Schiffsunglück : Forscher lösen Rätsel der "Estonia"

Das Fährschiff 'Estonia'. Foto: dpa
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Das Fährschiff "Estonia". Foto: dpa

Für 852 Passagiere der Fähre Estonia wurde die eiskalte Ostsee zum Grab. Hamburger Forscher haben jetzt das Rätsel des Untergangs gelöst. Demnach hat die Mannschaft entscheidende Fehler gemacht, die das Schicksal des Schiffes besiegelten.

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02. März 2008, 05:31 Uhr

Hamburg | Um die Ereignisse in der Nacht vom 27. auf den 28. September 1994 ranken sich zahllose Verschwörungstheorien. War es ein Anschlag, der die Ostsee-Fähre sinken ließ? 14 Jahre nach dem Untergang der Estonia haben Experten der Technischen Universität Hamburg-Harburg eine Erklärung für das Unglück gefunden. Professor Stefan Krüger, Chef des Instituts für Schiffssicherheit, hat den Fall im Auftrag der schwedischen Regierung untersucht. Das Kenterverhalten von Schiffen ist seine Spezialität. Er fragte: "Was musste geschehen, damit das Schiff so sank, wie es sank?" Und ließ die Estonia etliche Male kentern - am Computer. Professor Krüger: "Wir haben dazu das weltweit beste Simulationsprogramm benutzt." Die Software "Rolls" berücksichtigte alle greifbaren Daten, sogar die teils widersprüchlichen Berichte der 137 Überlebenden.
Das Ergebnis: Die Estonia fuhr in jener Sturmnacht zu schnell. Aber erst der Versuch der Mannschaft, das sinkende Schiff durch ein Wendemanöver zu retten, versetzte ihm den Todesstoß.
Bugklappe war für enorme Wellenkräfte nicht konstruiert
Die Rekonstruktion der Katastrophe: Die 115 Meter lange Fähre durchpflügte mit einer Geschwindigkeit von 18 Knoten die stürmische See. Durch die vier Meter hohen Wellenberge wirkten Kräfte auf die Bugklappe, für die sie nicht konstruiert war. Die Scharniere brachen, die Klappe riss ab. Professor Krüger: "Eine Sprengung ist als Erklärung nicht notwendig. Die Estonia war für Küstengewässer gebaut, nicht für die offene See." Laut Zeugen war die Bugklappe zudem so verbogen, dass ein Spalt mit Matratzen abgedichtet werden musste.
Doch selbst mit fehlendem Bugvisier hätte die Estonia nicht sinken dürfen - denn es gab ja noch die schützende Verladerampe. Die Hamburger Forscher sind sicher: Auch diese Rampe ist vollständig verloren gegangen - anders sei der starke Wassereinbruch auf dem Fahrzeugdeck nicht zu erklären. Als fatal wirkte sich in dieser Situation die hohe Geschwindigkeit aus: Durch sie sank der Bug tiefer ins Wasser und erzeugte eine riesige Bugwelle. Das Autodeck, normalerweise drei Meter über der Wasserlinie, wurde geflutet. Um 1.02 Uhr bekam die Fähre schwere Schlagseite nach Steuerbord. 14 Minuten früher, als bisher angenommen. Die Nautischen Offiziere konnten von der Brücke aus nicht sehen, dass das Bugvisier fehlte, waren sich aber vermutlich des Ausmaßes des Unglücks bewusst (keiner der Männer überlebte). Sie reduzierten die Geschwindigkeit auf neun Knoten und drehten den offenen Bug aus den heranrollenden Brechern - wohl auch in der Hoffnung, die Kraft von Wind und Wellen würden helfen, die Schlagseite zu verringern.
Passagiere konnten sich nicht retten: Schräglage war zu groß
Doch das Gegenteil trat ein: Die Fliehkraft des Wendemanövers drückte die Wassermassen auf die rechte Seite und in Kabinen unterhalb des Autodecks, was die Schräglage weiter verstärkte. Um 1.20 Uhr betrug sie 50 Grad. Um 1.32 Uhr legte sich die Estonia vollständig auf die Seite. Ihr Ende: Die 90 hinteren großen Fenster barsten, noch mehr Wasser flutete ins Innere.
Die Simulation zeigt auch, warum es Hunderte von verzweifelten Passagieren in den fast 40 Minuten bis zum Untergang nicht nach oben an Deck schafften: Die Schräglage war einfach zu groß.

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