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Facebook Interview

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

von
erstellt am 03.Feb.2014 | 17:00 Uhr

Was vor zehn Jahren in einer amerikanischen Studentenbude entwickelt wurde, ist heute mit über einer Milliarde Nutzern das größte Netzwerk der Welt. Am 4. Februar feiert Facebook zehnten Geburtstag. Was hat ein Jahrzehnt Facebook mit uns gemacht? Wir haben Heidrun Allert, Professorin für Pädagogik mit Schwerpunkt Medienpädagogik und Bildungsinformatik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, gefragt.

Wie haben zehn Jahre Facebook unsere Gesellschaft verändert?

Die Attraktivität von Facebook kann man nur im Kontext verstehen. Die Gesellschaft und die Anforderungen an uns haben sich so sehr gewandelt, dass heutzutage die Entwicklung unserer eigenen Identität unglaublich wichtig ist. Wir müssen unseren Lebenslauf selbst entwickeln. Wir können nicht mehr sagen: Meine Familie/mein Dorf/meine Partei/meine Kirche will von mir, dass … Wir fragen uns immer wieder: Wer bin ich eigentlich? Welche Optionen möchte ich nutzen? Die Gesellschaft wird immer flexibler. Die Nutzung von Facebook ist nicht ohne diesen gesellschaftlichen Wandel vorstellbar.

Und wie hat sich Facebook selbst verändert?
Facebook hat sich sehr stark entwickelt. Dabei orientiert sich das Unternehmen an der Nutzung. Ein Beispiel: Mittlerweile kann man Gruppen definieren, man kann Freunde kategorisieren in „enge Freunde“, „Bekannte“ oder sie einer selbst benannten Gruppe zuordnen. Das ist mit der Zeit erst entstanden.

Fotos von Reisen. Mädchen im Spiegel. Statusmeldungen über das Feierabendbier. Die Profilseite hat ganz viel mit Selbstdarstellung zu tun. Was steckt psychologisch dahinter?
Wenn man sich die öffentliche Diskussion anhört, dann klingt es schnell so, als würden wir uns oftmals besser darstellen als wir sind. Tatsächlich wissen wir aber alle nicht so genau, wer wir sind. Jugendliche noch weniger als Erwachsene. Wir sind ständig auf der Suche nach unserer Identität. Auch Facebook nutzen wir dazu, das herauszufinden. Es fängt damit an, dass man ein Profil generiert, ein Bild von sich hochlädt. Kurz später guckt man sich das an und denkt: „ja, geht“ oder „nein, geht nicht“. Jugendliche laden häufig Bilder von sich hoch und testen, wie andere darauf reagieren. Es ist wie ein Spiegel, durch den ich mich immer wieder selbst erkenne und erfinde. Der Prozess der Klärung der eigenen Identität ist besonders für Jugendliche wichtig und Teil ihrer Entwicklung.

Facebook und Cybermobbing sind eng verknüpft. Bedarf es Ihrer Meinung nach hier noch mehr Medienerziehung?
Es kommt immer öfter vor, dass Konflikte im Netz auch Konflikte auf dem Schulhof herbeiführen. Wichtig ist es, diese Situationen in der Klasse oder mit den Eltern zu besprechen und gegebenenfalls juristisch zu klären. Wenn zum Beispiel erotische Fotos von jungen Mädchen, die sie ihrem Freund im vermeintlichen Vertrauen geschickt haben, über ein Netzwerk verbreitet werden, dann wird oftmals das Mädchen schlecht gemacht. Dabei ist doch das asoziale Verhalten, dass es weiter kursiert! Das kann man nicht einfach so geschehen lassen. Natürlich gibt es Rechte, Pflichten und verantwortliches Handeln auch im Netz. Übrigens auch seitens der Netzwerke selbst: Viele kommen ihren Verpflichtungen beim Datenschutz und dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung nicht nach – was auch jugendliche Nutzer kritisch diskutieren. Andererseits werden Informationen durch die Netzwerke gefiltert. Das sollte man sich bewusst machen. Medienkompetenz hieße dann auch, nach alternativen Perspektiven zu suchen, unter anderem in klassischen Medien wie renommierten Tageszeitungen.

Sind Jugendliche heute Außenseiter, wenn sie nicht bei Facebook sind?
Das ist tatsächlich ein Problem, dass es keine individuelle Entscheidung mehr ist, es zu nutzen oder nicht. Es kann durchaus sein, dass Jugendliche, die als einzige in der Klasse nicht angemeldet sind, Dinge nicht mehr mitbekommen – zum Beispiel die Organisation von Treffen. Man ist dann nicht nur isoliert, weil man bei Facebook nicht dabei ist, sondern auch in der realen Welt.

„Freundschaft ist ein auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander“, sagt der Duden. Hat sich diese Definition durch Facebook verändert?
Facebook hat nicht die Macht, einen neuen Freundschaftsbegriff zu definieren. Kinder und Jugendliche sagen zum Beispiel, dass sie viel weniger Freunde haben, als es auf Facebook der Fall ist. Ich halte es außerdem nicht nur für negativ, 500 Freunde bei Facebook zu haben. Der Soziologe Mark Granovetter hat schon vor Langem analysiert, dass es starke und schwache Bindungen gibt – beide haben ihre Vorteile. Starke Bindungen sind emotionsstark, schwache sind informationsstark. Es ist so gesehen sinnvoll, mit Leuten nicht im Sinne einer klassischen Freundschaft in Kontakt zu stehen, aber andere Informationen zu teilen, die z. B. förderlich für die berufliche Orientierung sein können.

Eine Studie hat jüngst gezeigt, dass Facebook in den USA einen starken Aderlass bei jungen Mitgliedern verzeichnet und immer mehr Senioren Mitglied werden. Bekommt Facebook Falten?
Tatsächlich nutzen immer mehr Erwachsene im mittleren und höheren Alter das Netzwerk. Mittlerweile melden sich Eltern an, bevor ihre Kinder ins Facebook-Alter kommen – damit sie schon mal da sind, wo ihre Kinder bald aufschlagen. Andererseits haben Jugendliche das Bedürfnis, Räume zu erkunden, in denen sie von den Eltern nicht beobachtet werden. Wenn sich also Eltern auf Facebook anmelden, finden deren Kinder andere Wege. Man kann beobachten, dass Jüngere mittlerweile andere Netzwerke für sich entdecken, zum Beispiel Snapchat, Tumblr oder Instagram.


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