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Familienväter nicht mehr nötig?

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erstellt am 31.Mai.2013 | 01:14 Uhr

Pinneberg | Die Sonderseite mit Neugeborenen in dieser Zeitung löst im allgemeinen Schmunzeln und gute Laune aus. Sie regt aber auch an zum Nachdenken, was die Kleinen in dieser Welt erwartet. Ist ein Knäblein dabei, das bei allein erziehender Mutti aufwächst, tut es mir leid.

Von der Geburt an bis zum zehnten Lebensjahr nehmen ihn nette, freundliche Frauen in ihre Obhut. In der Krippe, im Kindergarten und in der vierjährigen Grundschule kümmern sich nur Frauen um sein Wohlergehen.

Kein Mann, der den kleinen Kerl in die Luft wirft, auffängt, keiner, der ihn an der linken Hand und am linken Bein erfasst, im Flugzeugstil im Kreise dreht, wobei der Kleine vor Vergnügen brummt.

Wer nimmt ihn auf die Schulter, wo er der Größte, durch die Stuben trabt, im Fußballspiel er den Ball durch die langen Beine des Vaters treibt und vergnügt die Ärmchen hochreißt. Dann fällt er hin, doch ehe er ein Wehgeschrei anstimmt, hält der Vater den Finger an die Lippen und raunt ihm zu: "Ein Indianer spürt keinen Schmerz." Der Junge verkneift sich die Tränen und knirscht: "Jetzt bin ich ein Indianer!" Ein paar Jahre später. Vater und Sohn arbeiten im Garten. Machen Pause. Da sagt der Junge: "Wenn ich einmal groß bin, Vati, dann will ich werden wie du." Ein Junge braucht ein Vorbild. "Mein Vater ist stark. Was der alles kann!"

Nun die wahre Vater und Sohn-Geschichte. Die Rennsteig-Wanderung. Der junge Mann, inzwischen 16/17, spürt in sich ungeahnte Kräfte wachsen. Könnte die Welt erobern. Andererseits meint er in jugendlicher Überheblichkeit allen über 40 gegenüber nachsichtig sein zu müssen. Zu alt. Nicht mehr ganz ernst nehmen.

Der Rennsteig ist ein Wanderweg über die Höhen des Thüringer Waldes von Blankenburg im Südosten bis Ruhla bei Eisenach. 177 km. Eingeteilt in sieben Etappen. Übernachtungen in Waldgasthöfen. Bescheinigung durch die Wirte mit Stempel, Datum und Unterschrift.

Erfahrene Wandersleute des Rennsteig-Vereins erkannten den dritten Tag als Krise und reduzierten die Etappe auf 17 Kilometer. Wer Blasen an den Füßen, schmerzende Knie und die Nase voll hatte, "verzichtete weise auf den letzten Teil der Reise" (1), humpelte zum nächsten Bahnhof und fuhr nach Hause. Wer aber noch gut zu Fuß und guten Mutes war, schaffte auch die letzten vier Etappen.

Viel Schulwissen wurde aufgefrischt. Weimar. Goethe schrieb an die Wand der Hütte auf dem Kickelhahn über Ilmenau sein Gedicht "Über allen Wipfeln ist Ruh..."(2). Linkerhand ein Blick auf die Ruine Paulinzella (3).

An der Wegkreuzung weist ein Schild nach Erfurt. Dort lebte Luther als Mönch im Augustinerkloster (4). Die Krämerbrücke mit den kleinen Handwerkshäusern. Platzmangel durch die Stadtmauer.

Oberhof. Ein verschlafenes Walddorf, das zur DDR-Zeit zum Trainingscamp für Wintersportler avancierte (5). Biathlon, Rodeln, Bobfahren. Athleten heimsten bei Wintersport-Olympiaden viele Medaillen ein. Halblinks voraus die Wartburg (6). Mit dem Pallas, in dem die Minnesänger ihren Wettstreit austrugen. Der Wandfries mit Szenen aus dem Leben der Heiligen Elisabeth. Und die Lutherstube. Dort lebte der Reformator zwei Jahre in vorsorglicher "Schutzhaft" weil er vogelfrei war. Hier übersetzte er das neue Testament ins Deutsche. Von da an predigten die Pastoren "op düütsch.«

Die Tour war eher ein leichter Gepäckmarsch als ein leichtfüßiger Spaziergang. Alles, was in den sieben Tagen vonnöten sein könnte, musste im Rucksack mitgeschleppt werden. Ersatzschuhe, Wäsche, Regenzeug, eine Feldflasche, weil nicht überall ausgeschwitzte Feuchtigkeit durch eine Quelle oder ein Wirtshaus aufgefüllt werden konnte. Außerdem ein paar geräucherte Landjäger als Marschverpflegung, denn eine warme Mahlzeit gab es erst am Etappenziel.

Damals, Mitte der dreißiger Jahre im vorigen Jahrhundert, gab es keinerlei Ablenkung durch Handy, Musik (Knopf im Ohr), nicht mal einen Fotoapparat - aber viel Zeit für Gespräche über Gott und die Welt zwischen Vater und Sohn. Zum Beispiel die Berufswahl. "Die Sorge ist nicht unbegründet, wie man später Nahrung findet." (7). (W.B. Balduin Bählamm). "Leicht kommt man ans Bildermalen, doch schwer an Leute, dies bezahlen." (Wilhelm Busch, Maler Klecksel) (8).

Reicht es, ein Talent zum Beruf zu entwickeln, oder bleibt es besser eine Freizeitbeschäftigung? Vater hatte für alles ein passendes Fallbeispiel. Er sagte nie, "wenn das so ist, dann musst du." Ludwig Thoma verdiente seine Brötchen als Anwalt und wurde berühmt mit seinen Lausbubengeschichten, "ein Münchner im Himmel" (9) und vielen anderen.

Oder soll man versuchen, in eine reiche Familie einzuheiraten? Oder wie der Großvater, der mit einer handfesten Frau eine Existenz aufbaute als Bäcker. Oder wie Onkel Willi, der Beamter wurde? Anfangs und wenn die Kinder in der Ausbildung sind, ist das Geld knapp. Aber die Pension garantiert ein sorgenfreies Alter.

Da war viel die Rede von Verantwortung und Pflichten, auch für die Schwestern und für die Mutter im Notfall. All diese Gespräche können später in bestimmten Situationen eine Entscheidungshilfe sein. In manchen Fällen gilt auch der Satz: "So etwas tut man nicht."

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