Kegelrobben : Fett werden auf Helgoland

Robbenwinter auf Helgoland. Foto: Dewanger
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Robbenwinter auf Helgoland. Foto: Dewanger

Jeden Winter markiert Rolf Blädel die neu geborenen Kegelrobben auf Helgoland. So können die größten Raubtiere Deutschlands besser erforscht werden.

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18. Dezember 2009, 02:52 Uhr

Helgoland | Die kleine fette Plüschrolle windet und biegt sich. Raunzt. Rolf Blädel nähert sich dem Tier und bückt sich - ein wenig steif im unteren Rücken - nach der jungen Kegelrobbe. Der Robbenjäger will sich die Schwanzflosse greifen. Die Robbe schnappt. Schnell zieht Blädel die Hand zurück. "Jooo, is ja guuuut", sagt der bärtige Helgoländer in einem tief-brummigen Singsang. Ein minutenlanger Kampf folgt: fauchen und brummen, biegen, winden und bücken. Ein wenig Dünensand stäubt. Schließlich packt der Robbenjäger die Schwanzflosse des Tieres und drückt ab. Klack, fauch - die grüne Marke klemmt in der Flosse. Gebeugt dreht der 57-Jährige die Runde um die kleine Düneninsel vor Helgoland. Die ersten Babys dieses Winters sind bereits auf der Welt. Denn die Geburtssaison der größten Raubtiere Deutschlands ist um die Jahreswende, von November bis Mitte Januar.

 

Frühchen haben es schwer

Vier Wochen lang liegen die Tiere dann scheinbar regungslos im Sand und haben vor allem ein Ziel: fett werden. Dann verlieren sie ihren weißen Plüsch, das Lanugofell, und ein wasserabweisendes dunkles Fell wächst nach. Denn das eisige Nordseewasser kennt mit schwachen Tieren kein Erbarmen. Besonders Frühchen haben es schwer. Die ganz schwachen Tiere bringt der Jäger daher nach Friedrichskoog in die Aufzuchtstation. Die einzige Chance für die Kleinen. Die beiden Frühgeburten aus dem vergangenen Winter 2008/2009 konnte er aber nicht retten. "Da waren die Möwen schneller", sagt er bitter. Blädel blickt wieder auf. Hinter den Dünen schmiegt sich ein älteres Robbenbaby in den weißen Sand. "Da liegt der Speckball", sagt er knapp. Blädel hat es schon markiert. Mit großen Kulleraugen glotzt die Robbe zurück, kratzt sich kurz mit einer Flosse am Kopf und lässt sich in den Sand sinken. 2002 begann der Insulaner, die Kegelrobben zu kennzeichnen. Von Namen hält Blädel nichts. "Man soll die Tiere nicht vermenschlichen. Von mir kriegen die eine Nummer. Das reicht", sagt Blädel und setzt seinen Rundgang fort.

Geburt auf der Landebahn

Und doch - so manche Robbe ist ihm gut bekannt. Das Weibchen zum Beispiel, das sich beim Schwimmen mit dem Kopf im Plastikmüll verheddert hat. "Der hat sie derartig eingeschnürt, dass sie jetzt einen hellen Narbenring um den Hals trägt." Oder das Weibchen, das sich entschloss, ihr Junges auf einer Landebahn des Helgoländer Flughafens zu bekommen. Ehrensache, dass dafür der Flugverkehr auf eine andere Bahn wechseln musste. Oder der "Obermax" - für den Chef-Bullen hat Blädel dann doch einen Namen - den erkenne man schon am Gestank. Er nickt einer riesigen, vernarbten Fleischwalze zu, die sich in eine der höher gelegenen Dünen gefläzt hat. Der Wind treibt den brenzligen Moschusgeruch heran. "Vor ein paar Wochen lag er auf einer noch höheren Düne. Direkt an der Abbruchkante", feixt Blädel. Er war dabei, als der feine Sand zunächst langsam die Düne herunterrieselte und der fette Bulle schließlich mit einer Lawine hinabrauschte. Diesmal liegt der Vierteltonnen-Koloss sicher. Er reckt sich etwas und schließt entspannt die Augen. Auch Blädel kneift die Augen unter seiner Schirmmütze zusammen. Er blickt zu einer Gruppe faul herumlungernder Tiere auf den Kieseln des Strandabschnitts Aade. "Das ist die Junggesellenparty", erklärt er. "Die Männchen, die sich kein Weibchen erkämpfen konnten."

Helgoland als Erstwohnsitz

Die Tiere seien noch ziemlich unerforscht, sagt Blädel. "Mit der Markierung wollen wir mehr über ihr Leben erfahren." Zum Beispiel, wo die Robben entlangwandern. Die ganze Nordsee ist ihr Revier, etwa Hunderttausend Tiere haben sich dort und im östlichen Atlantik zusammengefunden. Knapp die Hälfte lebt vor Großbritannien, die Düne vor Helgoland nutzen etwa 150 als Erstwohnsitz.

Jedes Jahr mehr Geburten

Erst seit Ende der 90er Jahre nutzen die Kegelrobben die Hochseeinsel wieder als Kinderstube, erklärt Blädel. Und das, nachdem sie zuvor dort gänzlich verschwunden waren. Mit jedem Jahr verzeichnet der Robbenjäger mehr Geburten. 69 waren es im Winter 2008/09 - 66 davon haben die Kinderstube überlebt. Die Robben scheinen zu wissen, dass sie jetzt sicher sind. Denn bejagt werden sie seit 1972 nicht mehr. Ganzjährige Schonfrist nennt sich das - die einstigen Tran- und Fleischlieferanten unterstehen noch immer dem Jagdrecht. Auch Blädel ist Jäger. Eine jagdgrüne Weste über dem Norweger-Pulli, die braune Hose in die derben Stiefel gesteckt, so macht der 58-jährige Insulaner täglich seinen Kontrollgang. Erschießen musste er noch keine Kegelrobbe. Doch bevor ein Tier elendig verenden oder eine Krankheit verbreiten würde, müsste er abdrücken.

Der Insulaner geht die Runde meist allein, teilt sein "Jagdrevier" aber mit Naturfotografen auf der Pirsch. Hinter dem vom Wind aufgeworfenen Sand luken riesige Teleobjektive hervor, nahe der plüschigen Babyrobben hört man immer wieder stakkatohaftes Klicken. Das Kindchenschema wirkt. Blädel hingegen interessiert sich mehr für ein schon dunkel gefärbtes Robbenjunges. "Zeig mal deine Flosse", brummt er. "Hast du schon eine Marke?" Das Weibchen hat keine. Blädel schätzt, dass es von Amrum herübergeschwommen ist. Dort werden Kegelrobben auf einer einsamen Sandbank geboren und nicht markiert. Das ist jetzt Blädels Job. Bücken, Winden, klack, fauch - die Amrumer Robbe ist jetzt offiziell Helgoländerin. "Nummer 366".

Info: Die Insel bietet Touren zu den Tieren an: Jeweils Mittwoch, 6. , 13. und 20. Januar 2010.

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