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Steigender Umsatz : "Fair Trade": Das Gewissen kauft mit

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Fair gehandelte Produkte sichern die Existenz von Kleinbauern in Entwicklungsländern. Konsum mit sozialem Bewusstsein liegt im Trend Der Umsatz hat sich in den letzten Jahren verzehnfacht.

Kiel | Lebensmittelskandale und Arbeiter, die in brennenden Textilfabriken sterben - die Deutschen werden nachdenklich beim Einkauf. Sie suchen Waren, die unter fairen Arbeits- und Lebensbedingungen produziert werden. Wohl auch deshalb hat sich der Umsatz mit Fair-Trade-Produkten in den letzten Jahren verzehnfacht. Allein im Jahr 2012 kauften Bundesbürger Waren im Wert von über einer halben Milliarde Euro - ein neuer Rekord, der in der vergangenen Woche für Aufsehen sorgte.
Längst werden die Waren nicht nur in Dritte-Welt-Läden der Kirchengemeinden angeboten, sondern auch in Supermärkten und bei Discountern. Allein 2012 sind 51 Unternehmen neu in den Handel mit Fairtrade-zertifizierten Produkten eingestiegen. Darunter große Ketten wie Edeka, Real, DM und Aldi Nord.

"Fair" ist nicht gleich fair

Auch das Sortiment ist umfangreicher geworden. Waren es Anfangs klassische Kolonialwaren wie Kaffee, Tee, Schokolade und Bananen, reicht die Palette heute von Wein und Reis über Gewürze, Süßigkeiten und Brotaufstrich bis Spielzeug und Dekoartikeln. Faire Rosen etwa haben inzwischen einen Marktanteil von 20 Prozent.
Doch nicht überall, wo "fair" drauf steht, ist auch "fair" drin, warnen die Verbraucherzentralen. Wer genauer hinschaut, sieht sich mit einer verwirrenden Fülle an Gütesiegeln konfrontiert, die alle mit dem Versprechen "fair" werben. Hersteller nutzen das Zugwort, um ihr Unternehmen in ein positives Licht zu rücken.

"Fair" ist nicht gleich "Bio"

Das Fairtrade-Siegel ist in erster Linie ein Sozialsiegel; dennoch wird ein umweltverträglicher und ökologischer Anbau angestrebt. Der faire Handel unterstützt die Produzenten bei der Umstellung auf Bio-Anbau. Nach Angaben des Forums Fairer Handel entfallen derzeit rund 76 Prozent des Absatzes fair gehandelter Waren auf Lebensmittel - die Hälfte der Lebensmittel ist "bio".
Erhebungen des Forums zeigen, dass Verbraucher zunehmend aus moralischen Gründen zu fair gehandelten Produkten greifen. Die Aspekte Geschmack und Qualität der Produkte haben an Bedeutung verloren. Heute spielt für die Käufer eine viel größere Rolle, ob die Waren in Verbindung zu Kinderarbeit stehen und ob die Produzenten faire Löhne erhalten. Stark schwankende Weltmarktpreise, der oftmals ausbeuterische Zwischenhandel und extrem niedrige Löhne reichen vielfach nicht aus, um die Lebenshaltungskosten der Menschen zu decken. Ziel des fairen Handels sind gerechtere Handelsstrukturen, um es benachteiligten Kleinbauern, Plantagen und Fabrikarbeitern zu ermöglichen, ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft nachhaltig zu sichern.

Langfristige Handelsbeziehungen und Unterstützung

Fairtrade-Organisationen legen außerdem Wert auf langfristige Handelsbeziehungen und unterstützen ihre Partner, indem sie vorfinanzieren und bei Bedarf Kredit geben. Von dieser Entwicklung profitieren nach Angaben der Geschäftsführerin des Forums Fairer Handel, Sabine Edler, mittlerweile mehr als 1,4 Millionen Kleinbauern, Handwerker und Arbeiter vor allem in Asien, Lateinamerika und Afrika. Ihnen werden gerechtere Löhne gezahlt und ein besserer Arbeitsschutz sowie Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung ermöglicht.
Der Importeur Gepa etwa vertritt die Ansicht, dass Verbraucher mit fair gehandelter Ware Spitzenprodukte zu einem fairen Preis kaufen, bei denen noch dazu "die ökologische und die soziale Qualität stimmen". Im Vergleich mit anderen Produkten vergleichbarer Qualität seien die Waren nicht teurer und lägen zum Beispiel bei Bioschokolade im unteren bis mittleren Preisfeld. Bis zu 50 Prozent des Kaufpreises einer fair gehandelten Packung Kaffee landen allerdings bei der Handelskette in Deutschland. Verbraucher sollten deshalb darauf achten, dass die Konzerne diese gute Idee nicht zu sehr für ihre Gewinnsucht pervertieren

Welche Siegel verlässlich sind

Weil gesetzliche Vorgaben fehlen, gibt es im fairen Handel jede Menge Siegel. Manche der Zeichen gelten nur einem einzigen Erzeugnis, andere decken große Produktgruppen ab. Am bekanntesten ist das grün-blaue Fairtrade-Emblem.Allerdings stößt der faire Handel schon jetzt an: Grenzen. T-Shirts, Jeans oder andere Kleidungsstücke mit einem Fairtrade-Siegel gibt es weltweit bislang nicht. Doch um Katastrophen wie vor gut drei Monaten in Bangladesch zu verhindern, als eine marode Textilfabrik einstürzte und mehr als 1000 Menschen in den Tod gerissen wurden, arbeite Transfair International derzeit an einem Siegel für faire Arbeitsbedingungen. Ob und wann dieses tatsächlich vergeben werden kann, ist jedoch völlig offen.
Bei noch komplexeren Produkten wie Smartphones oder Autos wäre der Nachweis von fairen Herstellungsbedingungen nicht nur sehr kompliziert, sondern vor allem ziemlich teuer. "Die Frage ist, ob der Verbraucher dann wirklich bereit wäre, die deutlich höheren Preise zu zahlen", sagte Edler.

Städte in Schleswig-Holstein werden aktiv

Nötig wäre das, wie jüngst die Aufstände in den Fabriken des Apple-Zulieferers Foxconn im nordchinesischen Taiyuan zeigte. Das Forum Fairer Handel fordert deshalb für die gesamte Wirtschaft verbindliche Regeln. "Egal ob Fair-Handels-Unternehmen oder konventionelle Unternehmen, alle sollten dazu gebracht werden, ihre menschenrechtliche Verantwortung wahrzunehmen", sagte Edler. Die Bundesregierung sei in der Pflicht, bereits bestehende Vorgaben der Vereinten Nationen wie etwa die UN-Leitlinien für Wirtschaft und Menschenrechte in Deutschland umzusetzen.
Einige Städte in Schleswig-Holstein wollen solange nicht warten. Sie motivieren ihrer Bürger und ortsansässige Unternehmen sich um den Titel "Fair Trade Town" zu bewerben. Lübeck zum Beispiel. An der Trave wird bereits mit fairem Kaffee und fairer Schokolade gehandelt und der weithin bekannte Hersteller Brüggen bietet sogar zwei faire Müsli-Riegel an. Auch Eutin bewirbt sich um den Titel. Kellinghusen und Eckernförde sind schon weiter . So wie in Paris, Madrid und Hamburg hängt in den beiden schleswig-holsteinischen Städten schon die Urkunde der Fairtrade-Organisation im Amtszimmer des Bürgermeisters.

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erstellt am 14.Aug.2013 | 09:30 Uhr

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