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"Tarzan"-Musical : Fliegen über die Schaumstoffbühne

vom

Im Musical "Tarzan" bewegt sich der Held fast nur durch die Lüfte. "Das kann ich auch", dachte sich unsere Volontärin. Ein Selbstversuch im Musical-Theater.

shz.de von
erstellt am 11.Mär.2012 | 03:23 Uhr

Hamburg | "Und jetzt: flieg!" Wie eine Ertrinkende klammer ich mich hoch über dem leeren Theater an ein paar Treppenstufen. Unter mir nur Luft. Lange werde ich mich mit meinen schweißnassen Händen nicht mehr halten können. In meinen Ohren rauscht es. "Jetzt!" denke ich und lasse mich fallen.
Zwei Stunden zuvor im Musical-Theater neue Flora in Hamburg. Seit Oktober 2008 verlieben sich Tarzan und Jane acht Mal pro Woche immer wieder neu. Wo sonst Affen durch die Lüfte sausen, soll auch ich heute bei meinen ersten Flugstunden eine gute Figur in den Seilen machen.

Zunächst geht es auf die Übungsbühne gleich hinter dem Theatersaal. Hier lernen auch die Darsteller fliegen, wenn es zu Wechseln im Ensemble kommt. In keinem anderen Musical wird mehr geflogen. 40 Prozent der Zeit bewegt Tarzan sich an Seilen über die Bühne und durch den Zuschauerraum. Willem Catainis gibt die Einführung. Er ist Industriekletterer und hat schon in den Niederlanden, wo das Tarzan-Musical in Europa bereits aufgeführt wurde, die Show betreut. Auch in Hamburg sorgt er für die Sicherheit, fliegt aber auch selbst leidenschaftlich gern durch die Luft. Dennoch: "Ich würde mich bei solchen Sachen niemals in die Hände anderer begeben", sagt er grinsend und zieht die Gurte an meinem Fluggeschirr enger. Damit können sich die Schauspieler komplett um die eigene Achse drehen. Willem hakt das Geschirr an ein Seil. "Wenn der Affe zu schwer ist, läuft die Maschine gar nicht erst los", erklärt er. Warum sagt er mir das jetzt? Willem lacht. Nein, es könne nichts passieren, sagt er. 14 Millimeter sind die grünen Seile dick, 2,3 Tonnen Gewicht können sie aushalten. Äußerst beruhigend.
Zunächst geht es 60 Zentimeter hoch auf eine Trittleiter. Das ist zu schaffen - zumindest bis Willem die Leiter wegzieht. Wie ein nasser Sack hänge ich in den Seilen. Die Gurte schneiden unangenehm in Hüfte und Po. Schön ist das nicht, aber darum geht es hier ja auch nicht. "Und jetzt kopfüber, wie die Affen." Willem gibt mir einen Stoß und auf einmal steht die ganze Welt auf dem Kopf. Das Blut pocht mir in den Schläfen und ich merke, wie ich in Sekundenschnelle knallrot werde. "Und jetzt stell dir vor, du müsstest noch singen."
"Beine an den Körper und dann zieh"
So kopfüber in den Seilen schwingend kann ich mir gar nichts mehr vorstellen und bin froh, als ich wieder festen Boden unter den Füßen habe. Doch nicht für lange Zeit. Am Gerüst, das zu beiden Seiten der Übungsbühne aufragt, klettere ich hoch. Die Aufgabe nun: Die rund 15 Meter über die Bühne zu schwingen, auf der anderen Seite festhalten, wieder zurückschwingen und dabei noch eine gute Figur machen. Schnell merke ich, dass nicht das Schwingen das Problem ist, sondern das Ankommen. Gerade noch mit einer Hand erreiche ich die rettenden Gerüststangen auf der anderen Seite. Wie eine Ertrinkende hänge ich daran, die Füße unerreichbar in der Luft. Willem lacht. "Beine an den Körper und dann zieh", ruft er. "Ich kann nicht", presse ich gequält hervor. Er angelt einen meiner Füße aus der Luft und zieht ihn Richtung Gerüst. Geschafft.
Doch das war erst der Anfang. Nun geht es auf die "richtige" Bühne. Ein zehn Zentimeter dicker Schaumstoff bedeckt den Boden. Hinter der Wand aus grünen Lianen stehen riesige Gerüste - so viele, dass mit ihnen ein Hochhaus vollständig eingebaut werden könnte. Hier klettern die Darsteller während der Show zu ihren verschiedenen Abflugpunkten. Für den Fall, dass sich ein Affe mal verfliegt, sind die Wände mit überdimensionalen Airbags verkleidet. Das klingt beruhigend. 30 Abflugpunkte gibt es hier, im Zuschauerraum und auf den Rängen. Von dort aus fliegen Tarzan, Jane und die Affen während einer Show 350 Mal durch die Luft.
Jeder Flug wird von mindestens zwei Paar Augen überwacht
Das bedeutet 3000 einzelne Bewegungen der fünf im Theater verteilten Flugwerke. Denn was später wie eine einzige fließende Flugbewegung aussieht, setzt sich aus vielen einzelnen "Cues", also Bewegungen nach oben, unten, rechts oder links zusammen. Dabei ist die Abfolge der einzelnen "Cues" teilweise so schnell, dass die Anweisungen nur noch über Lichtimpulse einer Lichtzeichenanlage weitergegeben werden können. Der "Operator" am Schaltpult braucht nur einen Knopf zu drücken, der Computer spielt die einzelnen "Cues" automatisch hintereinander ab. Dabei wird jeder Flug von mindestens zwei Paar Augen überwacht.
Wir stehen nun auf dem Rang. Willem hakt das Seil mit dem großen schweren Karabiner in meinen Gurt. "Standby for tension", weist er den "Operator" durch ein Mikrofon an und hält mich hinten am Fluggeschirr fest. Ich starre stur geradeaus. "Go!" Fast im selben Moment werde ich in die Luft gerissen. Mit vier Metern pro Sekunde sause ich die 30 Meter Richtung Bühne. Die Wände und Sitze brennen mir rote und grüne Schlieren in die Netzhaut. Ein paar Sekunden später habe ich schon wieder festen Boden unter den Füßen.
Die Luft wird zur Bühne
Doch die wahre Herausforderung kommt erst noch. Es geht noch weiter nach oben. Auf einer engen Wendeltreppe klettern wir hinter den Kulissen bis unter das Musical-Dach. Hier, 23 Meter über den Köpfen der Zuschauer, befinden sich die höchsten Abflugpunkte der Show. Zwischen Scheinwerfern, Lautsprechern und Spannseilen klettere ich Willem hinterher. Jetzt nur nicht runterschauen. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Warum mache ich das eigentlich? In Freizeitparks traue ich mich nicht einmal in eine Loopingbahn. Ich weiß nicht, ob mir warm oder kalt ist. Der Boden scheint von hier oben kilometerweit entfernt, die plüschigen roten Sessel auf einmal gar nicht mehr so weich. Ich habe weniger Angst vor der Höhe, als viel mehr vor dem Aufprall.
"Und da muss ich wirklich runterspringen?", frage ich mehr mich selbst. Willem zieht missbilligend die Augenbrauen hoch: "Springen? Wir springen hier nicht, wir fliegen." Als ob das in diesem Augenblick ein Unterschied wäre. Mit schweißnassen Händen klettere ich eine kleine Treppe hinunter. Unter mir ist nun nur noch Luft. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Ich lasse los.
Falle.
Schreie.
Werde wieder hoch gerissen.
Falle wieder.
Mit weichen Knien, aber unheimlich stolz wanke ich über die Bühne.
20 Uhr. Die Show beginnt. Die Luft wird zur Bühne. Die Tänzer scheinen der Schwerkraft zu trotzen. Dort, wo nachmittags noch Seile und Winden waren, wachsen nun Lianen aus der Saal-Decke, an denen Affen, Schmetterlinge und große Urwaldblüten fliegen. Sie singen und tanzen in der Luft als wäre es ein Kinderspiel. Doch das ist es nicht, weiß ich nun und bin froh, dass ich in diesem Augenblick ganz entspannt in meinem Theatersessel sitze.

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