit Offizieren und Kadetten über die Ausbildung. Von der "Gorch Fock"-Besatzung hagelt Kritik.

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16. Februar 2011, 09:12 Uhr

Ein eisiger Ostwind fegt über das Gelände der Marineschule Mürwik. Die Temperaturen an der Flensburger Förde entsprechen der Stimmung an Bord der "Gorch Fock" - beide sind auf den Nullpunkt gesunken. Und beides setzt Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg offensichtlich zu.
Am Morgen hat der CSU-Politiker vom neuerlichen Murren der Stammbesatzung des Segelschulschiffes erfahren. Fehlenden Rückhalt und Vorverurteilung werfen die Soldaten aus dem fernen Chile ihrem obersten Dienstherrn vor. Der ansonsten alles andere als medienscheue Minister hat für die am Sportplatz der Marineschule versammelte Reporterschar nur wenig erwärmende Worte übrig. "Trotz aller Vorwürfe bleibt festzustellen, dass wir eine großartige Marine haben, die entsprechende Leistungen erbringt", sagt er zwar. Kritischen Fragen aber weicht er aus. Zu den Ermittlungen an Bord werde er sich erst äußern, wenn die Ergebnisse der Untersuchungskommission und der Staatsanwaltschaft vorlägen. Und auch die Zukunft des Traditionsschiffes lässt der Minister offen: "Ich würde mich freuen, wenn die Überprüfung eine Zukunft für die Gorch Fock ergeben sollte." Aber das Ausbildungskonzept müsse auch "zukunftsfest" sein.
"Ein sehr gutes, offenes Gespräch"
Redseliger hat sich Guttenberg zuvor gegenüber seinen Soldaten gegeben. 300 Marineangehörigen machte er in der Aula der Schule seine Vorstellungen von "Erziehung, Ausbildung, Fürsorgeverhalten" deutlich. Aus der ganzen Marine sind Offiziere nach Flensburg gereist, um dem Referat des Ministers zu lauschen - vom Marine-Inspekteur Vizeadmiral Axel Schimpf bis zum Leutnant zur See sind alle Dienstgrade vertreten. Und auch 60 Kadetten des Jahrgangs VII/2010 - Kameraden und Kameradinnen der an Bord der "Gorch Fock" tödlich verunglückten Sarah Lena Seele - haben die Chance, bei der anschließenden Aussprache mit Guttenberg zu diskutieren. Sie waren es, die nach dem Tod von Sarah Lena Seele (25) der Stammmannschaft des Dreimasters Drangsalierung vorgeworfen hatten.
Über die Inhalte der mehr als eineinhalbstündigen Veranstaltung hinter verschlossenen Türen dringt kaum etwas nach außen. Während seine Offiziere schweigen, zieht Guttenberg ein positives Fazit: "Es war ein sehr gutes, offenes Gespräch über alle Dienstgrade hinweg", sagt er. Und: "Ich stehe vor jedem Soldaten - egal welche Verantwortung er wahrnimmt. Aber ich habe auch deutlich gemacht, dass jeder Soldat auch Verantwortung für sein Handeln hat."
Guttenberg will an Bord der "Gorch Fock"
Das will Guttenberg auch der Stammbesatzung der "Gorch Fock" verdeutlichen, die derzeit auf der Rückfahrt nach Deutschland im Militärhafen von Valparaiso (Chile) festgemacht hat. Noch bevor das Schiff Ende April/Anfang Mai nach Kiel zurückkehrt, will der Minister der Crew einen Besuch abstatten - "aber das wird dann ohne Medienbegleitung stattfinden", stellt er klar. Prompt kommt Kritik von der SPD. "Er sollte nicht schon wieder den Macher-Typ spielen, sondern das Verfahren schnell zum Abschluss bringen", sagte SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold in Berlin.
Rund zwei Wochen lang ist eine Untersuchungskommission der Marine an Bord den Vorwürfen nachgegangen und hat die Besatzung befragt. Der Abschlussbericht soll Ende des Monats vorliegen. Bis auf Weiteres herrscht Frust an Bord. "El buque de la tortura" - "das Folterschiff" - spotten die Chilenen über den einstigen Stolz der Deutschen Marine. Mehrere Besatzungsmitglieder haben angekündigt, ihren Dienst an Bord quittieren zu wollen. Worte, die nicht nur der Verteidigungsminister gar nicht gerne hört. Die Stimmung in der Marine ist wahrlich frostig.
(ac, shz)

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