Radfahren in SH : Fahrradfahrer: Zwischen Kopfstein-Katastrophe und entspannter Veloroute

„Die Führung an Baustellen ist schlecht“, sagt Heinz Förster (72) vom ADFC Pinneberg und fügt hinzu: „Vor allem   An der Raa/Thesdorfer Weg.“  Auch der  örtliche ADFC kritisiert den Zustand der Radwege in der Kreisstadt.
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„Die Führung an Baustellen ist schlecht“, sagt Heinz Förster (72) vom ADFC Pinneberg und fügt hinzu: „Vor allem An der Raa/Thesdorfer Weg.“ Auch der örtliche ADFC kritisiert den Zustand der Radwege in der Kreisstadt.

Radfahren ist gesund, macht Spaß und ist umweltfreundlich. Es gibt also kaum einen Grund, nicht einfach loszuradeln. Außer...

shz.de von
07. Juli 2015, 17:28 Uhr

Hamburg will sich zur fahrradfreundlichen Stadt mausern, ein entsprechendes Programm stellte der Senat gerade vor. Denn bislang gibt die Hansestadt nur knapp ein besseres Bild ab als im Fußball: Würde es in der Tabelle der Fahrradparadiese eine Abstiegsmöglichkeit geben, wäre Hamburg gerade eben dem Relegationsplatz entwischt. Immerhin schneiden vier Städte über 200.000 Einwohner noch schlechter ab, wie die aktuellste Umfrage des Fahrradclubs ADFC belegt.

Die regelmäßige Umfrage des ADFC zum „Fahrradklima“ beruht auf einem freiwilligen Aufruf und ist nicht repräsentativ. Daher muss die Aktion mit Skepsis betrachtet werden. Radfahrer sollen in der Umfrage einzelne Aspekte wie Infrastruktur oder Führung um Baustellen in ihrer Stadt benoten. Die ausgewerteten Antworten des vom Bundesverkehrsministerium geförderten und vom infas Institut für Sozialforschung unterstützten Tests geben Anhaltspunkte für die Politiker. ADFC-Landeschef Heinz-Jürgen Heidemann aus Kellinghusen: „Der Fahrradklima-Test liefert zwar kein wissenschaftliches Ergebnis, aber ein verlässliches Stimmungsbild für die Situation vor Ort lässt sich ablesen.“ Die letzte Befragung fand 2014 statt.

In Hamburg radelt es sich demnach besser als in Köln, Bochum, Mönchengladbach und Wiesbaden. Bessere Großstädte für Radfahrer sind demnach: Alle anderen. Dass Münster so etwas wie das Bayern München der Fahrradstädte ist, ist altbekannt. Doch wie sieht es in SH aus?

Kiel: In den bundesweiten Top 10

Die Landeshauptstadt wird von vielen Radfahrern als fahrradfreundlich eingeschätzt. Die Radwege sind größtenteils in Ordnung, eine Veloroute führt von der Innenstadt bis zur Uni und bietet angenehmes Fahren. Das Radwegenetz bekommt in der Umfrage des ADFC die Note 2,5. Im bundesweiten Ranking schafft es die Landeshauptstadt sogar auf Platz 6 der fahrradfreundlichsten Städte über 200.000 Einwohner. In einem Punkt schnitten die Sprotten unterdurchschnittlich ab: Die Mitnahme von Rädern im öffentlichen Nahverkehr sowie die Konflikte mit Fußgängern.

Lübeck: Schmale Holperwege

Lübecks Altstadt ist eng. Die schmalen Gassen mit historischem Pflaster sind für Radfahrer nicht gerade ein Fahrvergnügen. Von den 39 Städten mit mehr als 200.000 Einwohnern landet die Königin der Hanse auch nur auf Platz 24. Das ist aber immer noch besser als Hamburg. Insgesamt ist es in Lübeck eher uneinheitlich: In einigen Bereichen gibt es Fahrradspuren, wie an der Untertrave vom Holstentor bis zum Hansemuseum. Gewünscht wird von ADFC und Co. auch eine in der Ratzeburger Allee. In anderen Bereichen sind die Radwege aus den 60er Jahren (wie in der Roeckstraße sogar mit Kantstein zum Fußweg – Unfallgefahr!). Der Zustand ist insgesamt sehr unterschiedlich.

Norderstedt: Das Radparadies vor den Toren Hamburgs

Bei den Städten zwischen 50.000 und 100.000 Einwohnern schickt SH genau drei Vertreter ins Rennen. Das Gelbe Trikot trägt dabei Norderstedt. Die Einwohner des jungen Städtchens sind sogar derart zufrieden, dass Norderstedt es auf Platz 8 von 100 Städten im Bundesvergleich schafft. Doch was hat Norderstedt, was andere nicht haben? Ein wichtiger Baustein ist laut Stadt dabei das Fahrradverleihsystem, das die Stadtverwaltung als weiteres öffentliches Verkehrsangebot eingeführt hat. Durch eine strategische Förderung des Fahradverkehrs möchte Norderstedt langfristig zu einer „fahrradfreundlichen“ Kommune werden und den Fahrradanteil von 19 auf 22 Prozent erhöhen. Norderstedt baut sein Fahrradwegenetz sukzessive aus. Neben einer wegweisenden Beschilderung für freizeitorientierte Routen verfügt Norderstedt über 100 Fahrradabstellanlagen im Stadtgebiet. An allen U-/AKN-Haltepunkten befinden sich zahlreiche Fahrradabstellanlagen. Die zentrale Bushaltestellen verfügen teilweise über Abstellplätze. In der Regel kann das Fahrrad mit direktem Zugang zum Bahnsteig und überdacht abgestellt werden. Mit Ausnahme von 6 bis 9 Uhr und 16 bis 18 Uhr ist sogar eine kostenlose Mitnahme in den U-/AKN-Bahnen möglich.

Neumünster: Pest

Der Großflecken in Neumünster gilt unter Radfahrern schlicht als Kathastrophe. Das graue, leicht ruppelige Kopfsteinpflaster unterscheidet sich nur minimal vom grauen, stärker ruppeligen Kopfsteinpflaster für Fußgänger. Und auch außerhalb der Innenstadt ist Neumünster nicht gerade beliebt unter Radfahrern. Es reicht nur für Platz 80 von 100. In Neumünster hat die Ratsversammlung schon 2013 beschlossen, radfahrerfreundlicher werden zu wollen. Ein Masterplan Mobilität steckt ehrgeizige Ziele: Bis 2020 soll der Anteil des Radverkehrs in der Stadt um 20 Prozent ausgebaut werden. Die Hauptverkehrsstraßen haben zumeist einen Radweg, es gibt eine (kurze) Fahrradstraße (Carlstraße), in der Radler Vorrang haben, und das Ziel, am Bahnhof eine Radstation zu bauen. Das ist aber noch Zukunftsmusik. Der jüngste Fahrradklima-Test des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs zeigte im Jahr 2014 aber laut ADFC-Sprecher Uwe Mohns, „dass es noch viel Nachholbedarf gibt. Die Gesamtnote 4,1 ist nicht berauschend.“ Größte Schwachpunkte seien die Oberflächen der Radwege und die Verkehrsführung an Baustellen. Die Innenstadt ist laut Test per Rad gut zu erreichen (Note 2,6). Mohns: „Es ist schon Einiges in Arbeit. Wir müssen aber noch dicke Bretter bohren.“

Flensburg: Cholera

Flensburg gehört im Fahrradklimaindex mit Platz 65 von 100 immerhin nicht zum unteren Drittel. Das war's dann aber auch schon. Flensburg überholt Neumünster hauptsächlich in den Werten für Fahrraddiebstahl (NMS: Note 5,1, FL: Note 3,7) und der Verfügbarkeit von Leihfahrrädern (NMS: Note 5,4 und FL: Note 2,7). Unsicher fühlen sich die Radfahrer in beiden Städten. Flensburg wartet mit steilen Straßen auf, die zum großen Teil mit Kopfsteinpflaster oder schlechtem Asphalt zum Risiko werden können. Auch muss man als Radfahrer häufig Umwege in Kauf nehmen.

Kellinghusen:  Spaß statt Stress

Die Kellinghusener Radfahrer finden ihre Stadt gut. In nahezu allen Bereichen der ADFC-Umfrage erlangt das Städtchen bessere Werte als die Durchschnittskleinstadt. Damit erringt es Platz 59 in der Bundestabelle und den ersten Platz unter den Kleinstädten unter 50.000 Einwohnern in SH. Etwas unzufrieden sind die Radfahrer aber mit der Mitnahme von Rädern im ÖPNV und auch die Möglichkeit, öffentliche Fahrräder spontan zu mieten ist schlecht. Doch die Infrastruktur und die Erreichbarkeit der Innenstadt werden als gut bewertet. Allein fünf ausgeschilderte regionale Radrundwege starten und enden am Bürgerhaus in Kellinghusen.

Itzehoe: Demo für besseren Verkehr

In Itzehoe arbeitet die Stadt an einem Masterplan Radentwicklung, der nach den Sommerferien vorgestellt und von den politischen Gremien beraten werden soll.  In der Stadt gibt es vor allem eine Debatte über Fahrradschutzstreifen, auf denen sich viele Kinder und Jugendliche unsicher fühlen. Unlängst gab es eine Demo für besseren Radverkehr. Henning Wendt, Ratsherr der Grünen: „Es geht darum, ganz dicke Bretter zu bohren. Irgendwo, irgendwann muss man anfangen.“ Das untermauerte er mit einer Zahl: „Über 5100 Menschen in Itzehoe benutzen jeden Tag das Fahrrad.“ So auch Carola Pommerening. Das brennendste Thema für sie sind Intoleranz, Ignoranz und Gedankenlosigkeit von Autofahrern: „Ich wünsche mir ein besseres Fahrradklima.“ 

Elmshorn: Es wird besser

Für Radfahrer an der Krückau scheint sich die Lage gerade in den vergangenen Jahren etwas zum Guten gewendet zu haben. In mehr als der Hälfte der ausgefüllten Bögen für den Fahrradklima-Index bestätigten die Teilnehmer, dass in jüngster Zeit etwas für den Radverkehr getan wurde – Note 3,4 in diesem Fall. Die Durchschnittsnote für die bundesweit 292 bewerteten Städte in der Größenordnung fiel mit 3,9 klar schlechter aus, und 2012 gab es bei diesem Thema für Elmshorn noch die Note 4. Die Erreichbarkeit der Innenstadt mit dem Rad erhielt von den Elmshornern die beste Note (2,2), die schlechteste gab es dafür, dass es keine öffentlichen Leihfahrräder wie zum Beispiel in Hamburg gibt (5,1). Auch die Oberflächenbeschaffenheit der Radwege wird stark kritisiert (4,9).

Rendsburg: Prädikat ausbaufähig

Eine Baustelle in Rendsburg lädt zu Umwegen ein.
Eine Baustelle in Rendsburg lädt zu Umwegen ein.

„Bisher haben Radfahrer in Rendsburg keine Lobby“, so die Einschätzung von Grünen-Politiker Klaus Schaffner. „Aber es tut sich etwas.“  Die Verkehrsführung an Baustellen steht an der Spitze einer Mängelliste, die Schaffner im Bauausschuss vorlegte. Diese zeigt auch die Bewertungen auf, die der ADFC für Rendsburg abgegeben hat. Danach erhält die Verkehrsführung an Baustellen die schlechte Schulnote 4,9.  Auch die Ampelschaltung an Radwegen (4,7) sowie die Reinigung der Radwege und Winterdienst mit der Note 4,6 sind schlecht bewertet. Diese Mängel müssten kurzfristig beseitigt werden, betonte Schaffner. Seine persönliche Liste ist aber noch länger: Die Reparatur einiger Radstrecken, das Beseitigen oder Ausweiten von Umlaufsperren, die Überprüfung der Beschilderung und das Versetzen von Schildermasten hält er für unumgänglich. „Da besteht heftiger Handlungsbedarf.“

Kappeln: Konzept ja, Geld nein

Die IGU (Interessengemeinschaft Umweltschutz) kämpft schon seit einer gefühlten Ewigkeit dafür, dass ihr Fahrradkonzept Anwendung findet – also etwa bessere Beschilderung, um Gefahrensituationen auszumerzen, oder breitere, gepflegtere Wege ohne Wurzelwerk, das von unten durch die Asphaltdecke dringt und ohne Hecken, die in den Weg reinwachsen. Es ist auch tatsächlich so, dass etliche Radwege dringend einer Verbesserung bedürfen, zumal in Kappeln viele Touristen mit dem Rad unterwegs sind. Gerade der Radweg raus zum Weidefelder Strand ist stellenweise eine echte Zumutung. Die Politik hat das Konzept durchaus begrüßt, wie immer mangelt‘s aber am Geld.

Wedel: Wo Baustellen zu Hindernissen werden

Wedel an der Elbe: Das muss doch ein Radfahrerparadies sein, oder? Weit gefehlt. Im Ranking des ADFC landet das Städtchen auf den hinteren Rängen (274 von 292). Mit 5,4 am schlechtesten benotet ist die Führung an Baustellen in der Stadt. Nur wenig besser steht es um die Breite der Radwege: Hier kassiert Wedel eine 5,3. Eine 5,2 gibt es für die Radwege-Oberfläche. Genau die war Anfang des Jahres im Bauausschuss Thema, verbunden mit der Idee, ein Kataster für die Radwege zu erstellen: Aus Kostengründen wurde dies jedoch abgelehnt. Für den Wedeler ADFC-Vorsitzenden Arne Meier ist das schlechte Ergebnis nicht überraschend. „Es hat sich in Wedel beim Thema Radfahren nichts zum Guten verändert. Es wird nicht investiert, es wird nicht geworben.“ Auch sei den Autofahrern nach wie vor nicht bewusst, wo sich Radfahrer bewegen dürften und wo nicht. Meiers Forderung: „Es wäre gut, wenn sich Wedel endlich mal klar pro Radverkehr und für eine Förderung aussprechen würde.“  Zumal trotz widriger Umstände immer mehr Menschen aufs Rad umsteigen würden.

Pinneberg: Fruststadt für Radfahrer

Das Schlusslicht der Städte im Land ist Pinneberg. Sogar noch hinter Eutin und Bad Segeberg. Nirgendwo sonst sind Radfahrer so unzufrieden mit ihrer Situation, besagt der Fahrradklima-Index des ADFC. Selbst im Bundesvergleich landet Pinneberg nur auf Rang 281 von 292. „Ich würde Pinneberg insgesamt eine Vier geben“, sagt Heinz Förster, Sprecher vom ADFC Pinneberg. Und bestätigt das Testurteil: „Vor allem die Leitung an den Baustellen ist schlecht.“ Er weiß, wovon er spricht. Der Halstenbeker ist im vergangenen Jahr etwa 8000 Kilometer geradelt. Die Vorsitzende des hiesigen Ortsvereins, Juliane Besendahl,  bekräftigt das schlechte Ergebnis und nennt Beispiele: „Besonders an der Osterholderallee ist die Situation katastrophal und für alle Beteiligten unglücklich.“ Vor einem Jahr sei dort die  Radwegenutzungspflicht aufgehoben worden. Seitdem müssen die Radfahrer auf der Straße fahren. „Das Problem ist  nur: Davon weiß kaum jemand“, so Besendahl. Generell gelte: Radfahrer müssen in Tempo-30-Zonen auf die Straße. „Doch die Autofahrer sind davon überzeugt, die Straße gehöre ihnen allein“, urteilt Besendahl. Die Querung an der Osterholderallee/Reitweg sei ein besonders explosives Gemisch. Ein weiteres Problem: Pinnebergs Straßen sind  lange  nicht saniert worden. Das macht sich auch an den Radwegen bemerkbar. „Besonders an der Elmshorner Straße ist es katastrophal“, sagt Besendahl. Der Radweg dort sei völlig kaputt. „Es herrscht eine große Unzufriedenheit“, fasst sie die Situation zusammen.

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