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Nach Champions-League-Spiel : Flensburg gegen Kiel: Das Duell der Städte

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

SG Flensburg-Handewitt gegen THW Kiel hieß es im Endspiel des Final Four in Köln am Sonntagabend. Grund genug für einen Städtevergleich.

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erstellt am 18.Mai.2014 | 11:34 Uhr

Historisches Unentschieden

Kiel nach  Braun und Hogenberg 1572. Foto: Wikipedia

Der Kieler Vorsprung in der Stadtgeschichte ist denkbar knapp. Die heutige Landeshauptstadt wurde zwischen 1233 und 1242 gegründet, Flensburg erstmals 1248 in der Geschichtsschreibung erwähnt. Zu diesem Zeitpunkt hatte  Kiel schon bereits sechs Jahre das Lübsche Stadtrecht inne. 1:0 also für Kiel also. Doch in Bezug auf den Fernhandel blieb die junge Stadt weit hinter Flensburg zurück. Zwar trat Kiel 1283 in die Hanse ein, doch nutzte es die Handelsprivilegien kaum. Hinzu kam, dass der Stadt vorgeworfen wurde, Piraten zu beherbergen. Rund 250 Jahre später wurde sie aus dem Handelsverbund ausgeschlossen. Platzverweis. Flensburg holte auf. Die damals dänische Stadt war zwar nie Teil der Hanse, galt jedoch spätestens seit deren Niedergang im 16. Jahrhundert als eine der bedeutendsten Handelsstädte im skandinavischen Raum. Insbesondere für Rum. Historisch also ein Unentschieden.

Hochprozentiges

Bierflaschen in der Flensburger Brauerei.
Bierflaschen in der Flensburger Brauerei. Foto: Michael Staudt

Und das gute Händchen für Rum und Gerstensaft hat sich Flensburg bis heute erhalten. Zwar besteht von den einst weit über 20 Rumhäusern heute nur noch eins, doch mit dem Flensburger Pils hat die Grenzstadt klar die Nase vorn. 50 Millionen Liter braut die Brauerei jährlich und ist damit eine der größten deutschen Privatbrauereien. Wer es lieber traditionell und ursprünglich mag, hat in der Hansen Brauerei die Möglichkeit dazu – Deutschlands nördlichstem Brauhaus. Überhaupt lassen sich in diesem Bereich die Flensburger Rekorde weiterführen – sei es bei der nördlichsten Fischbrötchenbude oder der nördlichsten Eislaufhalle.

Doch auch die Landeshauptstadt rühmt sich eines eigenen Bieres: dem Kieler. Der Brauerei zufolge kommt die kleine Braustube am alten Markt auf 160 000 bis 180 000 Liter Pro Jahr, von denen allein auf der Kieler Woche 20 000 durch die Zapfhähne laufen. Sicherlich: Über Geschmack lässt sich streiten, doch in Bezug auf die produzierte Menge und Vielfalt, hat Flensburg die Nase vorn – Zwischenstand: 2:1 für die Stadt mit dem Plopp.

Körperertüchtigung

Das Maskottchen des THW. Foto: Michael Staudt
Das Maskottchen des THW. Foto: Michael Staudt

Und wo Bier fließt, ist der Ballsport oft nicht fern. Handball hat in beiden Förde-Städten eine lange Tradition. 73 Mal trafen die beiden Clubs seit 1990 bisher in der Bundesliga, dem DHB-Pokal und dem Europapokal aufeinander – 46 Mal ging der THW als Sieger vom Platz. Vier Mal wurde unentschieden gespielt. Doch das scheint der Begeisterung der Flensburger Fans keinen Abbruch zu tun. In Scharen strömen sie in die Flens-Arena, die sich rühmt, mit 1500 Plätzen die größte Stehplatz-Tribüne der Liga zu besitzt. Insgesamt ist die „Nord Hölle“ mit 6300 Plätzen jedoch deutlich kleiner, als die Arena des Konkurrenten. 10 250 Menschen können dort den Spielen beiwohnen. Doch der Kieler Handballfan scheint eher gemütlicher veranlagt. Beim Rekordmeister finden 100 Menschen weniger im Stehblock Platz. Es wird eher gesessen. Offensichtlich nicht die uneffektivste Art, seinen Verein anzufeuern. Ähnlich die Erfolgsbilanz auf dem Fußballplatz: Während Holstein Kiel aktuell in der dritten Bundesliga spielt, schafft es Flensburg mit dem ETSV Weiche nur in die Regionalliga Nord. Auch im Segeln, Rudern, American Football, Softball, Volleyball, Tischtennis oder Kegeln hängt Kiel Flensburg deutlich ab. In einer Sportart allerdings, lassen sich die Flensburger nichts vormachen: Dem Synchronschwimmen. Die „Fördenixen“ des TSB Flensburg sind die derzeit erfolgreichste Mannschaft der Republik. Jahr für Jahr stehen sie bei den Deutschen Meisterschaften auf dem Treppchen. Dennoch: Ausgleich für Kiel im Duell der Städte.

Wirtschaft

Die regionale Wirtschaft – hier ein Blick auf den Flensburger Ostufer-Hafen mit der Werft im Hintergrund – will investieren und neue Jobs schaffen. Foto: sh:z
Die regionale Wirtschaft – hier ein Blick auf den Flensburger Ostufer-Hafen mit der Werft im Hintergrund – will investieren und neue Jobs schaffen. Foto: sh:z

Von der Wirtschaftskraft ist es jedoch, im Vergleich zum restlichen Deutschland, um beide Förde-Städte nicht gut bestellt. Im Focus-Ranking, dass insgesamt 402 Landkreise und kreisfreie Städte in Deutschland miteinander verglich, schaffte es Kiel in diesem Jahr nur auf Platz 308, Flensburg sogar nur auf den 342. Rang. Ein knapper Vorsprung für die Landeshauptstadt und 2:3 im Städte-Duell.

Rotlicht

Die Prostituiertendichte ist an der Grenze deutlich höher. Foto: dpa
Die Prostituiertendichte ist an der Grenze deutlich höher. Foto: dpa

Ein etwas anderer Wirtschaftszweig ist das horizontale Gewerbe. Hier läuft Kiel dem kleinen Rivalen im Norden nur scheinbar den Rang ab. Während die Polizei in der Landeshauptstadt die Zahl der dortigen Prostituierten auf rund 250 schätzt, sind in Flensburg und Umgebung über 120 Kontaktadressen auf diversen Internetseiten frei einsehbar. Doch die Prostituierten-Dichte ist an der Grenze deutlich höher. In Skandinavien ist Prostitution verboten, in Schweden werden sogar die Freier bestraft, wenn sie für sexuelle Handlungen bezahlen. Kein Wunder, dass der Grenz Club bei Flensburg – nach eigenen Angaben der größte FKK- und Saunaclub im Land – floriert. Setzt man die Anzahl der Damen im horizontalen Gewerbe ins Verhältnis zu Bevölkerung holt Flensburg auf. 3:3 Unentschieden.

Essen & Trinken

Wer die Nacht nicht in der Horizontalen sondern in Kneipen und Restaurants verbringen möchte, kommt in beiden Städten auf seine Kosten. 321 Gastronomiebetriebe laden laut Handelskammer auf dem Flensburger Stadtgebiet zum Essen und Trinken ein. Die Anzahl Kieler Kneipen und Restaurants ließ sich bis Redaktionsschluss nicht ermitteln. „Als Hafenstadt hatte Flensburg schon immer eine große Kneipendichte“, erklärt Anke Lüneburg, Sprecherin der Flensburger Touristenagentur. Besonders um den Hafen und die beiden Märkte konnten Matrosen und Studenten bei Bier, Rum oder Helgoländer zünftig versacken. Kulinarisch ist hingegen ist die Grenzstadt sehr dänisch geprägt, weiß Tourismus-Sprecherin Anke Lüneburg und meint damit nicht das Hotdog. „Die Dänen essen sehr ausgiebig, mit vielen Gängen und viel Zeit. Das ist auch ein Teil des gesellschaftlichen Zusammenhalts“, erklärt sie. Das mache sich auch in vielen Flensburger Restaurants bemerkbar. Wo es die besseren Fischbrötchen gibt, darüber herrscht zwischen den Städten jedoch Uneinigkeit. Kulinarisch liegen beide Städte somit gleichauf. 4:4 im Duell der Städte.

Gästezahlen

Die Rezeption eines Hotels. Foto: Imago
Die Rezeption eines Hotels. Foto: Imago Foto: Fotolia

Dass beide Städte  ihren Reiz haben, zeigen die Touristenzahlen. Eine Million Tagesgäste verzeichnet die Flensburger Touristenagentur im Jahr. In Kiel sind es 18 Mal so viele. Ein Grund hierfür sind sicherlich auch die großen Kreuzfahrtschiffe, die während der Sommermonate die Kieler Förde anlaufen.  Allein in diesem Jahr werden 126 dieser schwimmenden Hotels im Kieler Hafen erwartet. Klarer Sieg also für die Landeshauptstadt. Kiel geht in Führung. Zwischenstand: 5:4.

Charme des Nordens

Touristenattraktion: Die Flensburger Apfelfahrt mit Traditionsschiffen. Foto: Michael Staudt
Touristenattraktion: Die Flensburger Apfelfahrt mit Traditionsschiffen. Foto: Michael Staudt

Auch wenn beide Förde-Städte wirtschaftlich nicht in der obersten Liga spielen – Charme haben sie dennoch. Und das eine ganze Menge. „In Flensburg ist es das besondere, dass es so hügelig ist und man von beiden Förde-Ufern traumhafte Blicke auf die Stadt hat“, schwärmt Anke Lüneburg. Auch die kleinen Hinterhöfe und schmalen Gässchen, die sich runter zum Museumshafen schlängelten, würden den Flensburger Charme ausmachen. Kiel beeindruckt hingegen durch die großen Pötte mitten in der Stadt. „Uns zeichnet der Hafen mitten in der Stadt aus. Sobald man am Bahnhof aus dem Zug steigt, sieht man schon die großen Schiffe“, sagt Eva-Maria Zeiske vom Kiel Marketing. Dieses Leben am, mit und auf dem Wasser sei das Besondere an der Landeshauptstadt. Unentschieden –  Kiel behauptet die knappe Führung.

Denkmäler & Co.

Flensburger Hofarchitektur. Foto: Michael Staudt
Flensburger Hofarchitektur. Foto: Michael Staudt

Auch die Liste der Denkmäler ist an beiden Förden ähnlich lang. Mit rund 600 zu circa 560 schützenswerten Bauten hat Kiel übernimmt Kiel im Städte-Duell zwar leicht die Führung, doch im Verhältnis zur Größe der beiden Städte hat Flensburg die Nase vorn. Kein Wunder: Schließlich blieb die Stadt im Zweiten Weltkrieg weitestgehend unversehrt. Flensburg holt auf. Gleichstand. 5:5.

Bilanz
So ließe sich noch stundenlang weitermachen. Sterberaten, Verschuldung, Studentenzahlen, Museen oder Theater. Doch die Bestandsaufnahme zeigt: Beide Städte haben ihren Reiz. Rivalen sind sie nicht. Ob nun im Tourismus, der Bildung auf politischer oder wirtschaftlicher Ebene – eine Zusammenarbeit stärkt Städte und Region. Im Sport sieht das vielleicht anders aus. Aber das ist eine andere Sache.

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