Opfer von Gewalt : Frauenhäuser in SH platzen aus allen Nähten

Aus einem Alltag voller Gewalt auszusteigen, fällt vielen Frauen schwer. Das Frauenhaus als  Zufluchtsort bietet aber keine langfristige Lösung für den Start in ein neues Leben.
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Aus einem Alltag voller Gewalt auszusteigen, fällt vielen Frauen schwer. Das Frauenhaus als Zufluchtsort bietet aber keine langfristige Lösung für den Start in ein neues Leben.

Schwierige Wohnungssuche zwingt Gewaltopfer zu verlängerten Aufenthalten. Im Norden sind nur wenige Plätze in Schutzstationen frei.

shz.de von
07. Juni 2014, 08:00 Uhr

Kiel/Lübeck/Itzehoe | Akute Platznot bringt die Frauenhäuser in Schleswig-Holstein immer mehr in Bedrängnis. Nur zwei der 16 Schutzeinrichtungen im Norden können derzeit überhaupt weitere Frauen aufnehmen. Das geht aus einer gemeinsamen Datenbank der Frauenhäuser im Land hervor. Von den insgesamt 316 Plätzen sind demnach lediglich drei belegbare Plätz noch frei – zwei in Elmshorn und einer in Neumünster. Der Hauptgrund: dem Andrang der Hilfe suchenden und sich zumeist in finanziellen Notlagen befindlichen Frauen steht an vielen Orten ein Mangel an bezahlbarem Wohnraum gegenüber. Dies führt dazu, dass Gewaltopfer nicht nur übergangsweise zur psychischen Stabilisierung und Organisation eines neuen Lebens, sondern oft viel länger im Frauenhaus bleiben müssen – und somit Plätze belegen, die neu vergeben werden könnten.

„Wir müssen leider mehr als die Hälfte aller Bitten um Aufnahme ablehnen“, sagt Anja Binna vom Frauenhaus Kiel mit 26 Plätzen. Im vergangenen Jahr konnten in der Landeshauptstadt 172 Frauen und ihre Kinder aufgenommen werden – 204 bekamen aus Platzmangel eine Ablehnung. Ähnlich angespannt wie im Ballungszentrum Kiel ist die Lage in Lübeck: Dort sind alle 49 Plätze in zwei Häusern belegt. Ähnlich sieht es im Hamburger Speckgürtel aus. Die Frauenhäuser in Norderstedt und Itzehoe haben keine Kapazitäten, ebenso die drei Häuser im Kreis Pinneberg.

„Die Lage hat sich in den letzten Jahren sehr verschärft“, sagt Birgit Pfennig vom Frauenhaus Elmshorn, die zugleich Sprecherin der 13 autonomen Frauenhäuser in Schleswig-Holstein ist. „Einen Grund sehe ich in dem Rückgang des sozialen Wohnungsbaus.“ Der von den Jobcentern gezahlte Mietsatz für Hartz-IV-Empfängerinnen entspreche zudem nicht dem durchschnittlichen Mietenspiegel. „Wir könnten viel mehr Frauen aufnehmen und Frauen könnten schneller in eigene Wohnungen kommen, wenn es mehr bezahlbare Wohnungen gäbe.“

So zogen laut einer internen Statistik der Frauenhäuser im Jahr 2012 landesweit 243 Frauen nach drei Monaten Aufenthalt nicht in eine eigene Wohnung, 100 von ihnen allein deshalb, weil sie keine Bleibe fanden. Nach sechs Monaten bestand dieses Problem bei 60 von 142 Frauen.

Die Lage verschärfe sich allerdings auch dadurch, dass viele Gewaltopfer zunächst keine Arbeit haben und von Hartz IV abhängig seien, so Pfennig. „Das kommt bei betroffenen Frauen oft vor, ist aber leider bei vielen Vermietern ein Ausschlusskriterium, ebenso wie Schulden, Migrationshintergrund, ein ungeklärter Aufenthaltsstatus oder mehrere Kinder.“
 

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