Findelkind-Mutter fast noch ein Kind

Sie fanden das Baby: Carmen Jensen mit Sohn Mats Jesper und Landwirt Johannes Petersen.
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Sie fanden das Baby: Carmen Jensen mit Sohn Mats Jesper und Landwirt Johannes Petersen.

Sie ist noch nicht einmal volljährig: Die Mutter, die ihr Baby in Nordhackstedt in einem Kuhstall ausgesetzt hat, ist erst 17 Jahre alt.

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16. Januar 2009, 12:36 Uhr

Nordhackstedt | Der Frühnebel hält sich ungewöhnlich lange über Nordhackstedt im Kreis Schleswig-Flensburg. Es scheint, als wolle er die Geschehnisse des Vortages verhüllen, bevor der einsetzende Regenguss die Erinnerungen daran unwiderruflich wegspült. Doch in den Köpfen der Menschen in Nordhackstedt hat sich Bestürzung und Anteilnahme festgesetzt. Darüber, dass am Mittwoch in einem Kälberstall ihrer Gemeinde ein Baby von seiner Mutter bei Eiseskälte hilflos ausgesetzt wurde.

Bürgermeister Toni Ingwersen zeigt sich geschockt. "Man denkt nicht, dass so etwas im eigenen Dorf passiert." Die Mutter indes verurteilt er nicht. "Sie hat sich ja etwas dabei gedacht, das Kind in den warmen Stall zu legen."
"Das Mädchen war wohl mit der Situation überfordert."
Die Mutter - sie stammt vermutlich aus der Gemeinde. Ein Bewohner, der nicht genannt werden möchte, sagt: "Sie ist noch jung. Aber sie kommt aus geordneten Verhältnissen. Ihre Mutter hat sich selbst immer rührend um die eigenen Kinder gekümmert." Was also hat das Mädchen dazu getrieben, ihr Kind auszusetzen? Der Altbauer vermutet: "Das Mädchen war wohl mit der Situation überfordert."

Pastor Frithjof Stahnke sagt: "Die Sache ist letztlich glücklich abgelaufen. Die Mutter wollte sicher, dass das Kind gefunden wird, und hat es deshalb kurz vor der Stallzeit zu den Kälbern gelegt." Der 50-Jährige will das Mädchen nicht zum schwarzen Schaf seiner Gemeinde machen. "So etwas macht man nicht aus einer Laune heraus. In welcher Not muss sie gewesen sein? Sie braucht jetzt Schutz."
Das Baby war schon blau angelaufen vor Kälte

Tierärztin Jana Kutzbach (31) sagt: "Ich bin erstaunt und betroffen. Es kann niemand verstehen, aus welcher Situation heraus die Mutter gehandelt hat. Vermutlich wollte sie die Schwangerschaft nicht wahrhaben."

Carmen Jensen hat das Baby gefunden. Die 30-Jährige vermutet: "Die Mutter muss verzweifelt gewesen sein."

Ohne Carmen Jensen wäre wohl Schlimmeres passiert. Sie wollte mit ihren beiden Söhnen Finn Jonas (4) und Mats Jesper (2) gegen 16 Uhr auf dem Hof von Nachbar Johannes Petersen nach Kälbern schauen. "Ich hörte ein leises Wimmern und habe das Baby auf Heuballen in einem Stoffbeutel gefunden. Es hatte noch Käseschmiere auf dem Kopf." Sofort steigen in Carmen Jensen "Muttergefühle und ein Schutzinstinkt" auf. Sie schnappt sich das Neugeborene, rennt ohne zu zögern los, in das Haus der Petersens. Dort habe sie das kleine Mädchen in warme Sachen gewickelt und sich mit ihm vor die Heizung gesetzt. "Es war schon blau angelaufen vor Kälte", sagt die 30-Jährige. Das Findelkind wurde schließlich mit Unterkühlung ins Krankenhaus gebracht, ist aber wohlauf.
Der Sternipark hat seine Hilfe angeboten
Die Polizei hat gestern noch einmal den Fundort untersucht. Durch den Hinweis eines Anwohners konnte die Kripo noch am Mittwoch abend die vermeintliche Mutter des Neugeborenen ermitteln. Ulrike Stahlmann-Liebelt von der Staatsanwaltschaft Flensburg sagt: "Das Mädchen ist 17 Jahre alt und noch nicht vernehmungsfähig." Es liege momentan im selben Krankenhaus wie das Neugeborene. "Wir wollen, dass das Jugendamt eingeschaltet wird", so Ulrike Stahlmann-Liebelt.

Der Sternipark in Hamburg hat seine Hilfe angeboten. Der Verein betreut Mütter und Neugeborene in Not. "Wir wollen helfen", sagt die stellvertretende Geschäftsführerin Leila Moysich.
Zwischen Mutter und Kind hat es im Krankenhaus ersten Kontakt gegeben

Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) erinnert an das bestehende Hilfenetz für Schwangere und Familien in Schleswig-Holstein. "Mütter in Konfliktsituationen können oft nicht über ihre Not sprechen. Im Konfliktfall ist es aber immer möglich, das Kind in andere gute Hände zu geben."

Was mit Mutter und Kind passieren wird, ist noch unklar. "Zwischen beiden hat es im Krankenhaus bereits eine erste Kontaktaufnahme gegeben", sagt Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt gestern.

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