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Nachwuchssorgen : Feuerwehr: Frauen an den Brand-Herd

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Wie Frauen in den Feuerwehren Verantwortung übernehmen und warum es so schwer ist, Nachwuchs zu finden.

shz.de von
erstellt am 03.Mai.2013 | 04:47 Uhr

Borgdorf-Seedorf / Kiel | Die Rollen sind klar verteilt. "Ihr holt das Wasser, ich hol’ das Auto." Nina Pingel, 37 Jahre alt, Wehrführerin in der 420-Seelen-Gemeinde Borgdorf-Seedorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) sagt den Männern vom Landesfeuerwehrverband aus Kiel wie der Hase läuft. Und Ingmar Behrens und Holger Bauer gehorchen prompt, denn die beiden Marketingstrategen wissen genau, dass sie auf Menschen wie Nina Pingel angewiesen sind, wenn die Feuerwehr in Schleswig-Holstein weiter einsatzbereit sein soll.
Denn das wird in Zukunft immer schwieriger, sagt Holger Bauer, der den ersten Feuerwehr-Marketing-Kongress am Sonnabend in Kiel organisiert, bei dem Nina Pingel über ihre Erfahrungen in der Feuerwehr berichten wird. "Der demografische Wandel trifft uns voll, und wir stehen erst am Anfang der Entwicklung." Schon jetzt haben einige Wehren im Land, Probleme die Sollstärke aufrecht zu erhalten. "Die Leute merken wohl erst, wo das Problem ist, wenn die Feuerwehr irgendwann mal nicht kommen sollte", sagt Ingmar Behrens. Dabei brauchten die Wehren rechnerisch nur zwei Prozent der Bevölkerung für den aktiven Dienst.

Viele scheuen die Verantwortung


In Borgdorf-Seedorf hat Nina Pingel sogar fünf Prozent, aber mit 21 Leuten liegt sie trotzdem unter der Sollstärke von 27. "Ich versuche, die Menschen gezielt anzusprechen, und für die Feuerwehr zu gewinnen. Das ist nicht immer leicht." Und: "Die Sicherheit wird gewährleistet, weil auch die Wehren aus den umliegenden Dörfern alarmiert werden", sagt Pingel. In dünn besiedelteren Flächen Schleswig-Holsteins ist das schwieriger. Doch die Wehren sind gesetzlich verpflichtet, zehn Minuten nach Alarmierung am Einsatzort zu sein. "Vor allem Tageseinsätze sind das Problem, weil da viele Kameraden nicht greifbar sind", sagt Bauer. Doch stimmt die Einsatzstärke nicht mehr, ist der Bürgermeister für die Sicherheit verantwortlich, am Ende könnte die Zwangswehr drohen - was in den freiwilligen Feuerwehren niemand will.
Seit Jahren werben die Wehren um neue Mitglieder. "Wir stehen in Konkurrenz zu allen anderen Ehrenamtsorganisationen wie Sportvereinen, Chören und so weiter", sagt Bauer. Viele Leute scheuten die Verantwortung in der Feuerwehr, es werde auch immer schwerer, Wehrführer zu finden.

"Wenn wir vier haben, ist das schon ein wildes Jahr"


"Ich war letztes Jahr die einzige, die das machen wollte", erzählt Nina Pingel. Sie ist seit 19 Jahren in der Feuerwehr, nicht immer zur Freude ihrer Familie. "Meine Mutter hat nur gesagt: Warum willst Du Dir das antun. Aber ich war einfach neugierig", sagt Pingel. Sie blieb dabei, ihr Mann ist auch in der Feuerwehr. "Zusammen sind wir ein Mitglied", sagt die Bauingenieurin, auch wenn sie jetzt durch ihren Posten aktiver ist. Die körperliche Belastung schaffe sie ohne Probleme.
"Das Klischee von der Feierwehr ist doch längst überholt", sagt Holger Bauer. Die Feuerwehr sei moderner geworden, trotzdem müsse überlegt werden, wie die Organisation noch attraktiver werden kann - etwa für Jugendliche, Frauen, Migranten oder Menschen mit Behinderungen. Jeder habe einen Platz in der Feuerwehr - auch wenn er nicht aus beruflichen Gründen immer verfügbar sein könne. Die Wehren benötigten Leute für Öffentlichkeitsarbeit, Verwaltung, Internetauftritt, nicht jeder müsse am Strahlrohr stehen, sagt Bauer. "Viele Menschen glauben, dass sie nicht genug Zeit haben. Wir treffen uns alle zwei Wochen für drei Stunden zum Übungsabend. Das ist besser, als vor dem Fernseher zu hocken", sagt Nina Pingel. In Borgdorf-Seedorf leitet sie die wenigen Einsätze im Jahr. "Wenn wir vier haben, ist das schon ein wildes Jahr."
Gut findet sie die Pläne des Landesverbandes zur Gründung einer Kinderfeuerwehr, wie es sie schon in anderen Bundesländern gibt. Dort sollen Jungen und Mädchen ab sechs Jahren eine umfassende Brandschutzerziehung bekommen und den Kontakt zur Erwachsenenwehr finden. Das Problem bleibt, dass nur ein Drittel der Aktiven aus der Jugendwehr den Sprung in die Erwachsenenwehr schafft. "Da müssen wir besser werden", sagt Behrens. Denn obwohl nur zwei Prozent der Menschen in den aktiven Dienst müssten, sagt er "Wir brauchen jeden." Sonst brennt es bald wirklich lichterloh bei den Wehren in Schleswig-Holstein.
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