Schleswig-Holstein am Sonntag : Freudenmädchen Sophie

Keine Frau würde sich freiwillig prostituieren - heißt es. Doch zumindest für eine Hure stimmt das nicht: Sophie Berlin.

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29. Juni 2008, 09:47 Uhr

Was sie erzählt, ist kaum zu glauben. Alles scheint dagegen zu sprechen. Aber Sophie Berlin ist aus Überzeugung Hure. Sagt sie. Doch sie weiß: "Ich bin eine absolute Ausnahme. Aber ich bin nicht die einzige."
Sophie Berlin ist eine Prostituierte. Seit zehn Jahren arbeitet die 33-Jährige im horizontalen Gewerbe. Sie fühlt sich zu dieser Arbeit berufen, hat sogar ein Buch darüber geschrieben, dass Prostitution Spaß bringen kann - wenn die Frau sich bewusst ist, was sie da tut. Und es für sich akzeptiert.
Vor allem beim Oral-Sex nehme der Trend hin zum ungeschützten Sex zu
Spaß bringen? Wenn eine Frau ihren Körper verkauft, wenn die Medien am laufenden Band von gewalttätigen Zuhältern, Menschenhandel und Zwangsprostitution berichten? "Klar gibt es das alles", sagt Sophie Berlin. Aber es sei eben nur die eine Seite des Geschäfts. Es gebe auch die andere. Und würde mehr auf diese geachtet werden, hätte das Dunkle in ihrem Gewerbe keine so große Chance.
In den vergangenen Jahren habe die Zahl der Huren stetig zugenommen - aber natürlich nicht die der Männer, die dieses Angebot annähmen, sagt Sophie. Das mache die Frauen erpressbar. "In Berlin liegt der Preis für Sex mittlerweile zwischen 25 und 300 Euro", weiß sie. Letzteres für eine Stunde. "25 Euro, da weiß der Freier doch sofort, dass die Frau das Geld braucht. Da kann er dann auch gleich noch sagen, er wolle den Verkehr ohne Gummi - für einen kleinen Aufpreis." Vor allem beim Oral-Sex nehme der Trend hin zum ungeschützten Sex zu.
"Reich wird man in diesem Gewerbe nicht"
Sophie Berlin ist mit 23 in das Gewerbe eingestiegen. Sie suchte mehr Abenteuer - und mehr Sex, sagt sie. Und natürlich habe sie auch Geld verdienen müssen. Aber das Geld dürfe niemals das einzige Motiv für eine Frau sein, sich zu prostituieren. "Es heißt immer, das sei eine schnelle Nummer, um Geld zu verdienen. Aber reich wird man in diesem Gewerbe nicht. Die Zeiten sind längst vorbei."
Sophie nimmt 120 Euro die Stunde. "Das klingt erst mal nach viel Geld - acht Stunden hat die Nacht, fünf Tage Arbeit. Aber natürlich läuft das so nicht. Mal habe ich drei Gäste die Nacht, mal zwei, drei Nächte nicht einen einzigen." Kein leicht verdientes Geld also. Warum dann?
Sophie sagt, ihr mache die Arbeit Spaß - und nur dann solle eine Frau diese auch ausführen. "Denn wenn die das macht und sich selbst dafür verachtet oder Dinge macht, die sie nicht will, dann macht sie sich ihr eigenes Sexualleben kaputt."
"Was ich nicht machen will, mach ich auch nicht"
Sophie Berlin ist die Hure nicht anzusehen. Im Gegenteil. Mit ihren rot-blonden, leicht gewellten Haaren, den Sommersprossen im Gesicht, blauer Pluderhose und einer oliv-grünen Jacke, die das Grün ihrer Augen widerspiegelt, wirkt sie eher wie das nette Mädchen von nebenan. Und ebenso ist der Sex, den sie ihren Freiern anbietet. Sie arbeitet weder auf dem Strich, noch in einem Puff, sondern in einer sogenannten Model-Wohnung. Sie erinnern an Mädchen-WGs. Zwischen fünf und zwölf Frauen bieten dort ihre Dienste an, unter denen die Männer die für sie Richtige wählen. Sophie Berlin bietet "Girl-Friend-Sex" oder auch "Kuschelsex" an. Spiele oder Gewalt gibt es bei ihr nicht. Wenn ein Mann dies dennoch will, muss er eine andere Frau nehmen. Darin ist die Hure völlig klar und eindeutig. "Was ich nicht machen will, mach ich auch nicht. Sonst wird es krank."
Sophie Berlin hat ein Buch über ihre Arbeit geschrieben. Ein Buch, in dem sie die Prostitution in leuchtendsten Farben ausmalt. Wer "Freudenmädchen Sophie" (Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf) liest, meint, eine absolut naive Frau vor sich zu haben, die alles abspaltet, was nicht in ihr Konzept von Prostitution passt. Sophie kann diesen Vorwurf verstehen. Natürlich habe auch sie negative Erfahrungen gemacht, aber wirklich passiert sei ihr nie etwas - weil sie eben genau wisse, was für sie o.k. sei, und sich daran halte. Im Buch habe sie bewusst alles Negative ausgespart. "Ich wollte einen Kontrapunkt zu der ansonsten sehr einseitigen, dunklen Berichterstattung setzten. Denn so ist es auch nicht. Nicht nur."
"Ich will ja nun auch nicht, dass die Frauen völlig naiv in diesen Beruf gehen"
Aber so ganz rosarot wollte sie das dennoch nicht stehen lassen. "Ich will ja nun auch nicht, dass die Frauen völlig unüberlegt und naiv in diesen Beruf gehen." Sie hat ihrem Selbsterfahrungsbericht daher ein Vorwort vorangestellt. Darin heißt es: "Im Interesse der eigenen Sicherheit und zum Schutz anderer Personen empfehle ich den Einstieg und den Verbleib in der Prostitution nur Frauen mit Erfahrung, für die dieser Beruf auch Berufung ist." Und Sophie ergänzt: "Doch davon gibt es nicht viele. Gerade heute."

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