Abriss und Denkmalschutz : Fachklinik Aukrug: Entsetzen über geplanten Abriss des Altbau-Panoramas

Imposanter Anblick: Vom einem Wanderweg entlang des Parks der Fachklinik Aukrug betrachtet, breitet sich das Haupthaus mit den beiden Flügel aus. In spätestens fünf Jahren wird es nach den Modernisierungsplänen der Deutschen Rentenversicherung Nord dieses Ensemble nicht mehr geben. Fotos: Michael Ruff (3)
Imposanter Anblick: Vom einem Wanderweg entlang des Parks der Fachklinik Aukrug betrachtet, breitet sich das Haupthaus mit den beiden Flügel aus. In spätestens fünf Jahren wird es nach den Modernisierungsplänen der Deutschen Rentenversicherung Nord dieses Ensemble nicht mehr geben.

Die Fachklinik Aukrug soll umfangreich modernisiert werden, inklusive dem Abriss mehrerer Gebäude. Das Denkmalamt will den Kontakt suchen.

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19. August 2020, 19:03 Uhr

Aukrug/Lübeck/Kiel | Die Wanderwege des Naturparks Aukrug führen direkt an einem imposanten Gebäude vorbei. Es ist der „Altbau“ der Fachklinik Aukrug im Kreis Rendsburg-Eckernförde. An das Haupthaus schließen sich zwei symmetrisch ausgebaute Flügel an, die andeutungsweise einen angrenzenden Park einfassen – samt Liegewiese und Minigolf-Platz.

Das Backstein-Gebäude im Heimatschutzstil wurde vor knapp 90 Jahren fertiggestellt. Doch nun droht Ungemach: „Das Gebäude wird abgerissen“, sagt eine Pflegekraft, die zufällig vorbeikommt und von Spaziergängern auf die Architektur angesprochen wird.

Imposanter Anblick: Vom einem Wanderweg entlang des Parks der Fachklinik Aukrug betrachtet, breitet sich das Haupthaus mit den beiden Flügel aus. In spätestens fünf Jahren wird es nach den Modernisierungsplänen der Deutschen Rentenversicherung Nord dieses Ensemble nicht mehr geben. Fotos: Michael Ruff (3)
Michael Ruff
Imposanter Anblick: Vom einem Wanderweg entlang des Parks der Fachklinik Aukrug betrachtet, breitet sich das Haupthaus mit den beiden Flügel aus. In spätestens fünf Jahren wird es nach den Modernisierungsplänen der Deutschen Rentenversicherung Nord dieses Ensemble nicht mehr geben.

„Wir verfolgen das mit Entsetzen“

Die Fachklinik Aukrug ist ein Haus der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Nord. Naturnah in waldreicher Umgebung gelegen, bietet diese nicht nur den Patienten eine optimale Umgebung. Vielmehr sind hier auch viele Spaziergänger unterwegs, zumeist Naherholungssuchende aus der unmittelbaren Umgebung.

„Zuerst gab es nur eine Gerüchteküche“, sagt Silke Schaupp, Anwohnerin auf dem Gelände, die gerade mit ihrem Hund auf einem Naturpark-Wanderweg spazieren geht. „Doch jetzt scheinen die Abrisspläne konkret zu werden. Wir verfolgen das mit Entsetzen“, sagt die 61-Jährige. Und zwar nicht nur wegen des schönen Anblicks des Ensembles, sagt die Anwohnerin. Vielmehr sei ein Abriss der Gebäude auch ein Verlust wegen der „architektonischen und medizinhistorischen Bedeutung“.

Bestürzt über Abrisspläne: Anwohnerin Silke Schaupp.
Bestürzt über Abrisspläne: Anwohnerin Silke Schaupp.

Feste Pläne

Tatsächlich sind die Pläne bereits sehr konkret. Die Fachklinik Aukrug soll „in mehreren Bauabschnitten“ modernisiert werden, erläutert Sebastian Bollig, Sprecher der Deutsche Rentenversicherung Nord in Lübeck, auf Anfrage. Demnach sollen in der Zeit von Herbst dieses Jahres bis Dezember 2025 „nach derzeitiger Planung zwei bestehende Gebäudeteile abgerissen und durch ein neues Gebäudeteil ersetzt“ werden. Das historische Hauptgebäude mit den beiden Flügeln würde dabei ebenfalls fallen, bestätigt Bollig. Der Klinikbetrieb werde in der Zeit des Umbaus soweit wie möglich weiterlaufen.

Visualisierung 2025: Der Entwurf des neuen Eingangsbereichs der Fachklinik Aukrug mit Büros und weiteren Therapieräumen.  Illustration: Deutsche Rentenversicherung Nord
Illustration: Deutsche Rentenversicherung Nord
Visualisierung 2025: Der Entwurf des neuen Eingangsbereichs der Fachklinik Aukrug mit Büros und weiteren Therapieräumen.

Anderes Profil

Grund der Modernisierung: „Die teilweise aus den 1930er Jahren stammenden Gebäude entsprechen leider nicht mehr den Anforderungen einer zeitgemäßen Unterbringung von Rehabilitanden“, so Bollig weiter. „Es gab zunehmende Beschwerden über die Unterbringung in den beiden Bettenhäusern.“ Die letzten Grundsanierungen lägen teilweise 40 Jahre zurück.

Auch das Haus selbst blickt auf eine bedeutende Geschichte zurück: In den späten 1920er Jahren wurde die heutige Fachklinik Aukrug als Lungenheilanstalt zur Behandlung der Tuberkulose geplant und 1931 eröffnet. Allerdings: „Die damaligen Konzepte haben sich überholt, und auch die medizinischen Indikationen haben sich geändert.

Aukrug ist schon lange keine TBC-Klinik mehr, sondern eine moderne Rehabilitationseinrichtung, die sich auf die Behandlung von orthopädischen und psychosomatischen Erkrankungen spezialisiert hat“, erklärt Bollig. Nach Angaben der DRV werden heute in der Fachklinik Aukrug jährlich rund 3000 Rehabilitationspatienten untergebracht und behandelt.

Heute zumeist privat bewohnt: Ehemalige Mitarbeiterwohnungen, die noch nicht abgerissen worden sind.
Michael Ruff
Heute zumeist privat bewohnt: Ehemalige Mitarbeiterwohnungen, die noch nicht abgerissen worden sind.

Weite Wege für Patienten

Insbesondere die langen Wege zwischen den unterschiedlichen Gebäuden machten es den multimorbiden Patienten – also jenen, zumeist älteren, die von mehreren chronischen Krankheiten betroffen sind – „unnötig schwer“, sagt der Sprecher. Deshalb hätten die Klinik und die Eigentümerin, die Deutsche Rentenversicherung Nord, ein Konzept zur Modernisierung erarbeitet.

„Ziel ist ein wirtschaftlicher und zukunftsfähiger Klinikbetrieb und damit der Erhalt der mehr als 150 Arbeitsplätze in der Region“, sagt Bollig. Es gehe der Klinik darum, ihren Rehabilitationspatienten Zimmer mit einer modernen, zeitgemäßen Ausstattung anzubieten. „Insgesamt bleibt durch den geplanten Umbau die derzeitige Kapazität von 221 Betten sowie einem Schlaflabor mit acht Plätzen erhalten.“ Der Umbau werde „den Fortbestand der Klinik für die nächsten Jahrzehnte sichern“, betont der Sprecher.

Dies kann Anwohnerin Silke Schaupp mit dem Vorhaben nicht versöhnen. Sie selbst bewohne mit ihrer Familie seit 22 Jahren eine ehemalige Mitarbeiterwohnung in unmittelbarer Nähe. „Unser Haus sollte auch weg“, sagt sie – wie einige andere Mitarbeiterwohnungen ebenfalls. „Wir haben Jahre gebraucht, bis wir endlich das Haus kaufen und so vor dem Abriss retten konnten.“ Die Gebäude seien solide.

Unser Haus hat nicht einen Riss – und das Klinik-Gebäude auch nicht. Silke Schaupp

Tatsächlich ist das Klinik-Gebäude in solidem Rotsteinmauerwerk errichtet. Experten sprechen von einer „materialgerechten Konstruktion“. Offensichtlich war es dem damaligen Architekten Dipl.-Ing. Harald Ensrud ein besonderes Anliegen, ein dauerhaftes Gebäude zu realisieren. Unter Bauhistorikern gilt dies für die Zeit der Entstehung des Hauptgebäudes – in den 1920er Jahren – durchaus als zeittypisch.

Denkwürdiges Gebäude ohne Denkmalschutz – noch

„Der Gebäudekomplex oder Teile davon stehen nicht unter Denkmalschutz.“ Darauf verweist der DRV-Sprecher. Zwar sei in den Planungen zunächst „eine Modernisierung unter Erhalt von Teilen der historischen Grundsubstanz des Hauptgebäudes“ erwogen – doch dann verworfen worden. Bollig: „Insbesondere aus der Belegschaft der Klinik kam der Wunsch nach einem zeitgemäßen beruflichen Umfeld ohne Kompromisse.“

Gleichwohl aber steht das Ensemble beim Landesamt für Denkmalpflege in Kiel auf einer Liste für den Kontrollbedarf. Dies teilt Diana Härtrich, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Landesamt, auf Anfrage mit. Das bedeute, dass die historischen Gebäude der Fachklinik „auf ihren besonderen Denkmalwert hin zu überprüfen“ seien, sagt die Landesamts-Expertin für Inventarisierung. „Wir haben das Objekt auf dem Schirm“, betont Diana Härtrich. „Wir werden uns noch um einen Kontakt vor Ort bemühen.“

„Architektonische Besonderheiten in den historischen Gebäudeteilen wie die Mosaike von Alwin Blaue bleiben jedoch erhalten und werden in den Neubau integriert“, sagt indes der DRV-Sprecher. So befinden sich an den Fassaden des Klinikgebäudes Reliefs des Kieler Bildhauers Alwin Blaue (1896 - 1958). Die Motive sind stark abstrahierte Pflanzen und Tiere. Sie stehen im Kontext der Nutzung des Gebäudes als Tuberkuloseklinik. Der Aufenthalt in frischer Luft, in der Natur, war wesentlicher Bestandteil der Therapie in der Behandlung der Patienten. 1940 ist Alwin Blaue die Berufsausübung von den Nationalsozialisten untersagt worden.

Architektonisch bedeutend: Die Reliefs von Alwin Blaue (1896 - 1958) sollen in den Neubau integriert werden.
Leif Ruffmann
Architektonisch bedeutend: Die Reliefs von Alwin Blaue (1896 - 1958) sollen in den Neubau integriert werden.

Ein Gebäude wird bleiben

Insgesamt ist die geplante Modernisierung ein kostenträchtiges Projekt: Die DRV Nord habe im Haushalt für die Fachklinik Aukrug Investitionen bis 2025 in Höhe von rund 48 Millionen Euro eingeplant, sagt ihr Sprecher.

Es gibt ein weiteres historisches Gebäude auf dem Gelände, das mit seinem reetgedeckten Krüppelwalmdach ins Auge fällt: Das ehemalige Nachfürsorgeheim für geheilte Patienten der Tuberkulose-Klinik. Dieses Gebäude bleibt von den Baggern verschont. Sebastian Bollig: „Nach Abschluss der Baumaßnahmen – voraussichtlich Ende 2025 – soll der im Außenbereich liegende historische Heidhof verkauft werden.“ In der Vergangenheit habe es bereits Interessenten für das Gebäude gegeben.

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