Schulverpflegung : Frischkost statt Fastfood

Dr. Birgit Braun
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Dr. Birgit Braun

Ein leerer Bauch studiert nicht gern. Das weiß kaum jemand besser als Dr. Birgit Braun (Foto). Sie ist die Schulmensa-Testerin in Schleswig Holstein.

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23. April 2011, 10:50 Uhr

Lübeck | "Meist sitze ich erst einmal ganz still in einer Ecke am Tisch und spiele Mäuschen. Das Minenspiel beim Essen und die Atmosphäre an der Theke sagen manchmal mehr als Worte und Arbeitsbesprechungen im Lehrerzimmer", erzählt Birgit Braun mit lebhaften Augen. Gleich lospoltern, wenn es bei der Essensausgabe in der Schule drunter und drüber geht oder mal wieder nur Schokoriegel am Schulkiosk verkauft werden, ist nicht ihre Art. Schließlich geht es um das Essen: eine genussvolle Sache, die Spaß machen soll - auch in Schulmensen ohne den nötigen Etat für viel Ambiente.
Die Ökotrophologin besucht mindestes ein bis zwei Schulen in der Woche, falls die Büroarbeit in Kiel bei der "Vernetzungsstelle Schulverpflegung" es erlaubt. Zusammen mit einer Kollegin ist sie in Sachen Verpflegung in der Schule quer durchs Land unterwegs. Seit zwei Jahren gibt es die Anlaufstelle rund ums Schulessen, eine Initiative der Bundesregierung. Sie fördert in allen 16 Bundesländern solche Beratungseinrichtungen. In Schleswig-Holstein ergriff die Deutsche Gesellschaft für Ernährung die Initiative, und Lehrer, Kommunen und Elternvertreter finden ein offenes Ohr bei "Frau Doktor". Sie ist zwar keine Medizinerin, aber eine Ernährungswissenschaftlerin, die sich seit dem Studium mit gesunder vollwertiger Kinderernährung beschäftigt hat. Zwischendurch war sie auch Fachfrau für Müllentsorgung. "Keine schlechte Berufserfahrung" für ihre jetzige Aufgabe, wie sie selbst lachend erzählt, denn Verpackungsmüll beim Essen ist für viele Schulen ein Kosten- und Zeitproblem.

Manche Kinder müssen überlistet werden

Wie es von Ökotrophologen erwartet wird, hat sie ernährungsmedizinisch korrekte Speisepläne parat. Die Praxis sieht jedoch oft ganz anders aus. Denn Kinder mit viel Fast-Food-Erfahrung haben ihren ganz eigenen Geschmack und müssen manchmal überlistet werden, doch zuzugreifen, auch wenn keine Pommes auf dem Speiseplan stehen. So trifft Birgit Braun auf Schüler, die einen Pizza-Service wollen, auf Eltern, die sich gesunde Öko-Kost wünschen, und auf Lehrer, die am liebsten ein Catering-Unternehmen engagieren, sodass das Schulessen keine Arbeit mehr macht. "Dann komme ich", erklärt Birgit Braun "und fordere dazu noch eine hygienisch einwandfreie Küche". Das gesündeste Vollwertessen nütze nichts, wenn Keime darin sind. Kinder seien für Salmonellen-Infektionen viel anfälliger als Erwachsene. "Schutzkleidung und Handschuhe in Schulküchen sind keine Marotte von mir, sondern ein unbedingtes Muss."

Kompromisse sind gefragt

Da immer mehr Schulen Nachmittagsunterricht anbieten, aber kaum eine Schule auf warmes Mittagessen eingerichtet ist, muss Birgit Braun viel improvisieren. Kompromisse sind gefragt.

Kaum ein Schulneubau der vergangenen 30 Jahre ist rein technisch auf eine Mensa eingestellt, zum Beispiel an der Geschwister-Prensik-Schule in Lübeck, einer gebundenen Ganztagsschule mit gymnasialem Oberstufenzweig. Hier gibt es zwar seit über 15 Jahren Erfahrung mit einer Schulmensa, doch die ist in der alten umgebauten Turnhalle mittlerweile in die Jahre gekommen. Die Ergebnisse einer schulinternen Umfrage waren eindeutig: Es schmeckt nicht. Es ist nicht heiß genug. Es gibt zu viel Müll. Und viele wünschen sich ein Essen mit weniger Zusatzstoffen.

Bettina Fallenbach ist ein engagiertes Mitglied der Elterngemeinschaft der Lübecker Schule, die etwas ändern möchte. Die Schulkonferenz beschloss eine Mensa-AG zu gründen. Lehrer, Eltern und Schüler zerbrechen sich jetzt den Kopf darüber, was geht und was nicht. Die Stadt Lübeck streicht den Personalzuschuss, sodass kein Geld mehr für Mitarbeiter für die Essensausgabe da ist. Wenn der Schulträger das Personal für die Essenausgabe stellt, entfällt die Mehrwertsteuer. Mit einem Catering-Unternehmen werden 19 Prozent Mehrwertsteuer fällig. "Das hat Konsequenzen", erzählt Bettina Fallenbacher: "Der Nachtisch wird zukünftig wohl gestrichen. Dafür gibt es Obst." So entfällt auch ein Schälchen, das sonst gespült und abgeräumt werden will. Der Teufel steckt eben manchmal im Detail.

Zuschüsse zu den Kosten
Bei der Suche nach einer engagierten Unternehmensberatung für Kinderessen mit Fantasie stieß Bettina Fallenbacher auf das Netzwerk Schulverpflegung, stellte den Kontakt her. Seitdem spielt Birgit Braun ab und zu Mäuschen in der Schulkantine mit 350 hungrigen Schülermägen und soll dazu beitragen, dass es besser wird. An einer Erhöhung der Kosten werden sie wohl nicht vorbei kommen. 3,50 Euro soll das Essen demnächst in Lübeck kosten. Zumindest aber gibt es Zuschüsse im Rahmen von Bildungsoffensiven für Familien, deren schmales Budget keine Extraausgaben zulässt.

Trotz aller Schwierigkeiten ist Birgit Braun optimistisch, dass sie in Lübeck demnächst in der Mensa sitzt und ihre Nase leckeres Essen erschnuppert. Gute und neue Ideen für einen Schulkiosk und Mensen könne es aber nie genug geben. Deshalb startete Birgit Braun nun einen Ideenwettbewerb für Schülergruppen, sich für ihr Engagement im Bereich der Schulverpflegung belohnen zu lassen (siehe unten).

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