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Verurteilter aus Schleswig-Holstein : Fall Ursula Herrmann: Das Verfahren zieht sich

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1981 starb die Zehnjährige, 2010 wurde der Täter verurteilt. Inzwischen geht es um Schmerzensgeld - aber nicht nur.

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erstellt am 16.Feb.2017 | 15:09 Uhr

Augsburg/Kappeln | Im Herbst 1981 erstickte die zehnjährige Ursula Herrmann am Ammersee in einer Holzkiste. Ein Mann aus Schleswig-Holstein hatte sie entführt, um Lösegeld zu erpressen. Er wurde vor sieben Jahren verurteilt, trotzdem geht das Verfahren weiter: Ursulas Bruder Michael Herrmann verlangt von dem Kidnapper 20.000 Euro Schmerzensgeld, weil er seit dem Prozess gegen den Täter einen Tinnitus habe. Der Zivilprozess läuft schon seit rund zwei Jahren und wird sich weiter in die Länge ziehen. Die Zivilkammer des Augsburger Landgerichtes ordnete am Donnerstag an, dass im Juni zwei Polizisten als Zeugen vernommen werden. Das damalige Urteil und ein früheres Gutachten werden nun ebenfalls in dem neuen Verfahren als Beweismittel gewertet.

Der Fall Herrmann zählt zu den bekanntesten Kriminalfällen in der Geschichte der Bundesrepublik - der Täter wurde in Schleswig-Holstein gefasst. Der Erpresser war erst im Jahr 2010 in Augsburg nach einem langwierigen Indizienprozess wegen erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Mehrere Beteiligte des Verfahrens haben ein Interesse daran, dass der Prozess neu aufgerollt wird.

Das Landgericht Augsburg sah es als erwiesen an, dass Werner M. das Mädchen am Abend des 15. September 1981 von ihrem Fahrrad gezerrt und in eine im Wald vergrabene Kiste eingesperrt hatte. Das Kind erstickte dort, weil Laub den Lüftungsschacht verstopft hatte. Ursula Herrmanns Eltern erhielten zwei Briefe, in denen ein Lösegeld von zwei Millionen Mark gefordert wurde, und mehrere Anrufe.

Der Fall Ursula Herrmann - eine Chronologie

Im Herbst 1981 schockte das brutale Verbrechen an Ursula Herrmann die Menschen in Deutschland. Die wichtigsten Daten des Kriminalfalles:

September 1981: Am 15. September wird Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee auf dem Nachhauseweg entführt und in ein Waldstück zwischen Schondorf und Eching verschleppt. Dort wird sie in einer im Waldboden vergrabenen Holzkiste eingesperrt.

September 1981: Einige Tage nach der Entführung geht bei Ursulas Eltern ein Erpresserbrief ein. Sie werden aufgefordert, ein Lösegeld in Millionenhöhe zu zahlen.

Oktober 1981: Rund drei Wochen nach der Entführung wird am 4. Oktober die Holzkiste mit der Leiche des Mädchens entdeckt. Nach dem Obduktionsergebnis war die Zehnjährige Stunden nach dem Kidnapping erstickt, da die Luftzufuhr zu der Kiste mit Laub verstopft war. In der Kiste wurden Lebensmittel und Kinderbücher gefunden. Von den Tätern fehlt jede Spur.

2002: Die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ berichtet erneut über den Fall. Es gehen zahlreiche Hinweise ein, darunter aber keine heiße Spur.

2006: Ein in Taiwan inhaftierter Deutscher wird verdächtigt, Ursulas Mörder zu sein. Die Spur erweist sich als falsch.

2008: In Schleswig-Holstein wird ein 58-Jähriger unter dringendem Tatverdacht verhaftet. Es soll sich um den mutmaßlichen Entführer handeln. Er war schon früher verdächtigt worden, es fehlten aber Beweise.

Februar 2009: Vor dem Landgericht Augsburg beginnt der Indizienprozess gegen den Mann und dessen Ehefrau. Ihm wird erpresserischer Menschenraub mit Todesfolge vorgeworfen, seiner Ehefrau Beihilfe dazu.

März 2010: Der Angeklagte wird zu lebenslanger Haft verurteilt, seine Frau wird aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Ursulas Bruder, Michael Herrmann, äußert Zweifel an dem Urteil: „Es wird Recht gesprochen, aber es geschieht keine Gerechtigkeit.“

Januar 2011: Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe bestätigt das Urteil gegen den inzwischen 60 Jahre alten Angeklagten.

Juni 2016: Michael Herrmann verklagt den Täter auf 20.000 Euro Schmerzensgeld. Herrmann will mit dem Zivilprozess auch die zahlreichen Rätsel des Falls noch einmal aufrollen. Der Bruder geht davon aus, dass es zumindest mehrere Mittäter gegeben hat. Auch die Verbindung des Falls Herrmann zu einem späteren Mord in München wurde nie aufgeklärt - an beiden Tatorten wurde die gleiche DNA-Spur sichergestellt.

Der Verurteilte lebte zuletzt in Kappeln an der Schlei und war dort erst 27 Jahre nach dem Verbrechen gefasst worden. Er war schon unmittelbar nach der Tat ins Visier der Ermittler geraten. Zentrales Beweisstück in dem Indizienprozess war ein Tonbandgerät, mit dem - laut einem Gutachten des Bayerischen Landeskriminalamts - die in den Erpresseranrufen hörbaren Tonsignale aufgezeichnet und abgespielt worden sein sollen. M. aber beharrte bis zuletzt darauf, das Gerät erst kurz vor der Hausdurchsuchung auf einem Flohmarkt gekauft und mit der Tat nichts zu tun zu haben. Seine mitangeklagte Ehefrau Gabriele wurde freigesprochen. Sie soll von dem Verbrechen gewusst haben. Der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil.

Der  Verurteilte bestreitet bis heute, Ursula Herrmann umgebracht zu haben. Sein Verteidiger begrüßt deshalb die Zivilklage des Bruders des Opfers: Er hofft, dass der Fall dadurch noch einmal aufgerollt werden kann. Und auch Michael Herrmann geht es bei seiner Klage nicht nur um seine Gesundheit: Er glaubt, dass es mehrere Täter gab - und hatte die Verurteilung kritisiert.

Die Kammer hat allerdings bereits Zweifel an den Erfolgsaussichten der Klage Herrmanns geäußert. Die Richter meinten, es sei fraglich, ob die Verursachung der Erkrankung dem verurteilten Täter direkt zugerechnet werden könne. Grund für die Erkrankung sei nach den bisherigen Angaben mehr das Strafverfahren und die nach Herrmanns Ansicht lückenhafte Aufklärung des Falls gewesen.

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