Streitgespräch : "Frau Simonis, da habe ich geheult"

Ex-Ministerpräsidentin Heide Simonis und Schauspieler Gerhard Olschewski im Doppelinterview über unfreiwillige Abschiede und die SPD.

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02. Januar 2013, 08:37 Uhr

Herr Olschewski, 25 Jahren lang haben Sie den Kräuterdoktor Hinnerksen in der ZDF-Serie Landarzt gespielt, dann wurde die Serie abgesetzt. Trauern Sie ihrer Rolle nach?
Olschewski: Natürlich hänge ich an Hinnerksen. Ich habe ihn mit entwickelt, hatte dabei immer freie Hand. Hinnerksen ist mir ans Herz gewachsen. Ich bin auch deshalb all die Jahre beim Landarzt geblieben, weil ich den armen Kerl nicht umbringen wollte.
Ihre politische Karriere wurde vom sogenannten Heidemörder beendet, Frau Simonis...
Simonis: Darauf wurde ich direkt nach dem Ereignis sehr häufig angesprochen. Aber jetzt werde ich nicht mehr nur damit in Verbindung gebracht. Aber zu Anfang hatten viele Mitleid, ich fand aber auch, dass ich das verdient hatte.
Olschewski: Hatten Sie. Darf ich Ihnen was sagen? Ich habe sie gesehen wie Sie damals da saßen - fassungslos. Da habe ich geheult, weil ich genau wusste, wie Ihnen zu Mute ist. Allein auf einer Insel und drumherum nur Gräben.
Simonis: Es war schwer, die Contenance zu wahren.
Also mussten Sie sich auch wie ein Schauspieler verstellen?
Simonis: Die Show ist für einen Politiker überlebensnotwendig, man muss auch mal freundlich sein, wenn einem nicht danach ist. Niemand wird jemanden wählen, der sich nur durchs Leben muffelt.
Olschewski: Immer freundlich sein, das ist nicht leicht.
Damals haben Sie den berühmten Satz gesagt: Und was wird aus mir?
Simonis: ...den ich hundert Mal wieder so sagen würde...
Olschewski: ...und ich habe großes Verständnis für den Satz. Das ist eine Unverschämtheit, was die SPD da mit Ihnen gemacht hat - eine Hinterfotzigkeit. Frau Simonis war damals aktiv, wurde gebraucht. Die war eine Granate. Und ihre Nicht-Wahl war für mich persönlich ein Tritt in den Hintern. Seitdem habe ich mich nicht mehr aktiv für die SPD engagiert.
Wollten Sie mal aus der SPD austreten?
Olschewski: So weit ist es nie gekommen, aus der SPD tritt man nicht aus. Ich bin jetzt seit 1969 dabei...
Simonis: Ich auch.
Olschewski: ...und da gibt es Momente, die nicht toll sind.
Sie leiden mit der Partei?
Simonis: Oh ja, und wie.
Olschewski: Aber ich bleibe Sozialdemokrat aus Überzeugung, weil die Grundidee der Gerechtigkeit richtig ist.
Was macht man, wenn nach vielen Jahren plötzlich der berufliche Lebensinhalt fehlt?
Simonis: Ich habe sehr lange gebraucht, bis ich mit der Tatsache klar kam, dass mein Terminkalender weitgehend leer war. Aber dann habe ich mir andere Aufgaben gesucht - etwa bei Unicef.
Olschewski: Ich war viele Jahre lang für mehrere Monate zum Drehen im Norden. Na klar, waren wir eine Landarzt-Familie, das Miteinander fehlt einem schon. Es gab sogar einen Todesfall, der damit zusammenhängt. Ein Beleuchter hatte durch Trennung bereits seine Familie verloren, dann die Landarztfamilie neu hinzugewonnen. Zwei Wochen nachdem klar war, dass nicht weiter gedreht wird, hat er sich umgebracht. Da spielten viele Faktoren eine Rolle, aber die Absetzung war bestimmt einer davon.
Und was machen Sie nach dem Ende des Landarztes?
Zum Glück habe ich materiell ausgesorgt. Ich habe interessante Projekte, aber mir wurde auch vieles angeboten, wo ich mir an den Kopf fasse - etwa Werbung für irgendwelche Kräutertees. Ich mache so etwas nicht: Ich bin Schauspieler und kein Verkäufer.
Simonis: Für Werbung sind Politiker nicht so geeignet. Solche Angebote habe ich jedenfalls nie bekommen.
Und die Kollegen - bleiben da noch Kontakte oder gar Freundschaften?
Simonis: Freundschaften in der Politik sind selten. Aber ich habe etwa mit Michael Glos von der CSU, mit dem ich zusammen im Haushaltsausschuss des Bundestages saß, eine - wie soll ich sagen? - gute Kameradschaft.
Und haben Sie Freunde unter Ihren Kollegen, Herr Olschewski?
Olschewski: Das ist kaum anders als in der Politik. Sie müssen sich das so vorstellen: Ein Haufen von eitlen, doch verhältnismäßig dummen Menschen trifft aufeinander. Das ist furchtbar. Ich verstehe mich mit einigen Kollegen ganz gut, aber das Gros kann man vergessen.
So schlimm?
Olschewski: Bei Wayne Carpendale gab es die Chance, dass eine Freundschaft aufkommen könnte. Der ist freundlich, hat was auf dem Kasten. Mit ihm habe ich mich jedenfalls von allen Landarztdar stellern am besten verstanden.
Und sonst?
Olschewski: Na gut, eine Geschichte von Freundschaft kann ich erzählen - über den ekligsten Typen, den das deutsche Fernsehen kennt: Manfred Krug. Mit dem bin ich immer aneinander geraten. Krug greift jeden an, wo er kann, weil er Angst hat, dass die Leute dahinterkommen, dass er in Wirklichkeit ein ganz lieber Junge ist. Aber eines Tages habe ich ihn zufällig in Berlin getroffen und fünf Stunden lang mit ihm in seiner Küche gesessen. Am Ende haben wir uns mit Tränen in den Augen "Freund" genannt und uns umarmt. Seitdem haben wir nur noch einmal telefoniert, denn ich will diesen Moment nicht kaputt machen.
Und in welchen Momenten mussten Sie doch mal hart sein - und vielleicht sogar was kaputt machen?
Olschewski: Ich bin Einzelkämpfer geworden und sage meine Meinung. Sonst kommt man nicht weiter.
Simonis: Immer nur lieb sein - das geht nicht.
Wann waren Sie denn nicht lieb?
Simonis: Als Herbert Wehner mich als junge Abgeordnete bei einem Vortrag angebrüllt hat. Ich habe gesagt: "Hast Du das Wort oder ich?" Da hat er gesagt: "Mut haste ja." Daraufhin durfte ich in den Haushaltsausschuss, da konnte ich was bewegen.
Olschewski: Wissen Sie, worum ich Sie beneide, Frau Simonis? Sie haben was geleistet, versucht die Welt besser zu machen. Ich habe nur Quatsch gemacht.
Simonis: So ist das nun auch nicht.
Olschewski: Das sagen viele, aber ich hätte mich gern mehr in der Gesellschaft engagiert.
Vielleicht hätten Sie Politiker werden sollen?
Olschewski: Besser nicht, ich wäre bestimmt so eine Art Feudalherr. Wenn ich wie Frau Simonis nicht gewählt worden wäre - ich hätte einen nach dem anderen durchgekloppt bis ich den Schuldigen gefunden hätte. Neee, da bleibe ich doch besser Schauspieler.

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