SH im Ausland : Flensburg ist in Island und Kiel in Wisconsin

Bergpanoramen in Flensburg, Wildwasserrafting in Husum und surfen am Sonnenstrand von Hamburg – der Norden ist auch im Ausland vertreten. Teil eins einer Reise durch die Orte Schleswig-Holsteins in aller Welt.

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08. Dezember 2014, 20:04 Uhr

Mit dem Bus nach Hause.
Mit dem Bus nach Hause.

Eine Bushaltestelle in Reykjavík, Island. Ich warte auf die nächste Gelegenheit, zu einer Freundin zu fahren und studiere gelangweilt den Fahrplan. Plötzlich sehe ich ihn, den Shortcut nach Zuhause: „Flensborg“ steht da zwischen weniger vertrauten Namen wie Grænakinn und Hlíðarbraut. Wenig später finde ich mich von der Neugier getrieben im Bus wieder – auf dem Weg nach Hafnarfjörður.

Schule mit Ausblick: Die Flensborgarskólinn in Hafnarfjörður.
Magnús Þorkelsson
Schule mit Ausblick: Die Flensborgarskólinn in Hafnarfjörður.
 

Die Haltestelle Flensborg liegt in der kleinen, von Industrie geprägten Stadt, nur wenige Kilometer von Reykjavík entfernt und etwas weniger charmant als ihr großer Bruder. Graue Wohnbunker wechseln sich mit bunten Wellblechhäuschen und Lavaformationen ab. Mittendrin der touristische Kern mit nachgebauter Wikingerkirche, Elfenbeauftragter und selbstbewusst überteuertem Restaurant. Nicht weit von dort steht die Flensborgarskólinn, die Flensburg-Schule, vor der beeindruckenden Kulisse der Esja, des Hausberges der isländischen Hauptstadtregion.  

Die Flensborgarskólinn in Hafnarfjörður.
Panoramio/CaptainUnited
Die Flensborgarskólinn in Hafnarfjörður.
 

Wie kommt dieser vertraut klingende Name ins abgelegene Island? Schulleiter Magnús Þorkelsson kennt die Antwort: Als eine der ältesten Schulen Islands wurde die Flensborgarskólinn 1877 zunächst als Grundschule vom Geistlichen Þórarinn Böðvarsson gegrüdnet. Er kaufte damals ein altes Ladengeschäft, um die Schule darin unterzubringen. Wie der Zufall es wollte, gehörte das Gebäude zuvor Händlern aus Flensburg und war so im ganzen Ort als der „Flensborg-Shop” bekannt. Auf diese Weise gelangte das heutige Gymnasium schließlich zu seinem Namen, den es sich auch nach einem Brand im Jahr 1930 und dem Umzug in das heutige Gebäude bewahrte.

Willkommen in Flensburg, Minnesota.
Flickr/Andrew Filer
Willkommen in Flensburg, Minnesota.
 

Doch nicht nur in den hohen Norden haben sich Schleswig-Holsteiner mitsamt ihrer Ortsnamen verirrt – vor allem im Mittleren Westen der USA hinterließen unsere Vorfahren ihre Spuren. Mitte des 19. Jahrhunderts verließ fast jeder zehnte Schleswig-Holsteiner sein Heimatland, die damals preußische Provinz. Viele von ihnen machten sich auf in das gelobte Land: Amerika. Die so genannten 1848er waren angetrieben durch die nach den Napoleonischen Kriegen katastrophale wirtschaftliche und politische Lage in der Region und motiviert durch den Goldrausch und das fruchtbare Land hinter dem großen Teich. 

So gibt es heute auch mitten im Bundesstaat Minnesota ein Flensburg – mit rund 220 Einwohnern. Inmitten von Feldern, Äckern, Wäldern und Seen wurde die kleine Siedlung im Jahr 1890 gegründet.

Flensburg im Kleinformat: Leere Straßen in Minnesota.
Flickr/Andrew Filer
Flensburg im Kleinformat: Leere Straßen in Minnesota.
 

Der Name soll laut den Flensburger Historikern Dr. Joachim Reppmann und Dietrich Eicke auf Albert Bülow zurückgehen. Der aus Flensburg stammende Auswanderer soll dort im Jahr 1892 eine Poststelle gründet haben. Dessen einflussreiche Stellung im Ort verlieh ihm schließlich die nötige Durchsetzungskraft in der Namenswahl – das Miniaturflensburg war geboren.

Holstein in Iowa grüßt seine Freunde.
Screenshot Google Streetview
Holstein in Iowa grüßt seine Freunde.
 

„Willkommen Freunde“, prangt auf dem ansonsten typisch amerikanischen Ortseinfahrtsschild der Stadt Holstein im amerikanischen Bundesstaat Iowa. Die deutsche Abstammung der ersten Siedler macht noch heute einen großen Teil der Identität des Ortes aus. So wird auf der ortseigenen Homepage nicht etwa für die alljährliche „children’s party“ geworben, sondern für ein deutsches Kinderfest.

Satellitenbild von Holstein, Iowa
Screenshot Google Maps
Satellitenbild von Holstein, Iowa
 

1882 wurde die inzwischen rund 1400 Einwohner zählende Stadt von deutschen Auswanderern gegründet. Nachdem das deutsche Siedlerehepaar Thielmann dort 1879 einen Saloon eröffnete, war die Gegend schon bald als „The German Settlement“ (Die deutsche Siedlung) bekannt. Zu Ehren Schleswig-Holsteins, der Heimat vieler der deutschen Einwanderer, die sich später in der Gegend niederließen, legte Jochim Thode, der erste Bürgermeister des amerikanischen Holsteins den Namen der Siedlung fest.

Schleswig, Iowa.
City of Schleswig
Schleswig, Iowa.
 

Wenige Kilometer weiter südlich zieren die deutsche und die amerikanische Flagge das Ortswappen der 1899 gegründeten Kleinstadt Schleswig. Die Geschichte beider Länder ist auch hier eng verwoben. Jane Smith, eine Angestellte der Stadt, erklärt den Ursprung des Namens: „Schleswig wurde nicht direkt nach der Stadt in Schleswig-Holstein benannt. Viele der ersten Siedler hier kamen aus der Region Dithmarschen – sie wollten den Ort zunächst Holstein nennen. Doch dieser Name war in Iowa ja bereits vergeben. So einigte man sich schließlich auf Schleswig.“

Ein altes Willkommensschild in Schleswig, Iowa.
Dr. Joachim Reppmann
Ein altes Willkommensschild in Schleswig, Iowa.
 

In den 1970er Jahren formte sich zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Schleswig eine inoffizielle Partnerschaft. Unter Schleswigs damaligem Bürgermeister Bodo Richter fanden verschiedene Austauschprogramme statt. Später ebbte der Kontakt zwischen beiden Städten aber ab.

Die Stadthalle in Schleswig, Wisconsin.
Wikipedia/Royalbroil
Die Stadthalle in Schleswig, Wisconsin.
 

Auch im Bundesstaat Wisconsin haben sich einst die Schleswig-Holsteiner breit gemacht: Neben der Siedlung New Holstein wurde 1855 ein weiteres Schleswig ins Leben gerufen – ebenfalls gegründet von ausgewanderten Deutschen. Bei der Historikerin Kate Everest Levi werden diese ersten Siedler hauptsächlich als Landwirte beschrieben, aber auch ein Arzt, ein Sprachwissenschaftler, ein Journalist und ein Dichter sollen ihren Weg aus Deutschland in das neue Schleswig gefunden und die Kultur in der Region entsprechend eingefärbt haben.

Kiel in Wisconsin: Eine kleine Stadt mit großen Überraschungen.
Panoramio/D200DX
Kiel in Wisconsin: Eine kleine Stadt mit großen Überraschungen.

Natürlich darf unsere Hauptstadt nicht fehlen, wenn Schleswig-Holsteiner sich in Scharen aufmachen, um neue Siedlungen zu gründen. In Wisconsin liegt Kiel am Rande der Stadtgemeinde Schleswig. Julia Davis, Bibliothekarin der Stadt Kiel, erzählt, dass auch hier eine starke Verbindung zu Deutschland besteht. „Auf einem unserer Willkommensschilder steht sogar das deutsche Wort 'Gemütlichkeit'“. Nicht ganz so groß wie das deutsche Vorbild, beherbergt das idyllisch am Sheboygan-Fluss gelegene Städtchen rund 3700 Einwohner.

Eine Bar in Kiel, Wisconsin.
Panoramio/D200DX
Eine Bar in Kiel, Wisconsin.

Auch Kiel hat laut Julia Davis eine frühe Siedlerin nach ihrer Heimatstadt benannt: Die Frau des Immigranten Charles Lindemann, der 1855 neben verschiedenen Stämmen amerikanischer Ureinwohner die Siedlung aufbaute. Ein gegenseitiges kulturelles Interesse ist in der Stadt deutlich zu spüren. „Vor 40 Jahren hat die traditionelle Kiel Municipal Band das deutsche Kiel besucht – und wir haben viele Besucher aus Deutschland“, berichtet Davis. 1971 haben 57 Mitglieder der Gruppe auf der Eröffnung der Kieler Woche gespielt. Im Gegenzug war vor einigen Jahren eine Kapelle aus Kropp in Kiel zu Gast.

Die Kiel Municipal Band aus Wisconsin  spielt auf der Kieler Woche.
Jams Bechle
Die Kiel Municipal Band aus Wisconsin spielt auf der Kieler Woche.

Zurück nach Europa: Drei Häuser und vier Schuppen umfasst eine winziges Örtchen in der irischen Grafschaft Cork. Und auch das ist Kiel: Alte Schlösser und Burgen in unmittelbarer Nähe, üppige Natur zwischen Wäldern, Hügeln und Flüssen. Ob sich die kleine Siedlung nahe der Stadt Macroom ebenfalls vom deutschen Kiel ableitet, ist jedoch zu bezweifeln. Der Bezirk Kill umfasst die kleine Siedlung – es ist anzunehmen, dass sich der Name davon ableitet.

Satellitenbild von Kiel, Irland.
Screenshot Google Maps
Satellitenbild von Kiel, Irland.

Im zweiten Teil geht es unter anderem nach Hamburg in Südafrika, Husum in Washington und Lubeck in Australien.

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